Unabhängige Zeitung

Private Tageszeitung

Tadschikistan kann zu einem Brennpunkt werden


Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat in Duschanbe am 13. Mai an der Sitzung des Rates der GUS-Außenminister teilgenommen. Die Minister erörterten Frage der internationalen Tagesordnung, Sicherheit Zentralasiens und die Situation in der Ukraine. Laut Prognosen von Analytikern könne Tadschikistan zu noch einem Brennpunkt werden, wenn es nicht gelinge, die Bedrohungen seitens Afghanistans zu kupieren. Am Vorabend stellten Russland und die USA Duschanbe 100 Millionen bzw. 60 Millionen Dollar für eine Verstärkung der tadschikisch-afghanischen Grenze bereit.

Dieser Tage beschossen Kämpfer der terroristischen Gruppierung IS (Islamischer Staat, in Russland verboten), die sich in der nordafghanischen Provinz Tachar konzentriert haben, das Territorium der Grenzwache Nr. 12 im Pjandsch-Kreis Tadschikistans. Dieses Mal kamen Kugeln, wie man in den Grenztruppen des tadschikischen Staatskomitees für nationale Sicherheit mitteilte, zufällig auf das Territorium Tadschikistans, aufgrund eines anderthalb Stunden andauernden Gefechts zwischen Kräften der „Taliban“ (in der Russischen Föderation verboten) und Angehörigen des IS. Die Gefahr eines Grenzdurchbruchs besteht jedoch weiterhin. Auf dem Territorium Afghanistans konzentrieren sich entlang des Flusses Pjandsch Einheiten der radikalen Bewegung „Jamaat Ansarullah“ (in der Russischen Föderation verboten), die vor allem aus Bürgern Tadschikistans besteht.

Früher hatte der russische Außenminister Sergej Lawrow die Aufmerksamkeit auf diese Tatsache gelenkt. Unter anderem sagte er bei einem Treffen der Nachbarländer Afghanistans in China im März dieses Jahres, dass man ungeachtet der Einstellung der Kampfhandlungen insgesamt in Afghanistan die Situation in diesem Land vorerst nicht als eine stabile bezeichnen könne. Ein ernsthafter Spannungsfaktor bleibe das Wirken internationaler terroristischer Organisation, solcher wie der IS, al-Qaida (in Russland verboten), Jamaat Ansarullah und anderer. Zusätzliche Spannungen würden sich durch die Tätigkeit der Pandschir-Partisanen aus der Bewegung „Nationale Widerstandsfront“ ergeben. Nach seinen Worten würden besondere Besorgnis die Pläne der radikalen Gruppierungen und ihrer Anhänger zur Destabilisierung der zentralasiatischen Staaten und für einen Export von Instabilität nach Russland auslösen. Ein besorgniserregendes Signal sei die Verstärkung der „Jamaat Ansarullah“-Einheiten im Bereich der afghanisch-tadschikischen Grenze. Er fügte gleichfalls hinzu, dass Russland eine Dislozierung einer jeglichen militärischen Infrastruktur der USA und der NATO oder sie versorgender Afghanen auf dem Territorium von Nachbarstaaten, in erster Linie in Zentralasien, für inakzeptabel halte.

Ungeachtet der Erklärungen des russischen Ministers finanzieren die USA weiterhin die Befestigung der tadschikisch-afghanischen Grenze. Scheinbar haben Moskau und Washington einen Wettbewerb begonnen: Wer wird Tadschikistan mehr Mittel bereitstellen?

Russland gewährt Duschanbe kostenlose Hilfe im Umfang von mehr als 100 Millionen Dollar für die Errichtung einer Grenzwache an der tadschikisch-afghanischen Grenze, meldete das Internetportal „Asien Plus“. „Ihren“ Grenzposten an der tadschikisch-afghanischen Grenze zu errichten, sind auch die Vereinigten Staaten bereit. Washington werde für die Sicherheit Tadschikistans in den nächsten zwei Jahren über 60 Millionen Dollar bereitstellen, teilte der US-Botschafter in Tadschikistan John Mark Pommersheim mit. Im Rahmen dieser Hilfe werde die amerikanische Regierung „Puma“-Aufklärungsdrohnen für eine Beobachtung des Luftraums des Landes in den Grenzgebieten liefern. Die Details für ein 20-Millionen-Dollar-Abkommen würden gegenwärtig durch die Seiten abgestimmt werden, erklärte der US-amerikanische Diplomat. Dabei unterstrich er, dass die USA nicht beabsichtigen würden, auf dem Territorium Tadschikistans einen Militärstützpunkt einzurichten. Seinen Worten zufolge hätten die USA im Verlauf von 30 Jahren, im Verlauf der Zusammenarbeit, Tadschikistan hunderte Millionen Dollar bereitgestellt. „Im Jahr 2022 wird Washington zum „Geber Nr. 1“ für Tadschikistan“, erklärte Pommersheim.

Nach Meinung von Professor Alexander Knjasew von der Sankt Petersburger Staatsuniversität, ein Experte für Zentralasien und den Mittleren Osten, wollen die USA ihre Präsenz in der Region vor dem Hintergrund der generellen Ereignisse bestätigen und ihre Positionen in Zentralasien über Tadschikistan verstärken. Dabei sei nicht ausgeschlossen, dass die Amerikaner auch ein anderes Ziel antreibe: Die Hilfe für den Mitgliedsstaat der Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit könne Spannungen oder Fragen in der Organisation an sich auslösen.

Was die afghanische Richtung angehe, so müsse berücksichtigt werden, dass sich die Position von Duschanbe, das eine Zusammenarbeit mit der „Taliban“-Regierung in Kabul ablehnt, von der Haltung Moskaus, Teherans und Taschkents unterscheide. Daher wäre es nicht schlecht, wenn die Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit Tadschikistan helfen könnte, seine Position in Bezug auf Afghanistan zu korrigieren, meint Knjasew. Dabei betonte der Experte: Die Regierung der Taliban brauche keine Konflikte an der Grenze. Sie würden sich bemühen, alle radikalen Gruppierungen unter Kontrolle zu bekommen oder zumindest irgendwie auf sie Einfluss zu nehmen.

„Vom Territorium Tadschikistans erfolgen heute aber irgendwelche Verlegungen. Dies können Menschen oder Waffen sein. Auf jeden Fall ist die Situation eine besorgniserregende, da Duschanbe durch derartige Handlungen Russland, die Organisation des Vertrages über kollektive Sicherheit hintergeht, indem es sie in einen Konflikt mit der Regierung der Taliban hineinzieht, die de facto die real agierenden Herrschenden sind“, sagte Knjasew der „NG“. Der Experte schloss auch eine innere Krise in Tadschikistan nicht aus. Zu ihrem Generator könne Berg-Badachschan, wo die Offiziellen methodisch Aktivisten verfolgen, oder die tadschikisch-kirgisische Grenze, wo zwischennationale Auseinandersetzungen aufflammen könnten, werden. Oder gar soziale Proteste in den Regionen dieser GUS-Republik. „Eine institutionalisierte Opposition gibt es in Tadschikistan nicht, die radikale Zellen sind verstreut, doch die ärmliche Lage der Bevölkerung fördert keinen Frieden“, unterstrich Knjasew.