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„Soja“ illustriert kurz Geschichtsbücher


Ein weiterer Streifen, der im Auftrag und mit Unterstützung der Russischen militärhistorischen Gesellschaft produziert wurde, ist zum 80. Jahrestag einer der bekanntesten Heldentaten aus den Zeiten des Großen Vaterländischen Krieges gedreht worden. Die junge Partisanin Soja Kosmodemjanskaja kam 1941 heldenhaft vor Moskau ums Leben, wobei sie zu einem Symbol für die Standhaftigkeit des Volkes angesichts des Feindes wurde. Zum Regisseur von „Soja“ wurde Maxim Brius, der vor allem für das Fernsehen arbeitet, Autor des Drehbuchs – Andrej Nasarow, der als Co-Autor an der Vorbereitung der Drehbücher für die Streifen „Die Panzer“ und „Sobibor“ teilgenommen hatte. Die Hauptrolle spielte Anastasia Mischina, für die der Film zum Debüt im großen Kino wurde. 

Am 21. Juni 1941 feiert die 18jährige Schülerin Soja den Schulabschluss und dreht sich im Tanz mit einem Klassenkameraden, ihrer ersten Liebe. Am nächsten Tag beginnt der Krieg. Der Junge geht an die Front – und kehrt nicht zurück, fällt bereits in den ersten Tagen. Nachdem das Mädchen davon erfuhr, trifft sie entschlossen die Entscheidung, kämpfen zu gehen. Die Deutschen stehen bereits vor Moskau, Stalin unterzeichnet einen Befehl über die Bildung von Diversionseinheiten, Soja meldet sich bei den Partisanen und bereitet sich auf ihren ersten Einsatz vor. Er wird auch zum letzten. Nachdem sie im Hinterland des Feindes abgesetzt wurde, soll sie zusammen mit anderen, nicht weniger jungen Mitstreitern von den Deutschen okkupierte Dörfer in Brand setzen und somit die Faschisten in die rauen russischen Fröste treiben. Nachdem sie es geschafft hat, lediglich einen Teil der Aufgabe zu erfüllen, gerät das Mädchen, das bei Schusswechseln bereits die ganze Gruppe verloren hat, in Gefangenschaft. Dorfbewohner-Kollaborateure, die durch die Eroberer desinformiert wurden und sich sicher sind, dass Moskau schon gefallen ist, liefern sie den Deutschen aus, die durch Folterungen versuchen, von Soja Informationen über den Diversionsplan der UdSSR zu erlangen.

Die Autoren von „Soja“ halten sich an die Kanons. Sie verfilmen die Geschichte strikt gemäß den Lehrbüchern, selbst das, was man nicht in Erfahrung bringen kann. Sie geben alles gerade so wieder, wie es sich gehört. Dies wirkt fade und ist eher so eine Illustration denn ein Kunstwerk. „Soja“ erstarrt außerhalb der Zeit und außerhalb des Lebens, ungeachtet der konzentrierten inneren Tragik. Es ist verständlich, dass die Autoren dieses Streifens unter Berücksichtigung des Staatsauftrages und der staatlichen Finanzierung nicht begonnen hätten, die offizielle Version der Ereignisse anzuzweifeln, auch selbst im Namen der Kunst. Doch sogar bei Wikipedia ist der Artikel über Soja Kosmodemjanskaja weitaus fesselnder als das, was auf der Leinwand gezeigt wird.  

Die Heldin an sich, wie sehr sich auch die Schauspielerin Anastasia Mischina bemüht, krümmt sich in einem lautlosen Schrei, wirft stechende und gleichzeitig von Angst und Unerschrockenheit erfüllte Blicke auf die Deutschen und erscheint damit als ein Symbol und nicht als ein Mensch. Die übrigen Figuren sind nicht weniger schablonenhafte. Ihnen mangelt es katastrophal an Zeit, Raum und einem Szenarium, um sich zu entfalten und zu entwickeln. Das sind zum Beispiel die Deutschen, die ein Dorf besetzt haben. In ihrer Mehrheit sind sie wilde Tiere, die bereit sind, die Partisanin zu zerfleischen. Es gibt unter ihnen aber auch eine zentrale Figur, Sommer (Wolfgang Cerny), der irgendwann sogar eine Träne vergießt. Oder auch die Dorfbewohner, vom Wesen her noch eine Menschenmenge, aus der sich für ein paar Minuten im Interesse einer Episode Figuren herauslösen: Smirnowa (Anna Ukolowa), deren Haus eines derjenigen ist, die Soja entsprechend des Auftrags in Brand gesetzt hatte. Am lautesten bzw. meisten unter allen freut sich der Dorfälteste Swiridow (Dmitrij Bykowskij-Romaschow) über ihre Hinrichtung, der die Partisanin ausgeliefert und von den Deutschen eine weiße Erkennungsarmbinde verdient hatte. Dabei zweifelt er scheinbar, doch widersetzt sich nicht. Und ein kleiner Bursche, inspiriert von Soja, ist drauf und dran, eine selbstmörderische Heldentat zu begehen. Es gibt auch einen Kameraden aus der Diversanten-Gruppe, der, nachdem er in Gefangenschaft geriet, Angst bekommt und kneift. 

All dies findet auf der Leinwand innerhalb von anderthalb Stunden statt, so dass es unmöglich ist, sich auch nur etwas und irgendwen richtig anzusehen. Skizzen der Menschen und ein mit allzu fetten Farben gezeichnetes Porträt der Heldin, die ihre wichtigste Rede mit der Schlinge um den Hals – jenen an die sich am Galgen drängenden Menschen gerichteten Aufruf, nicht aufzugeben und die Deutschen zu schlagen – irgendwie verkürzt, zusammengestutzt und direkt auf dem Abspann hält, so als sei es weitaus wichtiger, die Textzeilen auf der Leinwand einzublenden, die über das weitere Schicksal der Teilnehmer der beschriebenen Ereignisse berichten, und Fotografien der Prototypen zu zeigen. Als eine Ausnahme erweist sich überraschenderweise (obgleich leider schon nicht so überraschend) die Figur Stalins (Levan Mskhiladse), der im Film „Soja“ auf einmal als ein gewisser menschlicher Landesvater erscheint, der zweifelt, zu Mitgefühl fähig und gezwungen ist, Entscheidungen zu treffen, die das Volk zum Untergang verurteilen, dann aber schweigend eine Träne vergießt. Von hinten aufgenommen, aber sicherlich am Grab von Soja Kosmodemjanskaja. Ja, so sieht die alte neue Tagesordnung aus: Den Krieg hat man durch Heldentaten und Tränen des Führers gewonnen. Die Menschen aber, nun, sie sind einfach eine Masse.