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Russlands Weltraum-Pläne werden mit 4,5 Billionen Rubel beziffert


In Russland hat die Realisierung des neuen nationalen Projekts „Kosmos“ begonnen. Am Donnerstag, dem 9. April gab Regierungschef Michail Mischustin bekannt, dass der gesamte Finanzumfang für dieses nationale Projekt rund 4,5 Billionen Rubel ausmachen werde. Die Mittel würden unter anderem für die Schaffung einer eigenen Orbitalstation eingesetzt werden. Vertreter der zuständigen Korporationen skizzierten derweil die Zeiträume. Das erste Modul der russischen Orbitalstation (ROS) soll im Jahr 2028 in den Weltraum gebracht werden. In der kompletten Konfiguration werde die Station bis zum Jahr 2034 zu funktionieren beginnen. Geplant ist, Ressourcen der Internationalen Weltraumstation (ISS) zu nutzen, deren Arbeit man gerade etwa ab dem Jahr 2028 einzustellen beginnen wird.

Die am vergangenen Donnerstag stattgefundene Regierungssitzung begann mit einer Erörterung der Weltraum-Pläne des Landes. „Es ist wichtig, die Positionen Russlands als eine der führenden Weltraumnationen zu stärken. Dies hat große Bedeutung für das Wirtschaftswachstum, die Erhöhung der Lebensqualität der Menschen und die Gewährleistung der Sicherheit des Staates“, sagte Premierminister Michail Mischustin.

In der Regierung verwies man auf die besondere, bereits historische Verbindung zwischen der Entwicklung von Raumfahrtprojekten und der Wirtschaft. „Mit Recht sind wir darauf stolz, dass gerade einheimische Wissenschaftler und Ingenieure der Mensch den Weg in den erdnahen Raum bahnten, womit sie für viele Jahrzehnte voraus Orientierungspunkte setzten. Was in Vielem die Entwicklung von Schlüsselbranchen – vom Maschinenbau und von der Funkelektronik bis zum Fernmeldebereich – bestimmte“, führte Mischustin als ein Beispiel an.

Im Auftrag des Präsidenten hat ab diesem Jahr im Land die Realisierung des nationalen Projekts „Kosmos“ begonnen, das für einen Zeitraum bis zum Jahr 2036 konzipiert worden ist. Wie Mischustin mitteilte, belaufe sich das Gesamtvolumen der Finanzierung für dieses Projekt auf rund 4,5 Billionen Rubel.

„Die Mittel werden für eine Erweiterung der Satellitengruppierung, die Schaffung einer eigenen orbitalen Station, die Entwicklung effektiver mehrfach einsetzbarer Raketen und andere vorrangige Richtungen eingesetzt werden“, zählte der Kabinettschef auf. „Besondere Aufmerksamkeit werden wir dem Personal, den hochqualifizierten Spezialisten auf dem Gebiet der Raumfahrt widmen. Da gibt es viele übergreifende Branchen“.

Gemäß dem bestätigten Pass des nationalen Projekts soll das erste Modul der Russischen orbitalen Station im Jahr 2028 im All positioniert werden. Wie Roskosmos-Chef Dmitrij Bakanow in einem Interview für die russische staatliche Nachrichtenagentur TASS erläuterte, sei es wichtig, die Zeiträume für die Beendigung der Arbeit in der ISS und der Entfaltung der ROS zu synchronisieren, „damit es keine Pause in unserer bemannten Raumfahrt gibt“.

Bakanow erinnerte daran, dass man ausgehend von der letzten mit der NASA erzielten Vereinbarung im Jahr 2028 beginnen werde, die Arbeit der ISS zu beenden, wonach im Jahr 2030 ihre Entfernung von der Erdumlaufbahn abgeschlossen werde. Und gerade bis zu dieser Zeit soll die ROS geschaffen werden, damit es eine vollwertige, eigenständige nationale Station im All gibt, in der man unter anderem Experimente durchführen kann.

Allerdings hat bereits nach Veröffentlichung des Interviews Bakanow im Verlauf des Bildungsmarathons „Der Kosmos mit (der Gesellschaft) Znanije (deutsch „Wissen“)“ präzisiert, dass Russland eine Verlängerung des Einsatzes der ISS auch bis zum Jahr 2030 nicht ausschließe. „Während es vor einem Jahr…noch einen Dialog darüber gegeben hatte, dass man die Beendigung der Arbeit der ISS beschleunigen müsse, so erörtern wir jetzt mit unseren amerikanischen Kollegen, dass sie mindestens bis zum Jahr 2028 arbeiten sollte, möglicherweise sogar bis zum Jahr 2030“, sagte er.

Unter Berücksichtigung dessen ist, wie angenommen werden kann, eine geringe Korrektur der Termine für eine Entfaltung der russischen orbitalen Station doch nicht ausgeschlossen. Dies kann man anhand der Erklärungen vermuten, die durch den Stellvertreter des Generalkonstrukteurs der Raketen- und Raumfahrt-Korporation „Energia“ und Chefkonstrukteur der ROS, Wladimir Koschewnikow, auf einer anderen Fachkonferenz, die gleichfalls im Rahmen der in Russland erfolgten Kosmos-Woche (vom 6. bis 12. April, dem 65. Jahrestag des ersten bemannten Weltraumflugs durch Juri Gagarin – Anmerkung der Redaktion) stattfand, erfolgten.

Wie die russische Nachrichtenagentur Interfax meldete, hatte Koschewnikow berichtet, dass begonnen werde, die ROS nach der Abkopplung vom russischen Segment der ISS auf einer Erdumlaufbahn zu stationieren, und man plane, die komplette Konfiguration der Station bis zum Jahr 2034 im All zu schaffen.

Vorgesehen ist solch eine Abfolge: Zuerst wird das erste Modul der Station, ein universelles Kopplungsmodul, gestartet, das an die Stelle des gegenwärtigen Verbindungsmodul „Pritschal“ (deutsch „Kai“) an die ISS angekoppelt wird. Dabei wird das „Pritschal“-Modul der Präsentation von Koschewnikow nach zu urteilen von der ISS abgekoppelt und im Pazifik versenkt.

Danach wird ein Wissenschafts- und Energie-Modul angekoppelt, und nach ihm folgen ein Schleusen- und später das multifunktionale Labor-Modul „Nauka“ (deutsch „Wissenschaft“). „Diese Verbindung wird abgekoppelt, und es beginnt bereits die autonome Existenz der ROS“, teilte Koschewnikow mit, wobei er erläuterte, dass der gesamte Prozess unter Nutzung der Ressourcen der ISS organisiert werde.
Und noch ein Detail: Laut den Plänen von Roskosmos soll die Russische orbitale Station eine maximal automatisierte sein, damit man die Möglichkeit hat, ohne den Menschen zu arbeiten.

P. S.

In der Kosmos-Woche verging in Russland kein Tag, an dem nicht über ambitionierte Pläne auf dem Gebiet der Raumfahrt und Kosmos-Forschung berichtet wurde. Vor diesem Hintergrund überraschten die am vergangenen Donnerstag vorgelegten Umfrageergebnisse der kremlnahen Stiftung „Öffentliche Meinung“ in keiner Weise. 59 Prozent der befragten Bürger Russlands vertreten die Auffassung, dass Russland eine führende Stellung in der Welt hinsichtlich der Erschließung des Weltalls einnehme. Jeder Dritte (34 Prozent) denkt überdies, dass Russland vor allem eigenständig die Kosmos-Forschung betreiben solle. Realistischer denken 47 Prozent der Befragten, die für ein Setzen Russlands auf die Zusammenarbeit mit anderen Raumfahrt-Nationen plädieren.

Den Optimismus einiger russischer Staatsbeamter und Vertreter der Raumfahrt-Industrie dämpften Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften mit ihren Aussagen, die konkret die Mond-Forschung des Landes betrafen. Der Vizepräsident der Akademie Sergej Tschernyschew informierte am 7. April über eine Verschiebung mehrerer geplanter Mond-Missionen. Die Sonden „Luna-28“, „Luna-29“ und „Luna-30“ werden voraussichtlich bis zu vier Jahre später gestartet werden, ab dem Jahr 2032. Vergessen sind da auf einmal die Statements vom Dezember 2023, als beispielsweise erklärt wurde, dass der Start für „Luna-28“ für das Jahr 2030 geplant sei.

Lew Seljonyj, wissenschaftlicher Direktor des Akademie-Instituts für Kosmos-Forschungen, legte am 9. April nach: Russland habe keine Pläne für bemannte Flüge in das ferne Weltall, sprich: zum Mond. Und dies für die nächsten zehn Jahre. „Hier muss man, wie mir scheint, begreifen, wie die kurzfristigen Perspektiven und die strategischen verfolgt werden sollen. Natürlich muss es eine russische bemannte Mond-Raumfahrt geben. Doch wir müssen irgendwelche schwierigen, nicht standardisierten Lösungen finden, um aus den zurückbleibenden (Nationen) zu den überholenden zu gehören“, erklärte das Akademiemitglied. Offensichtlich fielen dem Wissenschaftler diese Worte nicht leicht, zumal die Mondumrundung der NASA-Astronauten der „Artemis 2“-Crew in der vergangenen Woche Sehnsüchte nach den Erfolgen der Vergangenheit schürt. Doch wenn man ehrlich ist, rückt der „Artemis 2“-Erfolg der US-Raumfahrtbehörde NASA vor allem eins in den Vordergrund – den Wettlauf zum Mond, bei dem die USA und China sowie gar Indien Russland längst auf der Strecke lassen.