Westliche Nachrichtenagenturen informierten über eine Tourismus-Krise in Lettland, wo über 85 Prozent der Gästehäuser mit einer Stornierung von Buchungen aufgrund der Gefahren durch ukrainische Drohnen konfrontiert worden sind. In Russland existiert derweil ein entgegengesetztes Bild: Vor dem Hintergrund des langjährigen Konflikts mit dem Westen sowie der ständigen Annullierungen von Flügen und Bahnreisen verheißen die Staatsbeamten eine Zunahme des Incoming-Tourismus um 20 Prozent bereits in diesem Jahr. Urlauber aus der Russischen Föderation würden Myanmar, Venezuela, Kuba, Kirgisien, Usbekistan und Uganda erwarten, meldete die russische staatliche Nachrichtenagentur TASS (und löste dabei ein ironisches Lächeln bei Experten und Beobachtern aus – Anmerkung der Redaktion).
Ostlettland, das man als „Land der blauen Seen“ bezeichnet, ist mit einer Krise vor dem Hintergrund eines Rückgangs des Touristenstroms konfrontiert worden. Diese haben vor den Luftalarmen Angst, mit denen die Überflüge ukrainischer Drohnen begleitet werden. Die örtlichen Behörden fordern auf, die entsprechenden Schutzräume aufzusuchen, und versuchen gleichzeitig, die Letten davon zu überzeugen, dass es ungefährlich sei, in der Region Urlaub zu machen, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters.
Laut ihren Angaben plane sogar Lettlands Premier Andris Kulbergs, seinen Sommerurlaub dort zu verbringen, wohin es die Letten vorziehen nicht hinzufahren. Einheimische Besitzer von Gästehäusern halten jedoch solch eine Regierungsagitation für eine zu verspätete. Laut Umfragen der dortigen Unternehmensvereinigung der Tourismusbranche wurden rund 85 Prozent der Unternehmen bereits mit einer Stornierung von Buchungen aufgrund der Angst vor ukrainischen Drohnen konfrontiert. Und einige Geschäftsleute haben schon über die Hälfte ihrer künftigen Bestellungen verloren. Seit März dieses Jahres haben Drohnen der ukrainischen Luftstreitkräfte begonnen, in den Luftraum Lettlands und der benachbarten baltischen Länder einzudringen, von denen einige „französische NATO-Flugzeuge“ abgeschossen hätten, erklären einheimische Unternehmer den Grund für die Tourismus-Krise.
In Russland aber sind die Verluste aufgrund des militärischen Konflikts mit dem Westen und der eigenen technogenen Havarien weitaus größer, doch es gebe keine Krise in der Tourismusbranche, versichern Staatsbeamte. Der Strom ausländischer Touristen nach Russland könne in diesem Jahr um 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zunehmen und sieben Millionen Reisen erreichen, verhieß Nikita Kondratjew, Leiter des Departments für multilaterale Wirtschaftszusammenarbeit im Ministerium für Wirtschaftsentwicklung der Russischen Föderation.
Im Jahr 2026 könne der gesamte Touristenstrom in Russland die Marke von 185 Millionen Reisen überwinden, und ländliche Gebiete könnten zu einem der am schnellsten wachsenden Richtungen auf der Tourismuskarte des Landes werden, berichtete Natalia Chudjakowa, Leiterin des Zentrums für nachhaltige Entwicklung der staatlichen Bank Rosselchosbank.
Die Kraftstoffkrise, die sich ausweitenden Einschränkungen für den Verkauf von Benzin, die Attacken ukrainischer Drohnen auf Personenzüge oder die regelmäßigen Verschiebungen oder gar Annullierungen von Flügen werden für Russlands Bürger zu wichtigen Faktoren bei der Planung ihres Urlaubs.
Vor dem Hintergrund der Probleme mit dem Bahnverkehr und der Einschränkungen für den Benzinverkauf ist die Nachfrage für einen Urlaub auf der Krim spürbar zurückgegangen, betont man in der Vereinigung der Reiseveranstalter Russlands (ATOR). Laut Angaben der ATOR lag die Anzahl der Stornierungen von Buchungen in der ersten Juni-Woche über der Anzahl von neuen Bestellungen. Und im Vergleich zu den Mai-Feiertagen mache der Einbruch der Buchungen um 54 Prozent in den ersten zwei Juni-Wochen aus. Hauptnutznießer der sich daraus ergebenen Umverteilung der Nachfrage wurde Anapa in der Verwaltungsregion Krasnodar. In diesem Schwarzmeer-Urlaubsort waren im vergangenen Jahr rund 150 Strände durch die zuständigen Behörden als ungeeignete aufgrund deren massenhaften Verschmutzung durch Schweröl nach dem Untergang von zwei russischen Tankern in der Region im Dezember 2024 eingestuft worden. Von den Touristen, die damals in Hotels und Sanatorien von Anapa und des Verwaltungskreises Temrjuk gekommen waren, forderte man eine schriftliche Bestätigung, wonach man mit dem Verbot für ein Baden im Schwarzen Meer und mit der Schließung der Strände vertraut gemacht worden sei. In diesem Jahr sind aber die Einschränkungen teilweise aufgehoben worden, obgleich alle Folgen des Untergangs der beiden Tanker immer noch nicht vollends beseitigt worden sind.
In Anapa sind für die Urlauber 4,5 Kilometer Sandstrände, aber auch alle Kieselstein-Abschnitte der Küste zugänglich. Darüber informierte man im zuständigen operativen Stab der Verwaltungsregion. Ende März dieses Jahres hatte der russische Vizepremier Vitalij Saweljew erzählt, dass auf den Stränden von Anapa über 90 Prozent des Schweröls entfernt worden seien.
Im April wurden jedoch unweit der Küste von Anapa weitere Ölflecken entdeckt. Einer von ihnen konnte möglicherweise aufgrund von Attacken ukrainischer Drohnen gegen Schiffe im Schwarzen und Asowschen Meer, aber auch gegen Infrastruktur-Objekte im Küstenbereich entstanden sein. „Die Arbeiten zur Entfernung der angeschwemmten Erdölprodukte am zentralen Stand von Anapa werden innerhalb eines Tages abgeschlossen“, hatte man damals im operativen Stab mitgeteilt. Der Sand an den Stränden von Anapa sei jetzt sauberer als an der Côte d’Azur in Frankreich, behauptete Vizepremier Dmitrij Tschernyschenko.
Ungeachtet der aktuellen Situation um die Verschmutzungen im Gebiet von Anapa zieht es ein Teil der Touristen vor, hier anstelle der Krim-Strände Urlaub zu machen. Die FOLGE: Im Zeitraum vom 29. Mai bis einschließlich 5 Juni ging die Anzahl der Neubuchungen für Krim-Reisen um 25 bis 35 Prozent im Vergleich zur vorangegangenen Woche zurück, informierte die ATOR. Dabei nimmt die Anzahl der Stornierungen weit zu.
Im Zusammenhang mit den offenkundigen Problemen mit der Organisation des Urlaubs in Schwarzmeer-Kurorten ziehen es unsere Beamten vor, über den Touristenaustausch mit China zu berichten. Im ersten Quartal dieses Jahres haben Bürger der Russischen Föderation und der Volksrepublik fast eine Million Reisen dank dem geltenden visafreien Regime unternommen, erzählte Russlands Minister für Wirtschaftsentwicklung Maxim Reschetnikow. Nach seinen Worten sei die Verlängerung der vereinfachten Einreisemodalitäten zu einem der Schlüsselfaktoren für die Zunahme der Anzahl von Reisenden geworden. „Russland und China verstärken konsequent die Zusammenarbeit im Bereich des Tourismus, dehnen die humanitären Kontakte aus und schaffen neue Möglichkeiten für gegenseitige Reisen“, erläuterte Minister Reschetnikow. Der Dialog Russlands und Chinas wurde beim internationalen Tourismusforum „Reise!“ fortgesetzt, das vom 10. bis 14. Juni in Moskau auf dem Territorium der WDNCh stattfand. Auf dem Programm dieses Forums waren auch nationale Stände von zwölf Ländern eingerichtet worden. Unter ihnen Weißrussland, Nikaragua, Thailand, Sri Lanka, Myanmar, Venezuela, Kuba, Kirgisien, Usbekistan, Uganda und Abchasien.
P. S.
Während des erwähnten Tourismusforums „Reise!“ waren viele interessante Details mit Blick auf den Auslandstourismus zu erfahren. So hat laut chinesischen offiziellen Angaben der russisch-chinesische Tourismus im vergangenen Jahr ein Wachstum von 17 Prozent erlebt. Hinter dieser Zahl stehen 3,3 Millionen Reisen von Russen und Chinesen nach China bzw. Russland. Der für den Tourismus zuständige russische Vizepremier Dmitrij Tschernyschenko teilte mit, dass in den ersten vier Monaten dieses Jahres 1,6 Millionen ausländische Touristen – ein Plus von 30 Prozent – das Land besucht hätten. Vage Hoffnungen setzen die Offiziellen gleichfalls in die Einführung eines visafreien Reiseverkehrs. In diesem Jahr soll solch ein Regime mit Indonesien, Malaysia und Kuweit eingeführt werden.
Freilich machen die ständigen ukrainischen Drohnen-Attacken gegen Ziele in Russland das Reisen sowohl für die Bürger des Landes als auch für die ausländischen Touristen zu einem wahren Stresstest. Beinahe jeden Tag melden russische Agenturen Unterbrechungen in der Arbeit einer großen Anzahl von Flughäfen. Allein am Donnerstag annullierten Aeroflot und die Tochterairline „Rossia“ über 170 Flüge ab und nach Moskau, da die entsprechenden Flughäfen zeitweise die Arbeit aus Sicherheitsgründen unterbrechen mussten. Zählt man noch die gestrichenen Flüge anderer Fluggesellschaften hinzu, so ergibt sich für den Donnerstag gar die Zahl von 527 Flügen allein für Moskau. Und welcher ausländischer Tourist will schon gern seinen Urlaub in einem der russischen Flughäfen verbringen?