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Über die Möglichkeiten eines olympischen Friedens


Das Internationale Paralympische Komitee hat bei seiner außerordentlichen Generalversammlung am Mittwoch (16.11.2022) in Berlin beschlossen, mit sofortiger Wirkung die Mitgliedschaft des Paralympischen Komitees von Russland zu suspendieren. Motiviert wurde dies damit, dass die russische Seite nicht in der Lage sei, „den Mitgliedschaftsverpflichtungen gemäß der IPC-Satzung nachzukommen“. Für die Suspendierung votierten 64 Delegierte, dagegen – 39, weitere 16 enthielten sich der Stimme. Das Stimmenverhältnis belegt, dass die Verfechter der beschlossenen Maßnahme keine überwältigende Mehrheit besitzen. Dennoch ist die Entscheidung gefällt worden.

Bemerkenswert ist, dass die Abstimmung bezüglich der paralympischen AthletInnen gleich erfolgte, nachdem der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, der Deutsche Thomas Bach, beim G-20-Gipfel auf Bali aufgetreten war. Er hatte die Länder kritisiert, die „Athleten aufgrund politischer Erwägungen eine Teilnahme an den Olympischen Spielen verwehren“ wollen. Nach Aussagen von Bach werde, „wenn der Sport zu einem Instrument für eine politische Einflussnahme wird, er vollkommen in die Brüche gehen“.

„Es ist erforderlich, dass an den Olympischen Spielen alle Länder teilnehmen, darunter – und sogar insbesondere – die, die sich in einem Konflikt befinden. Wenn nur verbündete Länder teilnehmen, wird aus den Olympischen Spielen kein wahres Friedenssymbol“, erklärte Bach. Die Teilnehmer des G-20-Treffens rief der IOC-Chef auf, „dem Frieden eine Chance zu geben“ und „ihre Neutralität hinsichtlich des Sports in die gemeinsame Abschlusserklärung des Summits aufzunehmen“.

Das Internationale Paralympische Komitee ist hinsichtlich des IOC eine eigenständige Organisation. Dennoch ist der Kontrast zu den Erklärungen von Bach in seiner Entscheidung ein spürbarer. Übrigens, auch der Auftritt des IOC-Präsidenten an sich hatte in Russland viele in Erstaunen versetzt. Schließlich war Bach früher gerade für eine Suspendierung russischer Sportler von unterschiedlichen internationalen Wettbewerben aufgetreten. Und die internationalen Verbände hatten dem – mit einigen Ausnahmen – Gehör geschenkt.

Dabei hat der IOC-Chef, was wichtig ist, früher über Turniere von der Art von Championaten und Weltcups gesprochen, die Olympiaden aber nicht tangiert. In einer konfliktgeladenen Zeit verfolgt jede öffentliche Figur ihr PR-Spiel. Die Olympischen Spiele sind der unmittelbare Verantwortungsbereich von Bach. Der Ausschluss solch eines riesigen Landes wie Russland mit dutzenden Champions und Medaillenanwärtern ist ein Ansehensverlust. Bach hätte es wohl gern, dass russische Sportler bei den Spielen antreten, wenn auch in einem neutralen Status (hier gibt es schon nichts Neues).

Das Bild eines Friedensstifters ist für jeden beliebigen angenehm. Und Thomas Bach ist ein Politiker, wenn auch nur in der Welt des Sports. Und das IOC verfügt natürlich über Vollmachten, um eine Teilnahme von Sportlern Russlands an den Olympiaden zu sanktionieren, es kann die internationalen Verbände auffordern, die Restriktionen aufzuheben, die sich auf andere Wettbewerbe erstrecken. Bach und das IOC fühlen sich jedoch, wie es scheint, nicht vollkommen als unabhängige. Dies bedeutet nicht, dass sie, wie man bei uns in Russland gern unterstellt, irgendwer leitet. Dies bedeutet, dass sie von der entstandenen politischen Konjunktur abhängig sind, in der jeder einseitige oder Gruppenboykott in Bezug auf russische Sportler zu einem legitimen wird, das heißt einem berechtigten, für viele verständlichen. Solch eine Konjunktur hat die einseitigen Visa-Verbote ausgelöst, die Schwierigkeiten für das Reisen russischer Athleten.

Mit seinem Auftritt vor den Teilnehmern des G-20-Summits hat Thomas Bach vom Wesen her um eine politische Genehmigung gebeten, die Sportsanktionen gegenüber Russland (wobei der Name unseres Landes an sich nicht erklang, alle aber alles begreifen) aufzuheben. Damit hätte er bei einem Zusammenprallen mit der Konjunktur ein Argument. Und genau solch eine politische Erlaubnis erwarten auch andere Sportverbände inklusive gar der mächtigsten und einflussreichsten wie beispielsweise die aus dem Fußballbereich – die FIFA und die UEFA. Bisher gibt es keine solche Entscheidung. Die Konjunktur, der Mechanismus der Boykotte und andere Schwierigkeiten – all dies wirkt weiter. Für einige Strukturen ist ein politisches JA gerade ein Signal vom IOC an sich. Das heißt: Die Zustimmung wird nach und nach weitergegeben.

Man kann aber auch gegen den Trend vorgehen. Dies wurde am Beispiel des Tennis, das Radsports und der Kampfsportarten deutlich. Da hatte es, wie sich herausstellte, andere Mechanismen für einen Widerstand gegen die Konjunktur gegeben. Und nicht einmal zum letzten von ihnen ist dabei die Solidarität der Sportler geworden. Das Olympische und das Paralympische Komitee sind scheinbar nicht bereit, solch eine Ressource zu nutzen.