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Überlebenslehren des Dorfs und der Dorfschule


Die Anzahl der Waisenkinder in Russland hat sich innerhalb eines Jahres um 6,6 Prozent verringert und belief sich Anfang dieses Jahres auf 406.000, teilte die Vizeregierungschefin der Russischen Föderation Tatjana Golikowa auf einer Tagung des Rates zu Fragen der Pflegschaft im Sozialbereich bei der russischen Regierung mit. Dabei sei laut ihren Angaben die Zahl der Zöglinge von Kinderheimen um sechs Prozent bis auf 37.000 zurückgegangen. Und zu einer entgeltlichen Fürsorge seien fast 12.000 Kinder in Pflegefamilien übergeben worden. Einen der Trends hinsichtlich der Zunahme der Anzahl von Pflegefamilien in Russland haben Soziologen in den ländlichen Gebieten ausgemacht.

Die kleinen Dörfer mit einer Bevölkerung von bis zu 500 Menschen verschwinden aber in Russland. Zuerst verringert sich schrittweise die Einwohnerzahl der Ortschaft, und dann wird die Schule als unterbelegte – wenn die Anzahl der Schüler in ihr geringer als 40 ist – geschlossen. In den letzten Jahren sind im Rahmen der Optimierung der Schulausbildung im Land 30.000 Mittelschuleinrichtungen auf dem Lande verschwunden. Unter Berücksichtigung dessen, dass etwa 60 Prozent der Dorfschulen unterbelegte sind, befinden sich viele von ihnen in einer gefährlichen Lage.

Mit der Schließung der Schule ist aber ein Dorf zum Untergang verurteilt. Seine Bevölkerung verringert sich innerhalb einer Saison um die Hälfte, wenn nicht gar auf ein Drittel. Die Menschen ziehen in die Kreis- und Gebietszentren, wobei dies nicht nur Familien mit Kindern sind.

Schließlich ist die Schule in einem kleinen Dorf sozusagen die „dorfbildende“ Einrichtung. Mit dem Bestehen einer Schule ist auch die Existenz eines örtlichen Klubs verbunden. Wird eine Schule geschlossen, wird auch der Klub dichtgemacht. In Russland arbeiten aber über ein Drittel der Frauen im berufsfähigen Alter auf dem Lande im Bereich des Bildungs- und des Gesundheitswesens. Dabei ist die Tätigkeit im aus dem Haushalt finanzierten Sektor nicht nur für die Frauen am attraktivsten, sondern auch für viele männliche Lehrkräfte, da sie eine stabile Beschäftigung und einen stabilen Verdienst sichert. Oft arbeiten in den Dorfschulen der Mann und die Ehefrau, die nach dem Studium gekommen waren, zusammen.

Der Kampf um die Bewahrung der Schule kommt heute dem Ringen um die Bewahrung des Dorfs und von Arbeitsplätzen gleich. Solch einem Kampf ist überraschend das Institut der Pflegefamilien zu Hilfe gekommen. Dorfbewohner nehmen Kinder aus Kinderheimen zur Erziehung zu sich, womit sie die leeren Klassen mit Schülern auffüllen. Mitunter bittet die Schulleitung direkt auch so: „Wir brauchen einen Schüler für die vierte Klasse und einen für die siebte“. Oder man diskutiert die Fragen einer Adoption auf einer Art Dorfversammlung. Im Ergebnis dessen hat es sich hier und da so ergeben: In der Schule werden 35 Jungen und Mädchen unterrichtet, von denen 30 für die Einheimischen Pflege- und fünf leibliche Kinder sind. Obgleich die Pflegekinder häufiger ein Drittel von der Gesamtzahl der Schüler ausmachen.

In den Jahren 2018-2021 haben wir diese Erscheinung im Rahmen des Projekts „Ökonomie des Adoptierens als eine Überlebensstrategie kleiner Dörfer“ in der Republik Burjatien sowie in den Verwaltungsgebieten Brjansk, Wladimir, Saratow und Smolensk untersucht. Das Institut der Pflegeeltern hatte sich für alle Beteiligten als ein vorteilhaftes erwiesen. Der Staat zahlt für den Aufenthalt eines Kindes in einem Kinderheim bis zu 600.000 Rubel (etwa 6660 Euro) im Jahr. Dabei sind wir auf keine Erzählungen über glückliche Kinder aus Kinderheimen gestoßen. Für die Kinder aus Pflegefamilien, besonders wenn die Pflegeeltern sich gegenüber den aufgenommenen Kindern wie zu den eigenen verhalten (dies geschieht in den meisten untersuchten Fällen), gestaltet sich ihr Schicksal wohlbehalten.

Der materielle Faktor der Beihilfen des Staates für die Pflegeeltern erweist sich meistens, wie Befragungen zeigten, nicht an der ersten Stelle. Die Gesamtsumme der Unterstützung für eine Familie, die ein Kind aufgenommen hat, macht in Abhängigkeit von der Region rund 15.000 bis 17.000 Rubel im Monat aus (etwa 166 bis 188 Euro). Bei einem Gehalt der Dorflehrer von 30.000 bis 40.000 Rubel erscheint solch eine Zahlung als eine erhebliche. Doch die Ausgaben für ein Kind – es muss verpflegt und eingekleidet werden, es müssen notwendige Sachen gekauft werden lassen keine besonderen Möglichkeiten, um an diesen Zuschüssen zu verdienen. Obgleich es einzelne Pflegeeltern gibt, die das aufgenommene Kind ausschließlich als eine Einnahmequelle betrachten. Dies ist aber eher eine Ausnahme. Und solche Geschichten enden fast immer traurig. Ihr „Geschäft“ platzt, und die Kinder kommen in das Kinderheim zurück.

Dank dem föderalen zweckgebundenen Programm „Familie und Kinder“ ist der prozentuale Anteil der Kinder, die in Pflegefamilien gegeben worden sind, von 2005 bis 2015 von zwei bis auf 24 Prozent von der Zahl der Kinder, die ohne eine Betreuung von Eltern geblieben waren, angestiegen. Dies hatte nicht nur erlaubt, dutzende Kinderheime zu schließen, sondern auch die Belastung für die Haushalte der Regionen wesentlich verringert. Die Unterhaltungskosten für ein Kind in einer Pflegefamilien machen nur 20 bis 25 Prozent dessen aus, was in einer Kindereinrichtung ausgegeben wird.

Bezeichnend ist, dass zum Haupthindernis für die Schaffung einer Pflegefamilie die „Wohnungsfrage“ geworden ist. Die Vormundschaftsbehörden erlauben, nur in dem Fall ein Kind in eine Familie zu nehmen, wenn mindestens 18 Quadratmeter Wohnraumfläche auf eine Person entfallen. Daher wird ein Großteil der Pflegefamilien durch Einwohner auf dem Lande mit ihren Privathäusern mit einer Fläche von 50 bis 100 Quadratmetern gebildet. Eben diese „Wohnungsfrage“ hindert die Stadtfamilien daran, eigene Kinder zu bekommen. Was wird jedoch nach mehreren Jahren, wenn die Kinder groß werden?

Die gegenwärtige Situation, in der es für die jungen Menschen zu einem Standardlebensmodell geworden ist, nach Abschluss der Schule in die Städte zu gehen, lässt den Dörfern in der Perspektive keine Zukunftschancen. Und vorerst schiebt die Bewahrung der Schulen lediglich den Zeitpunkt für das Abschiednehmen Russlands von den kleinen Dörfern auf.