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Russlands Wirtschaft droht ein Strommangel im neuen Jahr


China hat über eine Erhöhung seiner Stromerzeugung im vergangenen Jahr um 17 Prozent informiert. In Russland sind die Stromerzeugungsleistungen im gleichen Zeitraum nur um ganze 0,7 Prozent gestiegen. Dabei kommt man in der Volksrepublik China bereits auf eine um 53 Prozent größere Leistung pro Kopf der Bevölkerung als in der Russischen Föderation. Die erklärten Ziele für eine Erweiterung der Stromerzeugung in Russland sind im vergangenen Jahr lediglich zur Hälfte realisiert worden, unter anderem aufgrund der Verschiebung der Inbetriebnahme eines AKW-Blocks, des Mangels an Anlagen und Ausrüstungen, aber auch aufgrund des Unwillens der Investoren, neue Kraftwerke zu errichten. China erweiterte seine Stromerzeugungsleistung vor allem dank erneuerbarer Energiequellen. Und der russische Staatskonzern ROSATOM erklärte, dass er bereits an der Grenze seiner Möglichkeiten sei und es vorerst keine Ressourcen für neue Vorhaben gebe.

Die Gesamtleistung der chinesischen Energiewirtschaft ist innerhalb des vergangenen Jahres um 17,1 Prozent gestiegen, meldete die Nachrichtenagentur Xinhua. Die installierte Leistung der Solar-Kraftwerke ist dabei um 41,9 Prozent gewachsen. Derweil hat die Leistung der Windkraftwerke um 22,4 Prozent zugenommen.

In Russland haben sich aber die Zonen mit einem Strommangel ausgedehnt. Und es ist sehr schwierig, Informationen über die Inbetriebnahme neuer Kraftwerke im vergangenen Jahr zu finden. Die Ursache für solch einen Informationsmangel besteht darin, dass es um die russische Energiewirtschaft – gelinde gesagt – nicht sehr rosig bestellt ist. Und es wäre wohl genauer gesagt, dass die Energiewirtschaft in der Russischen Föderation eine tiefe Krise durchmacht. Dabei nimmt der Rückstand Russlands zu den entwickelten und Entwicklungsländern hinsichtlich des Stromverbrauchs nur zu.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist die Stromerzeugungsleistung in China pro Kopf der Bevölkerung um 53 Prozent größer als in Russland. Und in den USA ist dieser Parameter 2mal höher als der russische. Dies bedeutet, dass dort, wo man in Russland eine Werkzeugmaschine in Betrieb nehmen, in China anderthalb und in den USA zwei Werkzeugmaschinen arbeiten werden. Und für die Durchschnittsbürger bedeuten die Einschränkungen bezüglich der Energiewirtschaft, dass der Durchschnittseinwohner Russlands erheblich weniger Haushaltstechnik als in China, in den USA oder in Europa nutzen kann.

Russland könnte im Jahr 2025 neue Stromerzeugungskapazitäten mit einer Leistung von 3972 MW in Betrieb nehmen, was den entsprechenden Wert des Jahres 2024 um das 2,4fache übertreffen würde, hatte zu Beginn des gerade zu Ende gegangenen Jahres Fjodor Opadtschij, Chef des Unternehmens „System-Betreiber“, versprochen.

Entsprechend den Plänen für das Jahr 2025 sollte 1555 MW bzw. 39 Prozent der neuen Kapazitäten die Inbetriebnahme der Stromerzeugung auf der Basis erneuerbarer Energiequelle sind. Dazu sollte das Anfahren eines neuen Reaktorblocks im AKW Kursk weitere 1200 MW Strom sichern.

Nur hat sich herausgestellt, dass all diese Pläne lediglich etwa zur Hälfte umgesetzt wurden. Im zu Ende gegangenen Jahr wurde kein neuer Reaktorblock im AKW Kursk angefahren. Im November hatte der Konzern „Rosenergoatom“ dem Unternehmen „System-Betreiber“ die Verschiebung der Inbetriebnahme des ersten Reaktorblocks des Kursker AKW-2 auf das gerade begonnene Jahr mitgeteilt.

Fast zu 40 Prozent ist der Plan für die Inbetriebnahme neuer Kapazitäten für eine Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen nicht erfüllt worden.

Das Portfolio der Projekte von ROSATOM auf dem Gebiet der Stromerzeugung aus erneuerbaren Quellen befinde sich bereits an der Grenze der Möglichkeiten. Ressourcen für neue Vorhaben gebe es bisher keine, teilte im Dezember der Generaldirektor der Rosatom – Erneuerbare Energie AG, Grigorij Nasarow mit. „Das Portfolio, das wir jetzt in ROSATOM formiert haben, befindet sich bereits an der Grenze der Möglichkeiten, die in der Startphase existieren“, erklärte er. Nach seinen Worten würden diese Projekte dank interner Ressourcen des Unternehmens verwirklicht werden.

„Zu sagen, dass wir irgendeine Ressource haben, um in den nächsten fünf Jahren neue Vorhaben in Angriff zu nehmen, geht jetzt nicht, zumal der Leitzins der Zentralbank noch zwei, Jahre auf dem aktuellen Stand beibehalten wird. Dies ist eine ernsthafte Herausforderung. Das Energieministerium versteht und unterstützt uns in dieser Frage, doch zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind keine Lösungen auszumachen“, betonte Nasarow.

Aber der Grund für die Krise in der Energiewirtschaft liegt nicht nur in dem anormal hohen Leitzins der Zentralbank der Russischen Föderation.

„Das zu Ende gehende Jahr offenbarte den sackgassenartigen Charakter des Investitionsmodells in der Energiewirtschaft. Die Aufsichtsbehörden mussten jedes Mal die Termine für eine Modernisierung der Wärmekraftwerke verschieben, aber auch ein Ausbleiben von Anträgen für die Errichtung neuer Stromerzeugungskapazitäten konstatieren“, meinte vor dem Jahresende der Energieexperte Kirill Rodionow. Nach seinen Worten hätten die Risiken für neue Projekte in den letzten Jahren drastisch zugenommen. Die Verteuerung der Kredite führe zu einer Zunahme der Kosten und Verringerung der Rentabilität im Vergleich zum ursprünglich geplanten Niveau. Überdies hätten aufgrund des Weggehens der ausländischen Turbinenbauer die Risiken unzureichender Lieferungen von Anlagen und Ausrüstungen und als Folge die von Strafen für eine verspätete Inbetriebnahme der neuen Kapazitäten zugenommen.

„Das Wichtigste ist: Gebraucht werden prinzipiell neue Stimuli, die die Investoren veranlassen würden, in den Bau und in die Umrüstung von Kapazitäten selbst unter den schwierigsten Finanzierungsbedingungen zu investieren“, unterstrich Rodionow.

Dabei sichert die schnelle Zunahme der Tarife in der Energiewirtschaft den Unternehmen eine relativ wohlbehaltene Situation. „Ungeachtet der Verschlechterung der Wirtschaftslage für neue Projekte bleibt die finanzielle Situation der Energiewirtschaft keine so traurige. Laut Angaben von Rosstat (Russlands Statistikbehörde – Anmerkung der Redaktion) ist der saldierte Gewinn in der Erzeugung, Übertragung und beim Vertrieb von Strom um 48 Prozent laut den ersten zehn Monaten des Jahres 2025 gewachsen. Dabei machte der Anteil der profitablen Betriebe 78 Prozent aus“, betonte Kirill Rodionow. Und er nahm einen Vergleich mit den Kohleproduzenten vor, denen die Regierung keine Gewinne durch eine schnellere Anhebung der Tarife garantiere. In der Kohleförderung erreichte der saldierte Verlust im gleichen Zeitraum 328 Milliarden Rubel, und der Anteil der Verluste machenden Betriebe ist bis auf 67,6 Prozent gewachsen.

Ungeachtet der offenkundigen Misserfolge bei der Errichtung neuer Stromerzeugungskapazitäten werden in Russland bisher noch neue große Objekte in Betrieb genommen. So wurde Ende Dezember offiziell der Block Nr. 2 im Krasnojarsker Wärmekraftwerk 3 angefahren. Der Gesamtumfang der Investitionen für das Vorhaben lag über 30 Milliarden Rubel. Der neue Block erweitert die Leistung des Kraftwerks bis auf 393 MW. Und seine Leistung bei der Fernwärmeerzeugung beträgt 270 Gigakalorien/Stunde.

Der für den Energiesektor zuständige Vizepremier Alexander Nowak erläuterte, dass derartige technologisch schwierige Objekte, die mit russischen Anlagen und Ausrüstungen errichtet werden, eine strategische Bedeutung besitzen würden. Nach seinen Worten würden sie die Umsetzung der Aufgaben zur Entwicklung der Wirtschaft und zum Anschluss neuer Verbraucher fördern.