In Usbekistan ist es zu einer Energiekrise gekommen, die man nicht mit einem einfachen Mangel an Strom erklären kann. Im Verlauf von zehn Jahren hatte das Land für die Branche 23 Milliarden Dollar ausländischer Investitionen gewonnen und neue Kapazitäten mit einer Gesamtleistung von 9,5 Gigawatt in Betrieb genommen. Weitere 30 Billionen Som (2,5 Milliarden Dollar) wurden für eine Erneuerung der Strom- und Gasnetze eingesetzt. Jedoch ist es allein im Juni und Juli dieses Jahres zu rund 4000 Havarien in den Stromnetzen der Republik gekommen. In einzelnen Gebieten sind die Einwohner und Unternehmen von acht bis zehn Stunden am Tag bis zu insgesamt vier Tagen ohne Strom geblieben.
„Es muss offen gesagt werden: Das Problem in der Energiewirtschaft besteht nicht im Geld, denn wir finden so viele Mittel, wie nötig sind. Das Problem besteht in der Steuerung des Systems“, erklärte Präsident Shavkat Mirziyoyev bei einer Beratung am 27. Juli. Das Staatsoberhaupt betonte, dass in den letzten zehn Jahren großangelegte Reformen in der Energiewirtschaft durchgeführt wurden. Verabschiedet wurden Gesetze und Beschlüsse, die Branche öffnete man für den privaten Sektor und ausländische Investoren.
Die Tagung endete mit Personalentscheidungen. Energieminister Shurabek Mirzamachmudow verlor seinen Posten. Ihn ersetzte Scherzod Chodschayev, der früher die Agentur für die Entwicklung und Regulierung des Energiemarktes geleitet hatte. Entlassen wurde gleichfalls der Chef des Unternehmens „Regionale Stromnetze“. Für die Leiter der Unternehmen „Nationale Energienetze Usbekistans“, „Wärmekraftwerke“, „Uztransgaz“ und „Chududgaztaminota“ wurde eine Probezeit bis zum Jahresende festgelegt.
Formal reichen die Stromerzeugungskapazitäten dem Land schon aus. Ihre Gesamtleistung erreichte 25,8 Gigawatt, von denen rund acht Gigawatt auf Sonnen-, Wind- und Wasserkraftwerke entfallen. Im laufenden Jahr wollen die Offiziellen, die Stromerzeugung bis auf 90 Milliarden kWh bringen. Doch die schöne Gesamtstatistik spiegelt schlecht die Lage in den Orten wider. Es wird Strom erzeugt, jedoch gelingt es nicht immer, diese ohne Havarien und Verluste bis zu den Verbrauchern zu bringen.
Die Verluste in den Stromnetzen haben bereits 17,2 Prozent erreicht. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres wurden 4,8 Milliarden kWh verloren, eine Menge, die mit der Jahreserzeugung eines großen Kraftwerks vergleichbar ist. Hunderttausende Strom- und Gaszähler übermitteln keine Daten an das einheitliche System. Im Endergebnis begreifen die Energieunternehmen nicht immer, wo die Ressourcen wirklich verbraucht, wo verloren und wo gestohlen worden sind.
Die Krise hat auch objektive Ursachen. Wie der Leiter des Sektors Zentralasien am Je.-M.-Primakow-Institut für Weltwirtschaft und internationale Beziehungen Stanislaw Prittschin der „NG“ erläuterte, sei die Bevölkerung Usbekistans seit den Zeiten der Erlangung der Unabhängigkeit von 20 Millionen bis auf etwa 38 Millionen Menschen gewachsen. Zur gleichen Zeit ist das Wirtschaftsmodell umgebaut worden und hat der Verbrauch der Haushalte und Unternehmen erheblich zugenommen.
„Die Energiewirtschaft Usbekistans ist um das Erdgas geschaffen worden. Gas hatte immer ausgereicht. In den letzten Jahren sehen wir eine mehrfache Verringerung der Förderung der Hauptressource, die bei der Erzeugung von Elektroenergie verwendet wurde“, betonte der Experte.
Im ersten Quartal dieses Jahres ist die Gasförderung von 11,3 Milliarden bis auf 9,6 Milliarden Kubikmeter gesunken, das heißt um etwa 15 Prozent im Vergleich zum analogen Zeitraum des vergangenen Jahres. (Am 29. Juli vorgelegten Zahlen der Statistikverwaltung des Landes weisen eine Förderung von 18,3 Milliarden Kubikmeter Gas im ersten Halbjahr aus, womit die Förderung um 16,4 Prozent im Vergleich zum analogen Zeitraum des Vorjahres eingebrochen ist. — Anmerkung der Redaktion) Die alten Lagerstätten sind erschöpft, neue verlangen aber große Investitionen und komplizierte Technologien. Derweil brauchen aber Erdgas die Bevölkerung, die Industrie und die Wärmekraftwerke.
Prittschin ist der Auffassung, dass man die heutigen Investitionen nicht nur mit der aktuellen Nachfrage in ein Verhältnis stellen müsse, sondern auch mit den ausgebliebenen Investitionen in den ersten Jahrzehnten der Unabhängigkeit. „Die 35jährige Stabilitätsreserve des sowjetischen Systems hat sich faktisch erschöpft. Es besteht ein gewaltiger Bedarf nach einem Neustart der Energiewirtschaft, sozusagen nach einem „GOELRO-2“-Plan in einer usbekischen Variante. Und dies sind Investitionen einer etwas anderen Größenordnung als die vom Präsidenten umrissenen“, unterstrich er.
Schnell nimmt auch die Belastung an sich zu. In einigen Städten und Regionen hat der Verbrauch innerhalb von fünf Jahren um mehr als das 2fache zugenommen. Doch die Netze und Transformatoren hatte man nicht darauf vorbereitet. Am 20. Juli erreichte der Tagesbedarf einen Rekordwert von 301,9 Millionen kWh, was um beinahe elf Prozent über dem Maximum des vergangenen Sommers liegt. Während der Hitzewelle erreichten die Temperaturen 44 bis 46 Grad Celsius. Und die massenhafte Nutzung von Klimaanlagen verwandelte die Sommerspitzenzeit in genau so ein ernsthaftes Problem wie dies früher im Winter der Fall gewesen war.
Nach Schätzungen der Weltbank ist mehr als die Hälfte der Verbreitungsinfrastruktur Usbekistans mehr als 30 Jahre im Einsatz. Für deren Modernisierung bis zum Jahr 2030 werden rund drei Milliarden Dollar gebraucht. Dabei erfolgen die Errichtung von Kraftwerken und die Entwicklung der Versorgungsnetze mit einer unterschiedlichen Geschwindigkeit. Ohne neue Hochspannungsfernleitungen kann die Erzeugung schneller zunehmen als die Möglichkeit, den erzeugten Strom den Verbrauchern zu liefern.
Ein anderes Risiko hängt mit der Qualität der Planung zusammen. Bei der eingangs erwähnten Beratung wurde das Projekt für das Dampf-Gas-Kraftwerk mit einer Leistung von 1,5 Gigawatt im Verwaltungsgebiet Surchandarja kritisiert. Es stellte sich heraus, dass die Versorgung des Objekts mit Gas zusätzlich rund 300 Millionen Dollar erfordert. Doch die Bedingungen des Abkommens mit dem Investor waren unzureichend untersucht worden.
Die derzeitige Krise kann gleichzeitig große Möglichkeiten auftun. Die erste von ihnen ist eine Modernisierung der Versorgungsnetze – eine Austausch von Transformatoren, die Errichtung von Umspannwerken, eine digitale Erfassung des Verbrauchs und das automatische Feststellen von Verlusten. Solche Vorhaben sind weniger auffällige als die Inbetriebnahme von Kraftwerken, erhöhen aber schneller die Zuverlässigkeit der Versorgung.
Die zweite Richtung sind die Solar- und Windenergieerzeugung zusammen mit Speicherkapazitäten. In diesem Jahr ist geplant, Solaranlagen mit einer Leistung von 2,8 Gigawatt und Windkraftanlagen mit einer Leistung von 470 Megawatt in Betrieb zu nehmen, aber auch Speichersysteme mit einer Leistung von 884 Megawatt. Dies wird erlauben, mangelndes Erdgas einzusparen. Ohne Speicherkapazitäten, manövrierfähigen Kraftwerken und neuen Übertragungsleitungen werden jedoch die erneuerbaren Energiequellen an sich keine Stabilität sichern.
Usbekistan muss gleichzeitig die Möglichkeiten für einen Gasimport erweitern. Russland wird bereits zu einem der entscheidenden Lieferanten. Moskau und Taschkent müssen eine komplexe Modernisierung des Gastransportsystems inklusive der Infrastruktur auf dem Territorium Kasachstans erörtern. (Eventuell ist dies auch eines der Gesprächsthemen beim Astana-Besuch des usbekischen Staatsoberhauptes am Mittwoch, dem 29. Juli. — Anmerkung der Redaktion) Noch eine langfristige Variante ist die Entwicklung eines Nuklear-Programms. Im Verwaltungsgebiet Jizzax hat die Errichtung des ersten Reaktorblocks eines AKW begonnen. Stanislaw Prittschin nimmt an, dass vor dem Hintergrund des Rückgangs der Gasförderung, des Wachstums der Bevölkerung und der Wirtschaft in der Perspektive auch ein zweites Kernkraftwerk notwendig werden könne. Doch die Kernenergiewirtschaft beseitigt nicht die heutigen Havarien: Sie verlangt größere Mittel.
Präsident Mirziyoyev forderte, dass die Arbeit der Energetiker „im Leben und Alltag der Menschen zu spüren ist, aber auch die Probleme der Unternehmer verringert“. Usbekistan hat bereits gelernt, Milliarden Dollar zu gewinnen und schnell Kraftwerke zu errichten. Jetzt steht ihm eine schwierigere Aufgabe bevor – die einzelnen großen Vorhaben in ein einheitliches und zuverlässiges Energiesystem zu verwandeln.
P. S.
Nicht nur die Gasförderung geht in Usbekistan zurück. Gleiches gilt für die Förderung von Gaskondensat, dessen Förderung im ersten Halbjahr dieses Jahres um 19,7 Prozent im Vergleich zum analogen Zeitraum des vergangenen Jahres bis auf 462.100 Tonnen gesunken ist. Und das Statistikamt der Republik meldete in dieser Woche noch andere negative Zahlen: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden in Usbekistan 313.800 Tonnen Erdöl (minus 3 Prozent) und 2,5 Millionen Tonnen Kohle (minus 16,7 Prozent) gefördert.