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Warum die armenischen „Iskander“ nutzlos sind


Die erste Woche der Gefechte hat der aserbaidschanischen Armee ernsthafte Erfolge gebracht. Ihre Truppenteile und Einheiten vermochten an einzelnen Frontabschnitten die Verteidigung durchbrechen und auf das Territorium der Republik Bergkarabach vordringen.

Unter die Kontrolle von Baku gelangte die wichtige Siedlung Talysch im Nordosten der Republik. Videoaufnahmen von dessen Straßen wurden durch das aserbaidschanische Verteidigungsministerium veröffentlicht. Aserbaidschan berichtete gleichfalls über die Einnahme weiterer zwei bei Talysch gelegener Ortschaften – von Madagiz und Djebrail. Bisher aber sind keine Foto- und Videobeweise dieses Erfolgs vorgelegt worden. 

Aserbaidschan und Armenien unternehmen alle Anstrengungen zur Wahrung einer Geheimhaltung. So hat die aserbaidschanische Regierung sogar den Internetzugang teilweise eingeschränkt, unter anderem auch hinsichtlich der sozialen Netzwerke und Messenger-Dienste. 

Offiziell hat man in Bergkarabach und Armenien den Internetzugang nicht eingeschränkt. Gleichzeitig aber gelten für die sich an der Frontlinie Befindlichen recht strenge Verbote für die Nutzung von Messenger-Diensten und das Posten von Informationen in den sozialen Netzwerken. 

Daher ist gegenwärtig der Zugang zu Informationen über das Geschehen in der Konfliktzone ernsthaft eingeschränkt. Angaben kann man nur aus offiziellen Quellen erhalten – aus Statements von Beamten, Pressemitteilungen der Verteidigungsministerien der verfeindeten Seiten, aber auch aus veröffentlichten Videobeiträgen. 

Armenien und Aserbaidschan führen aktiv eine informationsseitige Auseinandersetzung. Die Seiten verbreiten eine riesige Anzahl offenkundiger Fakes sowie falscher und verzerrter Informationen. Es genügt, sich die Erklärungen der Seiten über die Gefechtsverluste anzuschauen. 

Am 3. Oktober erklärte der Vertreter von Armeniens Verteidigungsministerium Arzun Owannisian bei einem Briefing, dass die „aserbaidschanische Seite zehn Drohnen, drei Flugzeuge, drei Smertsch- (Tornado-) Raketenwerfer und einen Hubschrauber verloren hat. Die Verluste Aserbaidschans an Menschen belief sich im Verlauf eines Tages auf 440 bis 450 Mann. Und seit Beginn der Kampfhandlungen sind 113 Drohnen und 250 gepanzerter Fahrzeuge des Gegners vernichtet worden“. 

Über nicht weniger beeindruckende Erfolge berichtete auch Baku. So hatte man bereits am 30. September im Verteidigungsministerium Aserbaidschans mitgeteilt, dass die armenische Seite bis zu 2300 Tote und Verwundete hingenommen hätte. Vernichtet seien rund 130 armenische Panzer und andere gepanzerte Technik, über 200 Artilleriewaffen, rund 25 Luftabwehrsysteme, sechs Kommandosteuerpunkte und fünf Munitionslager. 

Einerseits gibt es einen Informationshunger. Andererseits aber haben die ununterbrochenen Informationsoperationen der Seiten dazu geführt, dass der Konflikt bereits von einem eigenartigen Satz aus Mythen und Klischees umrankt wird. 

An der Feuerlinie 

Eine der wichtigsten Fragen ist: Wie hat der Konflikt begonnen und wie sehen seine Perspektiven aus? 

In der ersten Etappe der Gefechte hat Baku eine recht interessante Lösung angewandt. Der Plan für das Durchbrechen der Verteidigungspositionen der Kräfte der Republik Bergkarabach erinnerte an die Brussilow-Offensive (nach dem verantwortlichen General Alexej Brussilow benannte Offensive im Sommer 1916, die einen der größten militärischen Erfolge Russlands im 1. Weltkrieg darstellte – Anmerkung der Redaktion). Das Prinzip solch eines Durchbruchs ist simpel. Entlang der Verteidigungslinie des Gegners werden gleichzeitig mehrere starke Schläge geführt. Für deren Abwehr ist die andere Seite gezwungen, all ihre Reserven einzusetzen. Daher sind einige Frontabschnitte in einem kritischen Moment ohne eine Unterstützung, und man kann sie leicht durchbrechen. 

Freilich, das Schema der Brussilow-Offensive funktioniert nur in dem Falle, wenn die Angreifenden eine ernsthafte zahlenmäßige Überlegenheit schaffen konnten, aber auch die Gewissheit besteht, dass der Gegner nicht in der Lage ist, operativ zusätzliche Kräfte von anderen Frontabschnitten zu verlegen.  

Warum hat Baku solch ein kompliziertes Schema für die Offensive gewählt? Erstens, Aserbaidschan besitzt eine zahlenmäßige Überlegenheit an Menschen und Technik. So hatte Präsident Ilham Alijew in seiner Ansprache erklärt, dass die Truppenstärke der Streitkräfte Aserbaidschans 100.000 Menschen ausmache. Zweitens, die Länge der Frontlinie ist eine recht kurze, und man muss die Kräfte nicht ernsthaft auseinanderziehen. Drittens wirkt sich das schwierige Gebirgsrelief von Bergkarabach in gleicher Weise schlecht sowohl auf die Angreifenden als auch auf die sich verteidigenden Kräfte aus. Die Transport-Infrastruktur der Republik erlaubt es nicht, operativ große Mengen an Waffen und Militärtechnik über die Gebirgstrassen zu verlegen. In dem Fall, dass es gelingt, einen operativen Überraschungseffekt zu erreichen, ergeben sich für die Streitkräfte der Republik Bergkarabach Schwierigkeiten mit einer rechtzeitigen Verstärkung der eigenen Kräfte. 

Bei der Offensive haben die aserbaidschanischen Militärs auch aktiv die Erfahrungen aus den vorangegangenen Gefechten des Frühjahrs des Jahres 2016 genutzt. Insbesondere den Einsatz von Sonderkräften, die nachts unter Verwendung von Nachtsichtgeräten agieren, die nächtlichen Hubschraubereinsätze zum Absetzen von Kräften, aber auch Schläge gegen nachrückende Reserven und die Isolierung des Gefechtsfeldes mit Hilfe von Drohnen, Artillerieschlägen, aber auch der lenkbaren Raketenkomplexe großer Reichweite Spike-ER und Spike-NLOS. 

Die Idee der aserbaidschanischen Militärs ist aufgegangen. Sie haben die Front im Norden, Nordosten und Süden der Republik Bergkarabach durchbrochen. 

Die Verteidigung von Karabach

In all den 30 Jahren seiner Unabhängigkeit hat Bergkarabach komplizierte Verteidigungspositionen angelegt. Die Verteidigung wurde tief gestaffelt. Angelegt wurden Reserven und bequeme Ausgangspositionen für Gegenangriffe. Eine überaus wichtige Rolle bei der militärischen Planung von Bergkarabach spielt die Artillerie. Die Aufgabe der Artilleristen ist, dem Gegner einen inakzeptablen Schaden zuzufügen, bevor seine Kräfte die Verteidigung durchbrechen können. Alle Artillerieposition sind gut befestigt. Angelegt wurden Schein- aber auch Reserveobjekte. 

Großes Augenmerk wird den mobilen Artilleriegruppen gewidmet. Jede solche Einheit bilden mehrere Artilleriedivisionen. Bewaffnet sind sie vorrangig mit den 122-Millimeter-Haubitzen 2S1 „Nelke“ und den 152-Millimeter-Haubitzen 2S3 „Akazie“. Solche Einheiten erfüllen Aufgaben einer qualitativ spürbaren Verstärkung. Im Bedarfsfall verlegt man sie an gefährdete Abschnitte. Nachdem die mobile Technik ihre Aufgaben erfüllt hat, begibt sie sich in ein anderes Gebiet. 

Eine wichtige Rolle für die Verteidigung der Republik Bergkarabach spielen auch die Panzer. Ihre Aufgabe ist es, die die Stabilität der Positionen der Infanterie zu sichern. Die Panzer handeln aus vorab vorbereiteten Unterständen. Sie vernichten die Truppen des Gegners durch einen Beschuss von fernen Positionen aus. Und im Bedarfsfall nehmen sie an lokalen Gegenangriffen teil. Panzer sind auch den Truppenteilen und Einheiten zugeordnet, die für die Führung von Gegenschlägen bestimmt sind. 

Das Verteidigungsprinzip von Bergkarabach ist recht simpel. Die durch Panzer verstärkte Infanterie hält die gut befestigten und gestaffelten Positionen bis zum letzten. In dieser Zeit fügt die Artillerie dem Gegner schwere Verluste zu. Im Falle eines Durchbruchs werden die Artillerie-Schlagkräfte am gefährdeten Abschnitt durch mobile Artilleriegruppen verstärkt. Und die Infanterieeinheiten gehen mit Unterstützung gepanzerter Technik zum Gegenangriff über. 

Im Verlauf des Krieges von 2016 haben die Streitkräfte der Republik Bergkarabach insgesamt die Effektivität des gewählten Schemas zur Führung der Verteidigung bewiesen. Den aserbaidschanischen Militärs war es gelungen, mehrere Positionen zu erobern und ein recht großes Gebiet einzunehmen. Doch unter den Schlägen der armenischen Artillerie war der Gegner gezwungen gewesen, seine Aktionen zu stoppen. Wonach es durch mehrere Gegenangriffe der Infanterie den Kräften der Republik Bergkarabach gelungen war, die Einheiten der Streitkräfte Aserbaidschans von den eingenommenen Positionen teilweise zu verdrängen und einen Teil des eingenommenen Territoriums zu befreien.

Ein Spiel mit vielen Unbekannten

Gegenwärtig nutzen Aserbaidschans Streitkräfte die Erfahrungen, die im Verlauf der Gefechte von 2016 gewonnen wurden. Daher werden die ersten Schläge gegen die Artillerie und Panzer geführt, und die Verteidigung des Gegners wird wesentlich schwächer. 

Ungeachtet der verbreiteten Meinung über einen aktiven Einsatz von Kamikaze-Drohnen, ist dem bei weitem nicht so. Eine Analyse der offiziellen Videos des aserbaidschanischen Verteidigungsministeriums zeigt, dass Drohnen die Ziele für die weitreichenden Raketensysteme Spike-ER und Spike-NLOS ausleuchten, aber auch aktiv mit der Artillerie arbeiten. Die Videos von Gefechtseinsätzen von Selbstmörder-Drohnen kann man an den Fingern einer Hand abzählen. 

Das Prinzip eines Durchbrechens der Verteidigung der Kräfte der Republik Bergkarabach ist recht einfach. Durch Schläge der Artillerie und weitreichender Raketensysteme werden Panzer und die Artillerie außer Gefecht gesetzt. Danach schließen sich die aserbaidschanischen Angriffssysteme der Vernichtung der heranrückenden Verstärkungskräfte und Truppenteile, die sich auf einen Gegenangriff vorbereiten, an. Gleichzeitig fangen die aserbaidschanischen Haubitzen und Panzer, aber auch – das Wichtigste – die schweren Flammenwerfer-Systeme – an, gegen die blockierten Objekte zu arbeiten. Ihre Aufgabe ist es, die Feuernester niederzuhalten und die Einnahme armenischer Positionen durch die eigene Infanterie zu sichern. 

Das Hauptproblem der Streitkräfte Aserbaidschans ist die unzureichend ausgebildete und motivierte Infanterie. Dagegen demonstrieren die Kämpfer der Republik Bergkarabach einen hohen moralischen Geist sowie gute taktische Fähig- und Fertigkeiten. 

Selbst ungeachtet der Isolierung sowie des ununterbrochenen Beschusses und der Artillerieschläge halten sich die armenischen Verteidigungsabschnitte bis zum letzten. Praktisch lässt sich keiner gefangen nehmen. Daher kommt die aserbaidschanische recht schwer voran. 

Durch die aserbaidschanische werden viel Zeit, Ressourcen und Munition verwendet, um die Verteidigungspositionen zu unterdrücken. Nicht immer funktioniert auch die Taktik eines Isolierens von Verteidigungsherden bzw. -punkten.

Es muss eingestanden werden, dass das Kräfteverhältnis bisher nicht zu Gunsten der armenischen Seite spricht. Die hartnäckige Verteidigung führt zu großen Verlusten nicht nur bei den Angreifern, sondern auch in größerem Maße bei den Verteidigern. Besonders kritisch für Bergkarabach sind die Verluste an Artilleriewaffen und gepanzerter Technik. Zur gleichen Zeit arbeiten die aserbaidschanischen Artilleristen beinahe unter Treibhausbedingungen. Schon ganz zu schweigen von den Drohnen-Einheiten und Spike-Raketenkomplexen, die überhaupt nicht unter die Feuereinwirkung des Gegners geraten. Jeder weitere Kriegstag fügt den Streitkräften der Republik Bergkarabach einen nicht wiedergutzumachenden Schaden zu. Zur gleichen Zeit ist aber nicht ganz klar, wie umfangreich die Reserven der aserbaidschanischen Seite an hochpräzisen Vernichtungsmitteln sind. 

Man kann vermuten, dass die Strategie der armenischen Streitkräfte vorerst in einem hartnäckigen Halten der Verteidigung besteht, solange sich nicht andere Länder – Russland, Frankreich, die USA, die BRD usw. – einschalten. Möglich ist, dass die Republik Bergkarabach und Armenien damit rechnen, dass sich die Ressourcen Aserbaidschans allmählich erschöpfen und die Offensive von selbst aufhört.  

Innerhalb von vier Jahren musste die Republik Bergkarabach so viel wie möglich russische Drohnen kaufen, zum Beispiel vom Typ „Orlan-10“ („Adler-10) oder selbst „Vorpost-R“. Gleichfalls war es möglich, zum ersten Käufer der weitreichenden lenkbaren Raketensysteme „Hermes“ zu werden. Die Neuheit wurde erstmals erst in diesem Jahr vorgestellt, doch die Arbeiten für dieses werden seit langem durchgeführt. Es kursierten Informationen, dass das System „Hermes“ bereits vor drei Jahren in Syrien eine Prüfung absolviert hatte. Zu einer anderen Arbeitsrichtung sollte der Erwerb der selbstfahrenden Haubitzen 2S10, aber besser 2S19M2 werden. Gut wäre es auch, modernisierte „Tornado-G“-Raketenwerfer zu erwerben. 

Das Wichtigste aber ist, dass man von Russland ein automatisiertes System zur Lenkung der Raketentruppen und Artillerie hätte erwerben können. Es ist klar, dass die russische Seite wohl kaum die komplette Version an Bergkarabach und Armenien verkauft hätte. Doch selbst in einer reduzierten Variante wäre die Verbindung ALS-Drohnen-„Hermes“-Panzerhaubitzen „Msta“-„Tornado“ eine recht effektive Lösung gewesen. 

Dank der „Hermes“-Systeme und Drohnen hätte die Republik Bergkarabach die Möglichkeit erhalten, auf die Punkte zur Lenkung der aserbaidschanischen Drohnen einzuwirken und – das Wichtigste – Jagd auf die Spike-Startanlagen zu machen. Selbst wenn die Anzahl der außer Gefecht gesetzten Ziele nicht die größte gewesen wäre, hätte der Gegner schon nicht mehr ungestraft gegen die Artillerie und Panzer agieren können. Die mobilen Gruppen mit den Systemen 2S19М2 und „Tornado-G“ hätten schnelle Schläge gegen die aserbaidschanische Artillerie, aber auch die Panzer- und Infanterie-Einheiten führen können.

„Weiße Elefanten“ der Bewaffnung

In den vergangenen vier Jahren hat Armenien zwei sehr teure Einkäufe getätigt – operativ-taktische „Iskander“-Komplexe, aber auch Su-30SM-Jagdflugzeuge. Jetzt aber sind diese Systeme für die armenischen Streitkräfte zu „weißen Elefanten“ geworden. 

„Iskander“ ist ein mächtiger Raketenkomplex. Aserbaidschan hat keine Mittel, um sie abzufangen. Aber unter den entstandenen Bedingungen spielen einige Startanlagen keine große Rolle. Bisher ist gleichfalls unklar, was für einen Gefechtssatz die armenische Seite für die operativ-taktischen Raketenkomplexe erworben hat. Es ist nicht ausgeschlossen, dass wenig Raketen zur Verfügung stehen. 

Daher werden die „Iskander“-Raketenkomplexe nicht aktiv für Schläge gegen die angreifenden aserbaidschanischen Truppen eingesetzt. Bleibt eine Variante — Schläge gegen die kritisch wichtige Infrastruktur Aserbaidschans. Beispielsweise hatte im Juli das aserbaidschanische Verteidigungsministerium eine spezielle Erklärung veröffentlicht, in der mögliche Schläge gegen den Staudamm des Mingəçevir-Stausees erwähnt wurden. Aber schon jetzt ist klar, dass sich die Führung der Republik Bergkarabach und Armeniens nicht auf solch einen Schritt einlassen werden. Denn dies kann absolut unvorhersehbare Konsequenzen nach sich ziehen. 

Die Su-30SM befinden sich in all den Tagen des Konflikts am Boden. Allerdings setzt sie auch ihr Gegner aus den Luftstreitkräften Aserbaidschans nicht ein. Beide Seiten riskieren es nicht, ihre teuren Maschinen ins Gefecht zu schicken, da der Gegner S-300-Luftabwehrsysteme hat.

Obgleich die Su-30-Jets den gesamten aserbaidschanischen Park an Kampfflugzeugen und Kampfhubschraubern übertrumpfen, ist es nicht ausgeschlossen, dass sie letztlich bis zum Kriegsende an keinem Luftgefecht teilnehmen werden. Und die armenischen Luftstreitkräfte werden sich wahrscheinlich nicht dazu entschließen, sie für Schläge gegen aserbaidschanische Positionen starten zu lassen. Zu groß ist das Risiko, solch eine teure Maschine zu verlieren, wenn die Luftabwehr des Gegners nicht unterdrückt worden ist.