Die Serie von Überfällen in russischen Schulen zu Beginn dieses Jahres sieht nicht wie eine Abfolge zufälliger Zwischenfälle aus, sondern wie ein besorgniserregendes Pattern (ein Muster bzw. eine Struktur, das bzw. die durch erneutes oder paralleles Auftreten gekennzeichnet ist – Anmerkung der Redaktion). Was haben gerade wir, die Erwachsenen, versäumt und warum ist Aggression für die Kinder zu einer Methode geworden, um erhört zu werden?
In diesem Winter hat sich in unterschiedlichen Regionen des Landes eine Serie von ähnlichen Zwischenfällen in Bildungseinrichtungen ereignet. In Ufa hatte ein Schüler eine Paintball-Waffe zum Unterricht mitgebracht und einen Knallkörper gezündet, in der Verwaltungsregion Krasnojarsk hatte ein Mädchen versucht, einen Lehrer mit einem Messer zu verletzen, und in Krasnojarsk an sich hatte eine Schülerin einen Klassenraum in Brand gesetzt und jene angegriffen, die ihn verließen…
In den meisten Fällen handelten die Teenager im Zustand eines akuten, affektiven Zusammenbruchs, dem eine Zeit von Spannungen vorausgegangen war. Fast alle Angriffe trugen einen demonstrativen Charakter: Sie wurden offen verübt, vor den Augen von Gleichaltrigen, nicht selten nach öffentlichen Drohungen.
Die Aggression hier ist nicht so sehr ein Instrument des Angriffs als vielmehr eine Form für eine Entladung und eine Offenbarung des inneren Zustands. Faktisch war dies ein Aufschrei, der in eine Handlung transponiert wurde.
Wut und Schmach, Erniedrigung und Ohnmacht haben sich schrittweise angehäuft. Es hatte aber für die Teenager keinen Raum gegeben, wo man dies hätte aussprechen und verhindern können. Die Schule fixiert ein Verhalten, aber keinen Zustand. Solange ein Kind formal die Regeln einhält, bleibt seine Anspannung eine unsichtbare.
Auf dem Höhepunkt hört der Affekt auf, eine Emotion zu sein. Er wird zu einem unerträglichen Druck, der ein sofortiges Ablassen verlangt. Das Handeln erweist sich als einzige Methode, um die innere Überbelastung zu stoppen. Die Überfälle erscheinen als den Anlässen inadäquate, denn der reale Trigger ist nicht ein konkreter Konflikt, sondern eine über Jahre hinweg in einen „Container“ verlagerte Spannung.
Das Sich-Wiederholen der Szenarios im ganzen Land belegt eins: Die Teenager-Psyche ist überlastet. Und es fehlt ein System für ein frühes Reagieren auf emotionale Krisen.
Die Schule ist kein zufälliger Ort für das Geschehen der Zwischenfälle. Gerade hier befindet sich der Teenager in der Situation einer ständigen Bewertung – der schulischen Leistungen, des Verhaltens, der „Normalität“ sowie des Enstprechens der Erwartungen seitens der Erwachsenen und Altersgefährten.
Der Lehrer ist die Schlüsselfigur in der Hierarchie, aus der das Kind nicht ausbrechen kann. Selbst ohne Härte und eines vorsätzlichen Drucks macht jeglicher Konflikt mit dem Lehrer den Teenager zu einem anfälligen. Er ist dem Erwachsenen nicht ebenbürtig, er kann „den Kontakt nicht abbrechen“. Gerade daher werden Meinungsverschiedenheiten als eine Niederlage, eine Erniedrigung, als die Bestätigung der eigenen Hilflosigkeit wahrgenommen.
Keine geringere Rolle spielen die Beziehungen mit den Gleichaltrigen. Das Bulling, eine Isolation, Gespott und Hohn sowie Statuskonflikte können Monate lang andauern. Der Teenager trifft tagtäglich auf jene, die ihn verschmähen und erniedrigen, wobei er keine Möglichkeit hat, auf Distanz zu gehen.
Die Aggression wird gerade in der Schule an den Tag gelegt, nicht weil die Schule „Gewalt provoziert“, sondern weil in ihren Mauern gleich mehrere Faktoren aufeinandertreffen: die Kontrolle, die Unmöglichkeit eines Weggehens, Öffentlichkeit und der aufgestaute Affekt.
Bei allen Februar-Zwischenfällen kommt das Thema eines Bullings vor. In der Stadt Kodinsk der Verwaltungsregion Krasnojarsk ein langer Konflikt mit dem Lehrer und eine mögliche Hetzkampagne seitens der Altersgefährten. In Krasnojarsk – der schwere Zustand des Mädchens, über den ihre Mitteilungen und ihr Verhalten geschrien hatten. In anderen Regionen schrieben Teenager in Chats Drohungen, demonstrierten offen Hass und Verzweiflung. Aber diese Äußerungen waren ohne eine Reaktion geblieben.
Bulling ist hier kein privater Konflikt, sondern eine systembedingte Situation, in der der Teenager eines Schutzes beraubt ist. Das Hetzen dauert über Monate an, wird von den Erwachsenen als „schulische Reibereien und Auseinandersetzungen“ wahrgenommen und hat keinen legalen Ausweg.
Dabei ist das Opfer formal nicht isoliert. Es ist unter Gleichaltrigen, psychologisch aber „unsichtbar“: Die Signale der Verzweiflung werden nicht erfasst oder als eine Provokation wahrgenommen. Die Aggression wird zu einem Weg, durch diesen Boykott durchzubrechen, seinen Zustand um jeglichen Preis zu einem sichtbaren zu machen.
Solange Bulling als ein zweitrangiges Problem und nicht als eine potenziell gefährliche Situation angesehen wird, wird die Wahrscheinlichkeit derartiger Erscheinungen von Gewalt eine große bleiben.
Die Reaktion auf die Attacken in den Schulen erfolgt dem gewohnten Szenario: eine Verstärkung der Bewachung, neue Verbote und eine Verschärfung der Kontrolle. Die Ereignisse zeigen aber die Beschränktheit solch eines Vorgehens. Die Teenager haben die gefährlichen Gegenstände unter Umgehung des Sicherheitsrahmens in die Schulen gebracht. Gefahren sind in Chats aufgetaucht, sind aber ohne eine Beachtung geblieben. Die formelle Kontrolle funktioniert, wenn das Problem bereits in das Stadium eines Handelns übergegangen ist, beeinflusst aber nicht die Prozesse, die zu ihm führen.
Experten verweisen auf eine Formalisierung der Prophylaxe: Die Empfehlungen werden pro Forma umgesetzt, der lebendige Kontakt mit den Teenagern wird durch die Bürokratie verdrängt. Es entsteht eine Illusion der Steuerbarkeit: Es scheint, dass eine Verstärkung der äußeren Sicherheit in der Lage ist, Tragödien zu verhindern, obgleich die tiefliegenden psychologischen Ursachen bestehen bleiben.
Eine ähnliche Situation besteht in der öffentlichen Diskussion: Die Verantwortung wird zwischen der Schule, der Familie, dem Staat und dem Internet hin und her geschoben . Die bequemen Erklärungen — „schlechte Familien“, „ein schädliches Internet“, „Manipulatoren von außen“ — erlauben, die Hauptfrage zu verdrängen: In was für einem Umfeld wachsen die Teenager heran und welche Formen für einen Umgang mit ihrem Zustand für sie zugänglich?
Die Februar-Attacken haben nicht nur die Anfälligkeit bzw. Angreifbarkeit des Schulsystems, sondern auch eine Krise der Verantwortung der Erwachsenen gezeigt. Die Kinder gestalten nicht selbständig dieses Milieu. Es schaffen die Erwachsenen – über die Organisation der Schule, den Stil der Kommunikation und die Bereitschaft, Gehör zu schenken. Über das emotionale Feld der Gesellschaft, wo eine Aggression immer häufiger normalisiert wird. Wenn die Welt der Erwachsenen Brutalität und Gewalt als eine universelle Sprache vermitteln, reproduzieren die Teenager diese nur in einer gröberen Form.
Die Verantwortung wird nicht auf einzelne Eltern oder Schulen reduziert. Es geht um eine kollektive Unfähigkeit, rechtzeitig Missstände zu registrieren und auf Signale zu reagieren. Mit den Teenagern muss man über den Zorn und die Wut, über die Angst und die Erniedrigung und nicht nur über Regeln sprechen. Solange die Verantwortung eine vage ist und abgewälzt wird, leben die Teenager mit einer emotionalen Überlastung ohne eine Unterstützung.
Die Anerkennung der eigenen Rolle ist der erste und der schwerste Schritt. Ohne ihn werden jegliche Maßnahmen verspätete und oberflächliche sein. Die Aggression von Teenagern ist keine fremde Bedrohung, sondern eine Widerspiegelung dessen, zu was für einen Zustand die Gesellschaft der Erwachsenen ihre Kinder gebracht hat.
P. S.
Der Februar hat noch einige Tage vor sich. Und die bleiben nach wie vor nicht ohne neue schlimme Vorfälle in Russlands Schulen. Am Donnerstag dieser Woche informierte der Gouverneur der Verwaltungsregion Perm, Dmitrij Machonin, dass in den Morgenstunden ein 13jähriger Schüler der Schule Nr. 1 in der Stadt Alexandrowsk einen Altersgefährten mit einem Messer angegriffen hatte. Das Opfer erhielt schwere Stichwunden, nicht nur im Halsbereich, und befindet sich in einem schweren Zustand. Eine Notoperation machte sich für den Jungen notwendig. Und laut letzten Meldungen soll er mit einem Sanitätsflugzeug evakuiert werden. Traditionsgemäß leitete die zuständige Staatsanwaltschaft gleich zwei Strafverfahren ein (nichts geht über Standardprozeduren!) — gegen den Täter wegen eines Mordversuchs in Bezug auf einen Minderjährigen und gegen die Schule wegen Nachlässigkeit und Erbringung von Leistungen, die den Sicherheitsanforderungen nicht entsprechen.
Vor diesem Hintergrund trat am gleichen Tag Russlands Innenminister Wladimir Kolokolzew im Staatsduma-Ausschuss für Sicherheit und Korruptionsbekämpfung auf. Er informierte, dass die Mitarbeiter der Polizei seit Jahresbeginn 21 Versuchen von Angriffen auf Schüler und Lehrer in Bildungseinrichtungen in 15 Regionen des Landes vereitelt hätten. Als Beispiel führte der Minister die Tatsache der Vereitelung von Plänen zur Verübung eines Terrorakts durch einen 15jährigen Minderjährigen in der Verwaltungsregion Altai an, der „in sozialen Netzwerken Informationen über Formen für das Verüben derartiger Taten gepostet hatte“. Stolz über diese Zahlen ließ der Minister damit jedoch nicht aufkommen, denn er ließ die Frage offen, wie künftig solche Handlungen verhindert werden können. Zumindest hatte die Nachrichtenagentur Interfax dazu nichts gemeldet.