Als ich dieses Mal aus dem Urlaub zurückkehrte, habe ich im Verhalten meiner bereits nicht mehr jungen Katzen Unerwartetes erblickt: ein Aufflammen von Liebe seitens Mama Konfetka für ihre Tochter Tschernuschka. Früher hatten sie nie zusammen geschlafen, wobei sie sich eng aneinander schmiegten, und umso mehr einander abgeleckt. Sie hatten sich stets unabhängig und eigenständig verhalten, wie es sich auch für die Vertreter ihrer Art gehört.
Und aus dem linken Auge von Tschernuschka flossen auch noch die ganze Zeit Tränen. Leider hat der Tierarzt hinter all diesem, die ganze Zeit weinenden Auge einen großen Tumor entdeckt, ein Karzinom, was bedeutet: Die Katze ist dem Tode geweiht…
Sie bemüht sich, all dies zu tun, was sie als eine gesunden getan hat – sich zu reinigen, auf dem Fensterbrett zu sitzen. Wie immer springt sie auf ihren Platz hinter meinem Rücken und wartet, dass ich den Arm ausstrecke und sie streichele. Die ganze Zeit versucht sie, sich näher zu mir aufzuhalten…
Aber es ist auch etwas aufgetreten, was es zwischen uns früher nicht gegeben hatte: Jetzt, wenn ich schreibe oder lese, legt sie sich vor mir auf den Tisch und schnurrt die ganze Zeit, um sozusagen zu demonstrieren, dass sie deshalb glücklich ist, dass sie immer noch in der Nähe sein kann.
Bei den Menschen ist eine Zunahme von Spiritualität und Liebe im Vorfeld eines bevorstehenden Verlusts festgestellt worden. Wie (der Religionsphilosoph) Nikolaj Bedjajew schreibt, hat gerade die Unabwendbarkeit des Todes seiner Frau ihn mit ihr näher gebracht, vor ihnen eine gewisse besondere Welt einer gegenseitigen Zuneigung zueinander aufgetan.
Was aber veranlasst in solch einer Situation eine Katze, ein Maximum an Liebe für ihre lieben Wesen – Artgenossen, den Herrn – an den Tag zu legen? Schließlich gibt es bei ihr sicherlich kein Begreifen der Unvermeidlichkeit dessen, was sie bald ereilen wird. Wie unterscheidet eine Katze eine gewöhnliche Krankheit, die sie wie auch jedes Lebewesen mehrfach im Verlauf des Lebens durchmacht, von einer unabwendbaren Krankheit – von einer Onkologie?
Berdjajew spricht davon (und dies ist das Wichtigste für mich), dass der nahende Tod sowohl bei Menschen als auch bei Tieren ein und dieselbe Reaktion auslöse: den Wunsch, ein Maximum an Güte und Gutem zu tun. Mir scheint aber, dass der Unterschied zwischen der menschlichen Selbsterkenntnis der Unabwendbarkeit des Nahenden und dem Verstehen dieses seitens Tiere eine qualitative Verschiedenheit aufweist. Bei den Menschen vereinen sich das Vernünftige und das Herzliche, bei den Tieren aber, und in diesem Fall bei Katzen, ist dies etwas anderes. Irgendeine andere Logik des Unterbewusstseins, wohl die Logik irgendeiner Mystik – die Fähigkeit, in ihrer Zukunft dies zu sehen, das wir, die Menschen, nicht auszumachen in der Lage sind.
Berdjajew schreibt, dass der Tod nicht nur das Schrecklichste, das Schlimmste, sondern zur gleichen Zeit auch dies sei, was in der Seele einander liebender Wesen eine geistige Erleuchtung, ein Aufwallen von Zuneigung wie das Aufflammen von Göttlichem auslöst.
Das Interessanteste ist, dass Berdjajejw Ähnliches auch über seinen Kater Muri, über die Kontakte mit ihm, dem sterbenden, und dessen Verhalten in dieser Zeit schreibt. Muri kann schon nicht mehr laufen, doch er kraucht dennoch zum Bett des kranken Frauchens – zu Lidia Berdjajewa -, um von ihr Abschied zu nehmen. Er nimmt lange Abschied. Lange auf seine Art, auf Katzenart, sagt ihr etwas…
Mir ist Berdjajew sehr nahe, mir ist sehr nahe dies, was er über die Rolle von Kater Muri in seinem Leben schrieb, dass er dank ihm mit der Seele in die Geheimnisse des Göttlichen eingedrungen sei. In seinen Erinnerungen über die letzten Tage der Kontakte mit Muri hebt er das hervor, was für mich persönlich im ewigen Streit über das Verhältnis von Irdischem und Göttlichem sehr wichtig ist: Berdjajew sagt, dass sich das Göttliche bei den dich liebenden Tieren genauso offenbare wie es auch bei den Menschen zu Tage trete!
Der Philosoph von internationalem Rang schreibt, dass er selten geweint hätte, doch er konnte die Tränen nicht zurückhalten, als er seinen Muri beerdigte…
Das Erreichen des Finales des Lebens (über das Berdjajew in „Selbsterkenntnis“ schreibt, einem Buch (erstmals 1949 erschienen – Anmerkung der Redaktion), das er als eine Reflexion hinsichtlich des Erlebten bezeichnete) löst nicht einfach ein Aufflammen von Spiritualität und Menschlichkeit aus, sondern führt zur gleichen Zeit bei liebenden Wesen auch zu einer drastischen Verstärkung des Begreifens des Wertes des Lebens. Er schreibt, dass das Ableben der Gattin ihm eröffnet habe, dass der „Tod kein maximales Böse ist, sondern dass es im Tod auch ein Licht gibt. Im Tod gibt es eine maximale Zuspitzung von Liebe“, dass jene Tage der Zeit des Abschiednehmens von Lilia in seinem Leben sehr wichtig gewesen seien.
Darin, meint Berdjajew, bestehe auch das Geheimnis des Todes. Einerseits ist das Ende eines Lebens das Ende für alles. Andererseits ist dies aber das, was er als „Erleuchtung der Seele“ bezeichnet, als „Begreifen des Wertes des (Lebe-) Wesens, das neben dir ist und das du liebst“, als „Begreifen des Wertes eines jeden letzten Tages deines Lebens“.
Und eben diese Dialektik von Leben und Tod, von der Berdjajew so viel spricht, steckt auch gerade in dem Aufflammen von Lichtem und Göttlichem bei einander Liebenden am Vorabend des Dahinscheidens eines von ihnen.
Das Begreifen des unweigerlichen Sterbens der Katze Tschernuschka verstärkt meine Liebe zu ihr, offenbart die Wahrheit über ihren Wert für mich, über ihren Platz in meinem Leben. Dank meiner Tschernuschka habe ich begriffen, dass das nahende Ableben eines geliebten (Lebe-) Wesens überraschenderweise eine kurzfristige Freude bringen kann, die Freude, dass es heute immer noch mit dir ist, dass sie an diesem Tag noch zusammen sind. Mit ihrem ganzen Verhalten lehrt mich, einen Menschen, die kluge Katze, sich über das Heutige zu freuen, das Heutige zu schätzen.
Und in diese scheinbare Patt-Situation des nahenden bitteren Ereignisses bricht eine Freude ein: Tschernuschka hat heute beinahe ihr ganzes Päckchen Futter gefressen. Und da dem so ist, bedeutet dies, dass ihr Tod aufgeschoben wird. Und wir haben noch Tage einer beiderseitigen Freude vor uns, Tage normaler Kontakte.
Diese Zeit des unweigerlichen Abschiednehmens vom geliebten (Lebe-) Wesen veranlasst dich, auf eine andere Art und Weise die Zeit wahrzunehmen, dich auf eine andere Art und Weise gegenüber allem zu verhalten, was mit ihm verbunden ist. Und da offenbart sich eine rein philosophische Seite der Frage: der eigene Wert eines jeden Augenblicks, der eigene Wert des Gegenwärtigen, unabhängig davon, wohin bzw. zu was dieses Gegenwärtige morgen führen wird.
Denn wir schätzen doch oft nicht das Gegenwärtige, das Heutige. Im Namen einer unbekannten Zukunft opfern wir sowohl das Gegenwärtige als auch mitunter gar das Leben…
Der Priestermönch und Starez Sossima in „Die Brüder Karamasow“ von Dostojewskij (der letzte Roman des Schriftstellers, der 1878-1880 geschrieben wurde – Anmerkung der Redaktion) sagt: „Liebt Tiere, denn im Unterschied zu euch sind Tiere sündenlos“. Er appelliert, sie als Gottesgeschöpfe zu lieben, als einmalige Wesen, die eine frappierende Treue zu Menschen und das Vermögen, Mitgefühl für die Schmerzen ihrer Herrchen zu demonstrieren, besitzen.
Tiere spielen eine riesige Rolle sowohl in meinem Leben insgesamt als auch in den Tagen meines einsamen Greisenalters. Und ja, vorerst halten wir uns mit Tschernuschka standhaft.