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Über die Erziehung der Persönlichkeit auf der Grundlage traditioneller Werte


Russlands Präsident Wladimir Putin hat seine Administration beauftragt, zusammen mit der Regierung und unter Beteiligung aller interessierten staatlichen Institutionen „Vorschläge zur Ausarbeitung und Realisierung eines nationalen Projekts vorzubereiten und vorzulegen, das auf die Erziehung einer harmonisch entwickelten und sozial verantwortungsbewussten Persönlichkeit auf der Grundlage der traditionellen russischen geistig-moralischen Werte abzielt“. Es geht dabei um das neue nationale Projekt „Russlands Jugend“. Seinen Start hatte das Staatsoberhaupt neben anderen im Rahmen seiner jüngst vorgetragenen Jahresbotschaft an die Föderale Versammlung bekanntgegeben.

Hinsichtlich der übrigen neuen nationalen Projekte („Familie“, „Kader“, „Daten-Wirtschaft“, „Langes und aktives Leben“) scheinen die Parameter und Kriterien für eine Beurteilung des Erfolges transparenter und klarer zu sein. Bezüglich der Erziehung der Persönlichkeit auf der Grundlage der traditionellen Werte gibt es weitaus mehr Fragen, und der Bereich für eine Interpretation ist erheblich größer. Das Kulturministerium der Russischen Föderation hatte bereits zu Beginn des Jahres 2022 eine Liste traditioneller und fremder Werte zusammengestellt, die im Weiteren Eingang in die vom Präsidenten bestätigte Konzeption fand. Zu den traditionellen Werten gehören gemäß diesem Dokument unter anderem das Leben, die Würde, die Menschenrechte und -freiheiten, Patriotismus, eine starke Familie, die Priorität des Geistigen gegenüber dem Materiellen sowie die historischen Erinnerungen.

Dementsprechend werden als fremde und destruktive Egoismus, Anspruchsdenken, eine Verleugnung der Ideale des Patriotismus und der natürlichen Fortsetzung des Lebens, der starken traditionellen Familie, der Ehe, des Kinderreichtums sowie des positiven Beitrags Russlands zur Weltgeschichte und -kultur eingestuft. Schädliche Ideen implementieren Extremisten, Terroristen, einzelne Massenmedien und Russland unfreundlich gesinnte Staaten. Die Verzeichnisse der traditionellen und fremden Werte sind lange, sie lassen aber auch Raum für eine Interpretation und dementsprechend für eine Verfolgung und Bestrafung, wenn entsprechende Gesetze in Kraft treten.

Bedeuten die zu bestätigenden Konzeptionen und Register von Werten, dass die Herrschenden von einer traditionellen bzw. einer den Traditionen verbundenen Gesellschaft in Russland träumen? Man kann wohl kaum eindeutig darüber sprechen. Den Traditionen verbundene Gesellschaft existieren in der Welt, deren gibt es nicht wenige. Sie werden mit der Gegenwart konfrontiert, meistens ändern sie sich schwer und langsam. Dabei ist das traditionelle Substrat für sie eingeschränkt, und es transformiert sich auf natürlichem Wege. Die russische Gesellschaft ist ihrerseits oft zu einem Feld für Experimente geworden. Man hatte sie zerbrochen und umgestaltet, ihre Entwicklungswege veränderten sich. Dabei hat sie all die letzten Jahrzehnte in Vielem gerade als eine moderne und nicht traditionelle Gesellschaft existiert. Und die aus diesem Ambiente hervorgegangene Elite — mögen es auch oft Konservative sein, aber keine bodenständigen Fundamentalisten.

Die veröffentlichten Dokumente, die die richtigen und die falschen Werte betreffen, reflektieren eher eine neue Realität in den Beziehungen des Staates und der Gesellschaft. Lange Zeit hatte der Staat nicht angestrebt, am Privatleben des Menschen teilzuhaben, in die Welt seiner Anschauungen und Überzeugungen einzudringen. Man konnte leben, wie man wollte, denken, was man wollte, zu den Herrschenden, der Geschichte und der Kultur entsprechend dem eigenen Wunsche stehen. Und sogar darüber sprechen und schreiben. Der Staat konnte eingreifen, wenn die Freiheit der Gedanken und Anschauungen irgendwelche einflussreiche oppositionelle politische Projekte hervorbrachte. Nunmehr scheint sich das Bild zu ändern. Man kann nach wie vor nicht in den Kopf des Menschen sehen. Aber jegliche, selbst im Rahmen eines Privatgesprächs, Realisierung von Überzeugungen kann zu einem Objekt der Aufmerksamkeit, Überprüfung, Kontrolle und – was nicht ausgeschlossen ist – eines Tadels und einer Bestrafung werden. Und all dies entsprechend den Gesetzen und im Namen hehrer Ziele.

Noch betrüblicher ist es dann, wenn sich Menschen anschicken, die Rolle des maßstabsetzenden Tomás de Torquemada (ein kastilischer Dominikaner, Generalinquisitor in den Reichen der Krone von Kastilien und den Reichen der Krone von Aragonien – Anmerkung der Redaktion) zu übernehmen, die schon lange keine feste Ehe führen, die eigenen Kinder nicht gemäß den traditionellen Werten erzogen und auf der Grundlage eines kapitalistischen Egoismus unermessliche Reichtümer angehäuft haben. Aber auch überzeugt erklären, dass gerade ihr luxuriöser Lebensstil und das Milliarden-Kapital auch eine Illustrierung des Triumphs von Kollektivismus und Uneigennützigkeit seien…

 

Post Scriptum:

Verantwortliche für die Umsetzung des Plans sind der 1. Stellvertreter der Putin-Administration und zuständige für die Innenpolitik, Sergej Kirijenko, und Regierungschef Michail Mischustin. Bis zum 1. Juli ist die Deadline für die Vorschläge gesetzt worden.

Bereits Anfang Februar hatte Putin gefordert, die patriotische Propaganda in den Schulen zu verstärken, wobei den Unterrichtsfächern mehr Aufmerksamkeit zu schenken sei, die nach seiner Meinung „eine vollwertige Persönlichkeit“ prägen. Das Land brauche Menschen, die die Heimat lieben, und zur Selbstaufopferung bereit seien. „Unter den heutigen Bedingungen ist dies wichtig“, sagte der 71jährige.

 

Als Antwort verkündete das Bildungsministerium die Pläne, drastisch die Anzahl der Geschichtsstunden in den Schulen zu erhöhen. Sie wird etwa um das Anderthalbfache zunehmen – von 340 bis auf 476. Für die Schüler der 5. bis 8. Klasse werden dies konkret drei Unterrichtsstunden in der Woche sein, und für die Schüler der 9. Klasse – zwei Stunden. Ab 1. September 2025 sollen die neuen Regeln in Kraft treten.

 

Im föderalen Haushalt für das laufende Jahr sind 45,8 Milliarden Rubel für die „patriotische Erziehung“ vorgesehen worden, zwei Milliarden Rubel mehr als im Jahr 2023. Und vergleicht man diese Summe mit der von 2021, so ist gar eine Zunahme um das 7fache auszumachen.