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Über sozialen Pessimismus und ein zurückgeschraubtes Verständnis von Reichtum


Laut den Daten einer aktuellen Umfrage des staatlichen Allrussischen Zentrums für Meinungsforschung (VTsIOM) seien 393.000 Rubel (umgerechnet etwa 4420 Euro) pro Person im Monat ein Parameter von Reichtum für die Bürger Russlands. Dies ist der sogenannte beschnittene Mittelwert. Die Soziologen nehmen den arithmetischen Mittelwert von allen genannten Summen, wobei sie fünf Prozent der höchsten und der geringsten Werte entfernen. Es versteht sich: Die Vorstellungen über Reichtum unterscheiden sich in Abhängigkeit von der Größe der Ortschaft. Dorfbewohner sprechen über 294.000 Rubel, Einwohner von Moskau und Sankt Petersburg – über 547.000 Rubel.

Das VTsIOM vergleicht diese Zahlen mit den Werten des Jahres 2005, als genau solch eine Umfrage vorgenommen wurde. Damals musste man, um sich als reich anzusehen, im Monat rund 95.000 Rubel verdienen. Aber 2005 belief sich, wie das VTsIOM erinnert, der nominelle durchschnittliche Monatslohn auf 8500 Rubel. Heutzutage sind dies aber 103.000 Rubel. „Hinsichtlich des Durchschnittslohns ist diese Planke (für den Reichtum — „NG“) gesunken“, schlussfolgert die Expertin des Analytischen Zentrums des VTsIOM Tatjana Smak. „Folglich ist Reichtum zugänglicher geworden. Während man im Jahr 2005, um als ein reicher angesehen zu werden, etwa elf Durchschnittslöhne erhalten musste, sind es heute bereits vier. Und dies ist ein eher zu erreichendes Ziel“.

Das klingt optimistisch und schön. Im Jahr 2005 hatten auf die Frage „Wollen Sie ein reicher Mensch sein?“ drei Prozent geantwortet, dass sie dies schon erreicht hätten. Und 18 Prozent, dass sie es noch nicht erreicht hätten, dies aber für eine zu bewältigende Aufgabe halten würden. 39 Prozent hatten dies gern gewollt, glaubten aber nicht an einen Erfolg. Weitere 36 Prozent hatte damals gesagt, dass dies nicht zu ihren Lebensplänen gehören würde. So war es aber vor 20 Jahren gewesen. Mit der Zunahme der Durchschnittslöhne und -gehälter musste sich vieles verändert haben, wenn man den VTsIOM-Analytikern Glauben schenkt. Und da halten sich im Jahr 2026 vier Prozent der Befragten für reiche, 21 Prozent glauben an die Möglichkeit von so etwas. 30 Prozent glauben nicht daran. Und 40 Prozent hatten ganz und gar nicht vorgehabt, reich zu werden.

Ja, diejenigen, die „gern möchte, aber nicht an einen Erfolg glauben“, sind in der Tat um neun Prozent weniger geworden. Diese Prozentzahlen haben sich aber auf alle Kategorien verteilt. Und die größte Zunahme erlebte die Kategorie „ich hatte auch gar nicht geplant, reich zu werden“. Übrigens, im Jahr 2013 hatte das VTsIOM Befragten auch diese Frage gestellt. Und die Werte unter den Gruppen der „Pessimisten“ waren genau solche gewesen. In der Summe sind dies 70 Prozent der Befragten, die nicht daran glauben, dass sie einen Reichtum erlangen können.

Die Haltung der Bürger Russlands zu Reichtum ist ein Thema für eine gesonderte, eine soziologische oder soziologisch-psychologische Untersuchung. Eine oberflächliche Befragung ist hier verständlicherweise unzureichend. Interessant ist beispielsweise, ob sich die eigentliche Wahrnehmung von reichen Menschen im Vergleich zu den 90ern oder dem ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts verändert hat. Damals war die Vorstellung populär gewesen, dass man in Russland nicht ehrlich zu einem reichen Menschen werden könne. Man müsse dafür unbedingt die „einfachen Leute“, die sich nicht in die Reformen und Marktwirtschaft integriert haben, betrügen, sich Zugang zum Rohstoff-Trog verschaffen oder schlicht und einfach stehlen. Es vergeht die Zeit. Aber für viele ist wahrscheinlich diese Vorstellung von Reichtum (noch) aktuell. Und auf die Frage von Soziologen antworten sie im Geiste des schottischen Lyrikers Robert Burns (25. Januar 1759 – 21. Juli 1796), indem sie sich nicht „ihrer ehrlichen Armut“ schämen.

Jedoch ist das Bild wahrscheinlich diffiziler. Denn die VTsIOM-Analytiker haben im Großen und Ganzen Recht: Die eigentliche Messlatte für Reichtum liegt in der Einschätzung ihrer Befragten nicht sehr hoch – bei 400.000 oder gar bei 500.000 Rubel, wenn auch für eine Person und wenn auch im Monat. Dies ist keine riesige Summe. Dies sind keine Millionen, keine Yacht, keine Immobilien im Ausland. Dies ist ein guter Verdienst, der erlaubt, sich auf der Welle der Preise zu halten, etwas für die Zukunft auf die hohe Kante zu legen und einen Kredit abzuzahlen. Richtiger wäre es, solch eine Summe als ein Auskommen, als eine Garantie für eine minimale finanzielle Unabhängigkeit und Voraussagbarkeit zu bezeichnen. Richtiger wäre es, unter Reichtum die Fähigkeit zu begreifen, nicht einfach seine Bedürfnisse abzusichern, sondern auch zu investieren, Arbeitsplätze zu schaffen, sein Business zu führen oder sich mit einer karitativen Tätigkeit zu befassen.

Aus der VTsIOM-Umfrage ergibt sich, dass 70 Prozent der Befragten überhaupt nicht an ein Märchen, sondern nicht an die Möglichkeit, finanziell unabhängig zu werden, glauben. Dies ist ein besorgniserregender Parameter für sozialen Pessimismus.