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Über den Export von Instabilität – mit einem Transit durch Tadschikistan


Beim turnusmäßigen Summit der Verteidigungsminister der Teilnehmerstaaten der Organisation des kollektiven Sicherheitsvertrages in Duschanbe wurden konkrete Fragen zur Befestigung der tadschikisch-afghanischen Grenze erörtert. Nach Einschätzung des russischen Verteidigungsministers Sergej Schoigu „degradiert die Lage in Afghanistan“ und erfordere in diesem Zusammenhang adäquate Antworten auf die möglichen militärischen und anderen Bedrohungen.

Die Degradierung der Situation in Afghanistan hängt in Vielem mit dem Abzug der Militärkontingente der USA und anderen NATO-Länder aus diesem Land zusammen. Und dies erklärte direkt der Generalsekretär der Organisation des kollektiven Sicherheitsvertrages, Stanislaw Sas: „Der Abzug der amerikanischen Truppen hat begonnen, und dies verursacht zusätzliche Risiken für die gesamte Situation in und um Afghanistan. Daher erwarten wir mit Besorgnis jene Folgen, die möglicherweise nach dem Abzug der amerikanischen Truppen von diesem Territorium eintreten werden“.

Wie bei der Tagung der Verteidigungsminister betont wurde, sei man in der Lage, in Tadschikistan diesen Gefahren eine Barriere entgegenzusetzen. Es sei aber keine Tatsache, dass an den anderen Abschnitten der Grenze Afghanistans mit den Staaten der Gemeinschaft, die nicht zur Organisation des kollektiven Sicherheitsvertrages gehören, solch eine Barriere effektiv sein werde. Experten prognostizieren eine Zunahme des „Exports von Instabilität“ aus Afghanistan – eine Verstärkung des Drogenschmuggels, eine Neudislozierung von Terroristen in Richtung der Länder der GUS und weiter nach Europa. Laut Angaben des Stabs der Organisation des kollektiven Sicherheitsvertrages seien in der Nähe der südlichen Grenzen der Gemeinschaft bis zu 15.000 afghanische Freischärler der in Russland verbotenen Gruppierung „Taliban“ konzentriert. Nach Afghanistan kommen nach wie vor Kämpfer der Gruppierung „Islamischer Staat“ (die gleichfalls in Russland verboten ist) aus Syrien und dem Irak, darunter auch Bürger der GUS.

Wie früher in Materialien des Sekretariats der Militärorganisation betont wurde, versuchen die Freischärler der terroristischen Organisationen, die in Afghanistan handeln, „zwecks Absicherung einer Finanzierung ihrer kriminellen Tätigkeit, aktiv den Drogenschmuggel aus diesem Land unter Kontrolle zu bekommen“. Betont wird gleichfalls, dass „Afghanistan nach wie vor der hauptsächlichste Erzeuger (rund 90 Prozent) von Opiaten, Opium und Heroin in der ganzen Welt ist. Mehr noch, die internationalen terroristischen Organisationen nutzen die Routen des Drogenschmuggels für eine Verlegung von Rebellen in verschiedene Länder. Zu einem profitablen kriminellen Geschäft wurde für die Terroristen in der letzten Zeit auch der Transport bzw. das Schleusen illegaler Migranten aus Afghanistan in andere Länder“.

Der Leiter des Zentrums für wissenschaftlich-analytische Informationen des Instituts für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften, Nikolaj Plotnikow, betonte in einem Gespräch mit der „NG“, dass „die Taliban-Bewegung 85 Prozent des Territoriums von Afghanistan kontrolliert, wo Opiummohn wächst“. Dabei sichere laut Angaben des Experten gerade der Drogenhandel 60 Prozent des Etats der Bewegung. In den letzten drei bis fünf Jahren habe die Herstellung von Heroin in diesem Land rund 10.000 Tonnen erreicht. Wieviel davon auf das Territorium der GUS-Länder gelangt, ist unbekannt. Aber augenscheinlich ist es viel. Und dies verursacht natürlich nicht nur für die Militärs Kopfschmerzen, sondern auch für alle Rechtsschutzorgane der GUS-Länder.

„Als die tadschikisch-afghanische Grenze russische Grenzer bewachten, fixierten und vereitelten wir praktisch wöchentlich Versuche eines Eindringens durch Menschen, Flüchtlinge, kriminelle Elemente (oft einfach durch Terroristen) und durch Drogenkuriere auf das Territorium von Tadschikistan. Jetzt sind es, wie mir scheint, weitaus mehr solcher Fälle geworden“, unterstrich der Oberstleutnant der russischen Grenztruppen im Ruhestand Vitalij Lapschow gegenüber der „NG“. „Wenn man die Amerikaner und anderen NATO-Kräfte aus Afghanistan abzieht, so schließe ich nicht aus, dass dort die ganze Macht die radikalen islamistischen Gruppierungen ergreifen werden. Dies beschwört eine Aggression gegen die südlichen Regionen der GUS und die Anbahnung neuer Kanäle für den Absatz des Opiums und Heroins in die Länder der Gemeinschaft und nach Europa herauf.“

Es sei angemerkt, dass Vitalij Lapschow seinerzeit über 20 Jahre an vielen südlichen Abschnitten der Staatsgrenze der UdSSR, darunter in Tadschikistan diente.

Russland ist offensichtlich bereit, bestimmte Schritte zu unternehmen, um solch eine Entwicklung der Ereignisse nicht zuzulassen. Wie vor zwei Wochen Valerij Gerassimow, der Chef des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation, auf einer Tagung des Militärkomitees der Organisation des kollektiven Sicherheitsvertrages berichtete, „ist im laufenden Jahr auf dem Territorium Tadschikistans die Abhaltung von drei gemeinsamen Manövern geplant: mit Kräften und Mitteln der Aufklärung – „Suche-2021“, mit Kräften und Mitteln der materiell-technischen Sicherstellung – „Echelon-2021“ und mit den Kollektiven Kräften für ein operatives Reagieren der Organisation des kollektiven Sicherheitsvertrages – „Zusammenwirken-2021“. Diese Operationen haben eine Verstärkung der tadschikisch-afghanischen Grenze zum Hauptziel. Sie sollen unter anderem zu einer realen Basis für die Bekämpfung der illegalen Einwanderung und des Drogenverkehrs werden“.

Laut einer Mitteilung des Pressedienstes dieser Organisation beginne in Russland und anderen Staaten Zentralasiens die ständige internationale regionale Antidrogen-Operation „Kanal“. „Das Hauptziel der Operation ist die Abriegelung des Kanals für die Lieferungen von Drogen aus Afghanistan über die „Nordroute“.“

Also wird man in Tadschikistan die Südgrenze verstärken. Was wird aber mit den anderen Abschnitten der afghanischen Grenze, die entlang des Flusses Amu-Darja in Usbekistan und entlang dem Festland Turkmenistans verläuft? Diese Länder gehören bekanntlich nicht zur Organisation des kollektiven Sicherheitsvertrages.

„Die Länge der afghanisch-usbekischen Grenze beträgt ganze 144 Kilometer. Und sie verläuft vollkommen entsprechend dem Flussverlauf. An diese grenzen vom Norden her Baumwollfelder. Und für die Schmuggler und Terroristen ist es sehr schwer, sich in ihnen zu verstecken. Die Grenztruppen Usbekistans kontrollieren laut meinen Angaben zuverlässig diesen Abschnitt. Wenn aber große Gruppen von Rebellen versuchen, ihn zu überwinden, wird es Probleme geben“, erklärte der Militärexperte Oberst Jurij Iwanow, der lange Zeit in den Grenztruppen auf dem Territorium der Länder Zentralasiens gedient hatte, gegenüber der „NG“.

Nach Meinung von Iwanow würden noch größere Probleme an der turkmenisch-afghanischen Grenze bestehen. „In den vergangenen Jahren wurden Fälle eines Durchbrechens von Rebellen auf das Territorium von Turkmenien bekannt. Die Informationen waren spärliche. Es besteht jedoch die Meinung, dass gerade durch Turkmenien erhebliche Ströme des Drogenverkehrs aus Afghanistan nach Europa verlaufen. Dieser Weg verläuft über das Kaspische Meer. Und auf dem werden Territorien nicht nur Russlands, sondern auch Kasachstans und Aserbaidschans ausgenutzt“, unterstreicht der Experte. Diese Route könne man nur am Kaspischen Meer und an der südlichen Grenze der Russischen Föderation unterbrechen. Dies sei ein sehr schwieriges Problem. Und dieses müsse nicht so sehr die Organisation des kollektiven Sicherheitsvertrages als vielmehr Russland lösen, ist sich Jurij Iwanow sicher.