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Was einem russischen Patrioten erlaubt und nicht erlaubt ist


Die Stiftung „Öffentliche Meinung“ hatte im Vorfeld des Tages der Annahme der Unabhängigkeitserklärung Russlands Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, die dem Patriotismus und den Patrioten gewidmet war. 85 Prozent der Befragten, das heißt die überwältigende Mehrheit, bezeichneten sich erwartungsgemäß als Patrioten. Die Soziologen der Stiftung vertiefen sich jedoch in Nuancen. Und im Ergebnis dessen ergibt sich ein kompliziertes Bild.

Beispielsweise sind 46 Prozent der Auffassung, dass in den letzten Jahren die Patrioten im Land mehr geworden seien. Im August des Jahres 2020 (als die letzte Umfrage von der Stiftung „Öffentliche Meinung“ zu diesem Thema durchgeführt wurde) vertraten solch eine Meinung lediglich 22 Prozent der Befragten. Dieser Anstieg ist verständlich und erklärbar: Die Temperatur des Patriotismus haben die kremlnahen Soziologen zu Zeiten der militärischen Sonderoperation gemessen – mit einem entsprechenden Vollpumpen in den föderalen Massenmedien. Es ist schwer vorstellbar, was für einen Trend die Stiftung ausgemacht hätte, wenn es die Ukraine-Agenda nicht geben würde.

Während sich 85 Prozent der Befragten als Patrioten bezeichnen, sind aber nur sechs Prozent bereit alle Bürger als solche anzusehen, und 52 Prozent – die Mehrheit der Bürger Russlands. 22 Prozent sind der Annahme, dass lediglich die Hälfte der Bürger der Russischen Föderation Patrioten seien. Und zehn Prozent sprechen überhaupt ganz und gar davon, dass dies eine Haltung der Minderheit sei.

Bemerkenswert ist, dass im Jahr 2001, als die Stiftung „Öffentliche Meinung“ eine analoge Untersuchung durchführte, das Bild ein völlig anderes gewesen war. 30 Prozent hatten erklärt, dass sie sich nicht für Patrioten halten würden. Und 42 Prozent der Befragten waren der Annahme gewesen, dass Patriotismus in Russland eine Sache der Minderheit sei.

Was bedeutet dies? Vor allem das, dass Patriotismus im Bewusstsein vieler Bürger Russlands mit einem Komplex politischer Ideen gleichgesetzt wird. Dies ist nicht bloß Heimatliebe, keine Treue zu gewissen generellen Werten. Unter Patriotismus wird allem Anschein nach erstens eine antiwestliche Haltung verstanden, zweitens Antiliberalismus. Drittens, eine Unterstützung der Handlungen der Herrschenden, darunter auch in konfliktgeladenen in Bezug auf die USA und die EU sowie die Zustimmung zu Einschränkungen in der Innenpolitik.

In solch einem Koordinatensystem gelangt alles auf seinen Platz. Der Beginn der Nulljahre war die Zeit eines gewaltigen postsowjetischen Ressentiments, des Bedürfnisses nach einer antiliberalen Revanche. Außenpolitische Gesten, die die Distanz zwischen Russland und dem Westen unterstreichen, wurden auch in den 90er Jahren begrüßt. Es genügt sich des hohen Ratings von Jewgenij Primakow zu erinnern, der über dem Atlantik sein Flugzeug umkehren ließ (am 24. März 1999 hatte der russische Außenminister im Bereich der Insel Neufundland damit seinen Protest gegen den Beginn der NATO-Operation in Jugoslawien bekundet und den geplanten USA-Besuch platzen lassen – Anmerkung der Redaktion). An der Jahrhundertwende, selbst nach dem Machtantritt von Wladimir Putin, schien es den Trägern der patriotischen Ideologie, dass sie in der Minderheit seien und das Land nach wie vor prowestliche Reformer regieren würden. Nunmehr herrscht eine umgekehrte Situation. Die Revanche hat stattgefunden. Und die am 24. Februar begonnene Sonderoperation Russlands in der Ukraine wird allem Anschein nach als deren Fortsetzung, als eine logische Entwicklung wahrgenommen.

Das Geschehen in der Ukraine hat sich auch auf andere Werte ausgewirkt. 48 Prozent sind zum Beispiel der Meinung, dass ein Patriot die Offiziellen seines Landes kritisieren könne. 46 Prozent sind der Annahme, dass er dies nicht könne. Bemerkenswert ist, dass von 2017 bis einschließlich 2020 jene, die eine Kritik an die Adresse der Herrschenden zugelassen hatten, mehr als 60 Prozent ausgemacht hatten. Und dies, obwohl zu dieser Zeit der politische Patriotismus bereits gesiegt hatte sowie die liberale und prowestliche Opposition niedergeschlagen und ins Internet abgedrängt worden war.

Sicherlich kann man dies ebenfalls für einen Erfolg der Herrschenden halten. Ja, und im Jahr 2021 hatten sie fast bis zum Anschlag die Daumenschrauben in allem angezogen, was die außerparlamentarische, die nicht ins System passende oppositionelle Tätigkeit betraf. Dennoch konnten die Offiziellen eine Zunahme der Proteststimmungen aufgrund objektiver sozial-ökonomischer Ursachen erwarten. Dies hatte die COVID-19-Pandemie gefördert. Dies hatte auch der Staat an sich gefördert, der die Sublimation sozialer Pflichten zu einer Norm verwandelte. Die Menschen, die auf der Post-COVID-Welle Garantien von Offiziellen, Arbeit, stabile Einkommen gefordert hätten, hätte man sehr schwer als unpatriotische, als Agenten des Westens usw. angesehen.

Die Sonderoperation hat augenscheinlich auch diese Einstellung beeinflusst. Heutzutage die Offiziellen dafür zu kritisieren, dass sie irgendwelche Pflichten nicht erfüllen, ist scheinbar nicht zeitgemäß. Und folglich unpatriotisch. Einmal angenommen: Die Offiziellen möchten gern gewaltige Mittel in den Wiederaufbau des Donbass zum Schaden der Lebensqualität in der Russischen Föderation investieren. Wird da irgendwer dem nicht zustimmen? Solch ein Mensch riskiert, das Label eines „Nichtpatrioten“ zu erhalten