Die Eskalation der Situation um Teheran veranlasst Washington, neue Stützen in Zentralasien zu suchen. Während Flugzeugträger und Zerstörer der USA in die Gewässer vor dem Iran verlegt werden, weilte in Aschgabat eine repräsentative diplomatische Mission der Vereinigten Staaten. Die Besuche des Chefs des United States Secretary of the Army, Daniel P. Driscoll, und des Sondergesandten für Süd- und Zentralasien Sergio Gor für Treffen mit dem Präsidenten und dem Nationalen Leader, Serdar und Gurbanguly Berdymuchamedow unterstreichen: Das neutrale Turkmenistan wird für die USA zu einem strategisch wichtigen Glied der regionalen Sicherheit.
Der Besuch der beiden hochrangigen Vertreter der US-Administration in Turkmenistan, einem Land, das eine ausgedehnte Grenze mit dem Iran hat, zum Zeitpunkt der Entfaltung von Angriffsgruppierungen in der Region vor dem Iran könne nach Meinung des Politologen Derja Karajew einfach kein Zufall sein. Es sei daran erinnert, dass Sergio Gor, der Sonderbotschafter des US-Präsidenten für Süd- und Zentralasien ist, zusammen mit einem anderen Beamten der US-Administration, mit dem Vize-Außenminister der Vereinigten Staaten Christopher Landau, im vergangenen Jahr die Rohfassungen für Abkommen mit Usbekistan und Kasachstan vorbereiteten. Andererseits belegt die Tatsache, dass US-Armeeminister Daniel P. Driscoll zur Delegation gehörte, dass es während der Visite um Elemente einer strategischen Militärplanung ging, was durch deren Begegnung mit Turkmenistans Verteidigungsminister Begentsch Gundogdyjew bestätigt wird. Laut Informationen der staatlichen turkmenischen Nachrichtenagentur TDH sei der Hauptakzent im Verlauf der Gespräche vom traditionellen protokollarischen Rahmen in Richtung einer pragmatischen Erörterung der Perspektiven für eine multilaterale Zusammenarbeit der USA in Zentralasien verschoben worden.
Außerdem wurden Driscoll und Gor durch Turkmenistans Präsident Serdar Berdymuchamedow und Gor separat durch den Nationalen Leader Turkmenistans, durch Gurbanguly Berdymuchamedow empfangen, wobei letzterer unterstrich, dass „die USA einer der wichtigsten strategischen Partner des Landes bleiben“.
„Zweifellos besteht die große Versuchung zu beginnen, über eine hypothetische Wahrscheinlichkeit einer Einbeziehung Turkmenistans in antiiranische Aktionen im Rahmen der mit großer Wahrscheinlichkeit bevorstehenden amerikanischen Militärkampagne gegen den Iran Überlegungen anzustellen, aber nein. Es existieren mehrere Faktoren, die den Offiziellen Turkmenistans nicht erlauben, sich bewusst und gemäß einem guten Willen, zumindest öffentlich antiiranischen Aktionen in jeglicher Eigenschaft anzuschließen“, sagte Derja Karajew der „NG“.
Nach seinen Worten sei der erste Grund der Status einer ständigen Neutralität Turkmenistans – eine unbedingte Maxime der Außenpolitik, die schon lange Zeit den Offiziellen erlaube, zwischen den Interessen der großen geopolitischen Akteure zu lavieren. Ein anderer Faktor seien das nicht zu vergleichende militärtechnische Potenzial des Irans und Turkmenistans sowie die realen Möglichkeiten des Irans zur Zügelung seiner Nachbarn hinsichtlich der Versuchung einer Teilnahme an antiiranischen Koalitionen. Zumal eine Erklärung, die am 24. Januar durch die iranische Nachrichtenagentur „Fars“ verbreitet wurde, den Nachbarländern eindeutig einen Vergeltungsschlag in dem Falle androht, wenn solche Versuchungen die Oberhand über den gesunden Menschenverstand erlangen. Obgleich die Botschaft Teherans an sich in erster Linie an Baku und Ankara gerichtet war, ist in ihr eine eindeutige Message auch an die anderen Hauptstädte der Region enthalten: „Im Falle eines jeglichen Überfalls wird es keinen Unterschied zwischen dem hauptsächlichen Ausführenden und den regionalen Komplizen geben“.
Mehr noch, die iranischen Offiziellen sprechen bereits direkt von der Gefahr des Ausuferns eines militärischen Angriffs auf den Iran zu einem regionalen Krieg: „Wenn man die Lage der Hauptstadt Turkmenistans Aschgabat in der unmittelbaren Nähe zur Grenze mit dem Iran berücksichtigt, dementsprechend in der Zone eines direkten Treffens nicht nur mit Raketenwaffen, sondern auch mit weitreichender Artillerie, ganz zu schweigen von der Residenz des Präsidenten und des Nationalen Leaders – sie befindet sich direkt an der Grenze, in der einstigen Siedlung Firjusa, so kann dieser Faktor ein noch wirksamer als der politisch-rechtliche Faktor der Neutralität sein“, meint Karajew.
Eine gewaltige Rolle spielt auch der starke Einfluss auf Turkmenistan durch die Verbündeten und Partner des Irans – Chinas und Russlands -, mit deren Meinung die Offiziellen Turkmenistans nicht besonders streiten wollen. Und sie wollen mit ihnen auch nicht die Beziehungen hinsichtlich prinzipieller Fragen verderben, zumindest öffentlich und bis zum heutigen Tag.
Dabei war auch die Politik der USA bis zum Jahr 2023 in Bezug auf Turkmenistan eine zurückhaltende und beschränkte sich auf ein diplomatisches „Spiel mit Null-Einsätzen“. Jedoch erfolgt seit jener Zeit, noch seit dem Wirken der vorangegangenen US-Administration ein eindeutiges, wenn auch langes Neuformatieren der Beziehungen der USA mit Turkmenistan – sowohl in einem bilateralen als auch regionalen Kontext, besonders in Bezug auf China.
Nach Meinung des Politologen kenne und berücksichtige die amerikanische Administration zweifellos alle „Risikofaktoren“, mit denen die turkmenischen Offiziellen in den Beziehungen mit dem Iran konfrontiert werden. „Daher gibt es unter den „Zuckerbroten und Peitschen“ der USA kein direktes Antreiben zu Konfrontationshandlungen Turkmenistans gegen den Iran. Es existiert aber der Faktor der langfristigen militärischen Planung, der die Möglichkeit und Notwendigkeit vorsieht, Punkte für ein Not-, ein kurzfristiges Landen von Flugzeugen bei einer Militäroperation gegen den Iran zu haben. Und der neue Flugplatz in Jebel auf dem Territorium Turkmenistans eignet sich am besten für dieses Ziel. Dabei können die turkmenischen Offiziellen selbst bereits auf den humanitären Charakter solch einer Mission verweisen. Und nicht nur amerikanische, sondern auch iranische Flugzeuge landen lassen“, vermutet Karajew.