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Schlechte Diagnostik – eine der Ursachen für die Übersterblichkeit russischer Männer


Russlands Offizielle stellen Ziele für eine Verlängerung der Lebensdauer der Bevölkerung. Die erwartete Lebensdauer soll in der Russischen Föderation bis auf 78 Jahre bis zum Jahr 2030 und bis auf 81 Jahre bis zum Jahr 2036 zunehmen. Die entsprechende Arbeit erfolgt im Rahmen der bestätigten Strategie für Handlungen im Interesse der Bürger der älteren Generation. Wissenschaftler aus dem Institut für soziale Demografie der Russischen Akademie der Wissenschaften lenken die Aufmerksamkeit auf ein anderes Problem: Für die Russische Föderation sie nicht nur einer der weltweit höchsten Werte für die Kluft in der erwarteten Lebensdauer zwischen Männern und Frauen charakteristisch, sondern auch eine extrem hohe Sterberate unter Männern im arbeitsfähigen Alter.

Die Wissenschaftler analysierten den Einfluss der Faktoren der Übersterblichkeit unter männlichen Bürgern im Alter von 15 bis 19 Jahren (das heißt vor Beginn einer aktiven Arbeitstätigkeit) und im Alter von 25 bis 54 Jahren in den vergangenen mehr als 50 Jahren.

Das Hauptziel der Forscher war, die Transformation der Struktur der Ursachen für die Sterblichkeit von Männern zu untersuchen, aber auch den Einfluss der unterschiedlichen Faktoren auf die übermäßige Sterblichkeit junger Männer und von Männern im arbeitsfähigen Alter zu vergleichen.

Die Autoren der Studie gelangen erstens zu der Schlussfolgerung, dass bei diesen zwei Altersgruppen prinzipielle Unterschiede in der Struktur der Sterblichkeit zu beobachten seien. So ist im Jugendalter der Anteil der Sterblichkeit aufgrund äußerer Ursachen – Verkehrsunfälle, Selbstmorde, Vergiftungen und Morde — weitaus höher, betonen die leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Zentrums für Gesundheit und ein selbsterhaltendes Verhalten am Institut für soziale Demografie, Tamara Sabgaida, sowie ihre Kollegen Alexander Subko und Viktoria Semenjowa. Für Männer höheren Alters sei eine völlig andere Struktur der Sterblichkeit charakteristisch. Bei Russlands Männern im Alter von 25 bis 54 Jahren werden zu den hauptsächlichen Todesursachen Erkrankungen des Blutkreislaufsystems. Doch auch ein hoher Anteil der Sterblichkeit aufgrund äußerer Ursachen bleibt bestehen.

Es gibt da aber auch eine andere interessante Beobachtung der Wissenschaftler. Sie kommen zu der Schlussfolgerung, dass die Sterblichkeit unter Männern im aktiven arbeitsfähigen Alter zusätzlich in Zeiten sozial-ökonomischer Erschütterungen zunimmt. Das heißt: Männer im Alter von 25 bis 54 Jahren reagieren heftiger auf unterschiedliche Krisen als Frauen der entsprechenden Altersgruppen. Zur Bestätigung ihrer Schlussfolgerung führen sie als Beispiel das Ende der 1980er und den Beginn der 1990er an. Dies war eine Zeit des Beginns von Wirtschaftsreformen, einer Zunahme von Mangelerscheinungen und sozialer Spannungen sowie einer Verarmung eines erheblichen Teils der Bevölkerung. All dies hatte eine Zunahme der Sterblichkeit unter Männern provoziert. Die Rubel-Abwertung von 1998 hatte noch einen Höhepunkt der Sterblichkeit bei Männern im Alter von 25 bis 54 Jahren stimuliert. Aber beginnend ab den 2000er Jahren, als ein anhaltendes Wirtschaftswachstum vor dem Hintergrund hoher Ölpreise, ein Ansteigen der Realeinkommen der Bevölkerung, eine Verringerung der Arbeitslosigkeit sowie eine Zunahme des Konsums beobachtet wurden, ging auch die Sterblichkeit unter Männern im arbeitsfähigen Alter zurück, unterstreichen die Autoren der Untersuchung.

Was die Ursachen für die übermäßige Sterblichkeit unter Männern im arbeitsfähigen Alter angeht, so machen hier Krankheiten des Blutkreislaufsystems und Erkrankungen des Nervensysteme eine gewichtigen Anteil aus. Es sei betont, dass zur ersten Kategorie der Erkrankungen das russische Gesundheitsministerium traditionell verschiedene Erkrankungen rechnet, die mit Problemen des Blutdrucks, mit Gefäßerkrankungen, unmittelbar mit Herzerkrankungen (Rhythmusstörungen, Herzinsuffizienz u. a.) zusammenhängen, aber auch zerebrovaskuläre Krankheiten (dazu gehören Schlaganfälle, Hirnschläge, Hirnblutungen usw.). Zu Erkrankungen des Nervensystems gehören derweil verschiedene Arten von Meningitis, Enzephalitis, degenerative Erkrankungen des Nervensystems (unter anderem Alzheimer), multiple Sklerose u. a.

Heute verursachen Herz-Kreislauf-Erkrankungen mehr als jeden vierten Tod unter russischen Männern im arbeitsfähigen Alter, unterstreichen die Experten. Größer ist nur der Beitrag der äußeren Ursachen zur Sterblichkeit, die faktisch jeden dritten Tod bedingen. Dabei verändert sich der Anteil der Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nur wenig. Nur im fernen Jahr 1965 entfiel auf diese der fünfte Teil aller Todesfälle unter Männern im arbeitsfähigen Alter, betonen die Forscher.

Im Endergebnis sieht die Struktur der Sterblichkeit unter Männern im Alter von 25 bis 54 Jahren so aus: Den ersten Platz in ihr haben äußere Ursachen eingenommen und nehmen ihn weiter ein. An zweite Stelle liegen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. Auf dem dritten Platz befanden sich bis 2016 Neubildungen, sprich: Krebs. Jedoch haben sie jetzt den Erkrankungen der Organe des Verdauungssystems Platz gemacht. Zu diesen gehören unterschiedliche Geschwüre, Gastritis, Blinddarmentzündungen, Lebererkrankungen, Bauchfellentzündungen, Pankreatitis u. a. Dabei hatten noch vor einem halben Jahrhundert die Krankheiten der Verdauungsorgane den 6. Platz eingenommen, konstatieren die Wissenschaftler. Auf den vierten Rang kamen Neubildungen, was eine spürbare Verbesserung ist, da noch vor einem halben Jahrhundert die Sterblichkeit aufgrund von Neubildungen die dritthäufigste Todesursache unter Männern gewesen war.

Anders gesagt: Im Verlauf eines halben Jahrhunderts bleibt ein spürbarer Teil der Todesursachen in der wirtschaftlich und demografisch besonders wertvollen Gruppe von Männern ein schlecht diagnostizierter, schlussfolgern die Wissenschaftler. „Bei Männern des aktiven arbeitsfähigen Alters wurde bis Ende des vergangenen Jahrhunderts eine Tendenz der Zunahme der Übersterblichkeit aufgrund aller Ursachen beobachtet (die in der Zeit der Antialkohol-Kampagne unterbrochen wurde). Zu dieser Zunahme haben die Erkrankungen der Atmungsorgane, des Herz-Kreislauf-Systems, der Verdauungsorgane, Infektionskrankheiten und Neubildungen den Hauptbeitrag geleistet. In der gegenwärtigen Zeit wird die Übersterblichkeit unter Männern im Alter von 25 bis 54 Jahren wie auch die Übersterblichkeit unter jungen Männern durch äußere Ursachen und Krankheiten des Blut-Kreislauf-Systems bestimmt“, teilen die Forscher mit.

Laut Angaben des russischen Statistikamtes Rosstat kamen im Jahr 2023 auf 100.000 Bürger des Landes über 1200 Todesfälle. Dabei 556 Todesfälle aufgrund von Krankheiten des Herz- und Kreislaufsystems, fast 300 Todesfälle aufgrund ischämischer Herzkrankheiten, 168 Todesfälle aufgrund zerebrovaskulärer Krankheiten. Im Vergleich dazu waren 74 Menschen aufgrund von Erkrankungen des Verdauungssystems im selben Jahr gestorben.

Die Wissenschaftler aus dem Institut für soziale Demografie verknüpfen das Ansteigen der Sterblichkeit aufgrund von Krankheiten des Nervensystems mit der Zunahme des Lebenstempos, der Zunahme der Belastung durch Informationen und dem Bestehen einer erhöhten Anzahl sozialer Herausforderungen, was für die Bürger zu einem zusätzlichen Stress wird. Was die Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems angeht, so tauchen hier augenscheinlich institutionelle Faktoren auf, das heißt Mängel in der Organisation der medizinischen Ersthilfe und in der Prophylaxe, meinen die Experten. Zusätzlich beeinflusst auch die Verbreitung schädlicher Gewohnheiten die Übersterblichkeit unter erwachsenen Männern.

Die Forscher beunruhigt gleichfalls die besorgniserregende Tendenz einer „schlechten Diagnostik“ der Todesursachen. Insbesondere die Zunahme des Anteils der ungenau ausgemachten Zustände in der Struktur der Sterblichkeit unter jungen Männern und Männern im arbeitsfähigen Alter. Dies belegt eine unzureichende Qualität der medizinischen Diagnostik und Registrierung der Sterblichkeit in der wirtschaftlich und demografisch wertvollsten Bevölkerungsgruppe, schlussfolgern die Wissenschaftler.

Für die Realisierung einer effizienten Politik zur Verringerung eines vorzeitigen Sterbens unter der Bevölkerung schlagen die Forscher vor, die Alters- und Genderspezifik der Risiken zu berücksichtigen, die primäre Prophylaxe von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verstärken, die Effektivität der Sportarbeit mit Teenagern zu erhöhen sowie das System der Registrierung der Ursachen für die Sterblichkeit zu vervollkommnen.

Herz-Kreislauf-Krankheiten, bösartige Neubildungen, chronische Atmungserkrankungen und Diabetes sind die Ursache von über 80 Prozent aller Todesfälle in Russland, erklärte der Leiter des Moskauer Büros der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Batyr Berdyklytschew. Solche Faktoren wie Alkoholmissbrauch, Rauchen, eine ungesunde Ernährung, ein starker Salzverbrauch – all dies „beeinflusst erheblich die Erkrankungen und Sterblichkeit“, betonte er.

Die russischen Offiziellen stellen sich dabei auch das Ziel einer Erhöhung der Lebensdauer der Bevölkerung. Die erwartete Lebensdauer in Russland soll bis 78 Jahre bis zum Jahr 2030 zunehmen. Und bis 81 Jahre bis zum Jahr 2036, forderte der russische Präsident Wladimir Putin (der selbst am 7. Oktober 74 Jahre alt wird) bereits im Jahr 2024. Die zuständige Vizeregierungschefin Tatjana Golikowa teilte im vergangenen Frühjahr mit, dass diese Arbeit im Rahmen der im Jahr 2025 bestätigten Strategie für Handlungen im Interesse der Bürger der älteren Generation erfolge. Bis zum Jahr 2030 sei ein Komplex von Maßnahmen vorgesehen, die auf eine Erhöhung der Lebensqualität der betagten Bürger abzielen – inklusive eines Gesundheitsschutzes, der Prophylaxe von Erkrankungen, einer Verbesserung der Zugänglichkeit medizinischer Hilfe, der Implementierung neuer Diagnose- und Behandlungsmethoden, aber auch einer Verlängerung einer aktiven gesunden Langlebigkeit.