Das Ministerium für Bildungswesen der Russischen Föderation hat tiefes Beileid im Zusammenhang mit dem Tod einer Lehrerin in der Verwaltungsregion Perm bekundet. Im Auftrag des russischen Bildungsministers Sergej Krawzow ist vom Ministerium operativ eine Sonderkommission zwecks Durchführung von Experten- und Analyse-Maßnahmen sowie zur psychologisch-pädagogischen Betreuung von Schülern, deren Eltern und Pädagogen der betroffenen Schule entsandt worden, heißt es in einer offiziellen Mitteilung.
Vorausgegangen war Folgendes: Am Dienstag war es in den Morgenstunden in der Stadt Dobrjanka der Verwaltungsregion Perm zu einem Angriff auf eine Lehrerin in der Schule Nr. 5 gekommen. Etwa gegen 8:00 Uhr fügte ein Schüler der 9. Klasse auf der Treppe zum Schuleingang seiner Klassenlehrerin, die auch eine Stellvertreterin des Schuldirektors gewesen war, Verletzungen mit einem Küchenmesser zu. Die verwundete Frau wurde in einem äußerst schweren Zustand ins Krankenhaus gebracht, wo sie später trotz aller Bemühungen der Mediziner verstarb. Der 17jährige Teenager wurde festgenommen und am Mittwoch durch ein Permer Gericht vorerst bis zum 7. Juni in Haft genommen. Die Motive seiner Tat werden durch die Polizei geklärt.
Untersuchungsbeamte leiteten sofort ein Strafverfahren wegen Fahrlässigkeit (Artikel 293 des russischen Strafgesetzbuches) im Zusammenhang mit dem Messer-Angriff des Jungen auf die Schullehrerin ein, informierte die regionale Untersuchungsverwaltung des Untersuchungskomitees Russlands. Außerdem wurde das eingeleitete Strafverfahren gemäß Teil 3 des Artikels 30 und Teil 1 des Artikels 105 (Versuchter Mord) des Strafgesetzbuches der Russischen Föderation, nachdem die Verletzte im Krankenhaus verstorben war, neu bewertet und nunmehr gemäß Teil 1 des Artikels 105 (Mord) fortgesetzt.
Die dem regionalen Verwaltungszentrum unterstehende Stadt Dobrjanka mit einer Bevölkerung von rund 28.500 Einwohnern liegt am Fluss Kama, 75 Kilometer von Perm entfernt. Die 56jährige Lehrerin für russische Sprache und Literatur sowie Gewinnerin des Kreiswettbewerbs „Lehrer des Jahres – 2018“ Olesja Baguta war in der Schule bis zu ihrem Tod knapp 30 Jahre tätig gewesen. Zuvor hatte sie in anderen Bildungseinrichtungen der Stadt, aber auch in einem Kinderheim gearbeitet.
Die von den Kindern, Eltern, Lehrerkollegen und der Schulleitung geliebte Frau hatte durch ihre Tätigkeit Genugtuung erhalten. In den Schützlingen schätzte sie „das Interesse für den Unterricht und die glänzenden kleinen Augen“. Sie liebte ihr Unterrichtsfach und hielt sich für einen Teil des Heers der Literaten. Sie war keine strenge gewesen, sondern „wollte einfach, dass die Kinder lernten und die russische Sprache und Literatur gut kannten“. So sieht die Charakteristik der Ermordeten aus, die aus Interviews von Permer Medien mit Menschen, die die Getötete persönlich gekannt hatten, erstellt wurde.
Hinsichtlich des minderjährigen Mörders gibt es nicht so viele Informationen. Die Staatsanwaltschaft der Verwaltungsregion Perm teilte mit, dass er in einer gewöhnlichen Familie aufgewachsen sei. Beide Elternteile arbeiten. Die Familie wurde nicht zu den gestörten gerechnet. Der Sohn befasste sich mit dem Boxsport. Laut Angaben des Telegram-Kanals BAZA, beklagten sich Mitschüler über das Verhalten des Jungen und berichteten sogar über dessen Drohungen gegenüber Mitschülerinnen. Nach Aussagen von Schülern hätte sich der Junge manchmal seltsam und mitunter aggressiv verhalten: Mit Lehrern hätte er unflätig gesprochen sowie sich ungehörige Handlungen direkt in Unterrichtsstunden erlaubt.
Veröffentlicht wurden bereits Videoaufnahmen vom Verhör des Schülers: Das Gesicht war nicht zu erkennen, es war verpixelt worden. Er saß da mit einer blauer Trainingsjacke mit der Aufschrift „Russland“ auf der Brust. Eine offizielle Bestätigung gibt es bisher nicht dafür, doch es heißt, dass die Ursache des schlimmen Verbrechens die Gefahr gewesen sein könnte, dass der Schüler nicht zur staatlichen Hauptprüfung (SHP) zugelassen wird. Der Teenager wiederholte die 9. Klasse. Und die Nachricht von der einer möglichen Nichtzulassung zur SHP konnte für ihn eine recht empfindliche gewesen sein. (Die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtete am Mittwoch darüber, dass der 17jährige in der Polizei registriert gewesen sei und mehrfach Klassen wiederholen musste. — Anmerkung der Redaktion)
Es gibt für die Staatsbeamten des Bildungswesens solch ein unbequemes Thema – die Zahl der Kinder, die das SHP nicht bestanden haben. Daher sagt man üblicherweise, dass dies „nun ein ganz und gar geringer Prozentsatz der Schüler“ sei. Doch im Jahr 2025 legte die Aufsichtsbehörde für das russische Bildungswesen Rosobrnadzor Zahlen vor, die alle stark in Erstaunen versetzten. Im Verwaltungsgebiet Tomsk hätten fast 25 Prozent der Schüler der 9. Klassen die staatliche Hauptprüfung für Mathematik nicht bestanden und mussten ein zweites Mal antreten. Und diejenigen, die die Prüfungen nicht im zweiten Anlauf bestehen, haben nur zwei Varianten: ein zweites Jahr die 9. Klasse zu besuchen oder sich selbständig für einen neuen Versuch, die Prüfung im folgenden Jahr zu bestehen, vorzubereiten. Seit Januar dieses Jahres haben die Durchgefallenen die Möglichkeit erhalten (bisher nur in einer Reihe von Regionen), einen Beruf zu erlernen. Aber nur die beruflichen Fertigkeiten ohne eine Aneignung der allgemeinen Ausbildungsdisziplinen. Sie können den Beruf eines Kassierers, Kraftfahrers, Friseurs, Schlossers usw. erlernen. Es ist klar, dass die Wahrscheinlichkeit dessen, dass nach der Ausbildung in solch einem College (gemeint ist eine Berufsschule – Anmerkung der Redaktion) der junge Mensch die SHP bestehen wird, äußerst gering ist.
In keiner Weise das Verbrechen des 17jährigen Teenagers rechtfertigend, muss dennoch hervorgehoben werden, dass er faktisch in eine Sackgasse getrieben worden war. Im Zusammenhang mit derartigen Verbrechen kommt einem ein Satz eines der Psychologen in den Sinn: „Aggression hat es gegeben, gibt es und wird es geben. Dies ist eine der möglichen Reaktionen des Menschen, wenn er nicht begreift, was geschieht. Nicht ohne Grund sagt man, dass die beste Verteidigung ein Angriff sei“.
Ein anderer Experte und Doktor der Psychologie, der gebeten hatte, nicht seinen Namen zu nennen, merkte in einem Gespräch mit der „NG“ an: „Bei uns mangelt es offenkundig an qualifizierten soziologischen und statistischen Untersuchungen des Phänomens der „plötzlich“ aufgetretenen Teenager-Aggression. Oder sie sind FDG (für den Dienstgebrauch — „NG“). Wir wissen einfach nicht um die möglichen sozial-ökonomischen und psychologischen Ursachen für solch ein Verhalten. Dies wird nicht auf die nötige Art und Weise analysiert. Derweil gibt es im Westen solche Untersuchungen. Wenn man es ein wenig vereinfacht, so sich die Voraussetzungen für das aggressive Verhalten von Schülern die Mängel des Ausbildungsprozesses. Die Folgen – ein distanziertes Verhalten, einer geringe Studienaktivität, das Ausbleiben einer Zielsetzung und als Folge eine Aggression. Es ist sogar der Begriff „pädagogische Langeweile“ aufgekommen. Das heißt, es geht um eine Verdorbenheit des Bildungssystems in seiner heutigen Gestalt“. Der Experte unterstrich gegenüber der „NG“ gleichfalls, dass laut den erwähnten Untersuchungen Kinder aus der untersten sozialen Klasse, die Kinder von Eltern mit einem geringen Einkommen, in deren Häusern es unzureichend Bücher und andere Vorteile gibt, sich häufiger „pädagogisch langweilen“.
Natürlich wird erst nach Abschluss der Untersuchungen und der Durchführung psychiatrischer Gutachten genauer klar werden, warum sich der Teenager aus der Permer Region auf solch ein schreckliches Verbrechen eingelassen hatte und in was für einem Zustand er zu diesem Zeitpunkt gewesen war. Und diese Tragödie muss die Gesellschaft noch einmal daran erinnern, wie rechtlos und schutzlos heute ein Schullehrer ist. Ja, natürlich ist das Gesetz „Über das Bildungswesen“ in der Russischen Föderation vom 8. August 2024 im Teil des Paragrafen über den Rechtsstatus des Lehrers ergänzt worden und sollte den Lehrer vor physischer und anderer Arten von Gewalt schützen. Vom Wesen her wirkt es jedoch bisher nur formal.
P. S.
Am Donnerstag nahm man in Dobrjanka Abschied von Olesja Baguta. Aufgebahrt wurde sie im dortigen V.-A.-Ladugin-Palast für Kultur und Sport. Rund 200 Menschen waren gekommen, darunter Verwandte, Freunde und Kollegen. Derweil wurde bekannt, dass dem 17jährigen eine Haftstrafe von maximal 10 Jahren droht, da die Anwendung des Artikels 88 des russischen Strafgesetzbuches die obere Planke der Bestrafung für Minderjährige wesentlich herabsetzt. Derweil bleibt jedoch noch eine grundlegende Frage offen, zumal allein seit Jahresbeginn bereits mehrfach spektakuläre und besorgniserregende Straftaten in russischen Bildungseinrichtungen geschahen: Wann unternimmt endlich der Staat wirklich wirksame Schritte, um diese schlimme Tendenz einzudämmen, wenn nicht gar zu stoppen? Allein mit Erklärungen oder der Einrichtung eines entsprechenden Informationskanals für Lehrer in Not im staatlichen Messenger MAX (worüber am Tag des Verbrechens das Bildungsministerium Russlands informierte), ist sicherlich keine spürbare Lösung des Problems.