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Was zeigt die Welle von Gewalt in russischen Bildungseinrichtungen?


Mindestens zwei Personen erhielten am Mittwoch nach einer Schießerei neben einem Technikum (Berufsschule – Anmerkung der Redaktion) von Anapa Verletzungen, ein Mann ist ums Leben gekommen. Im Pressedienst der Staatsanwaltschaft der Verwaltungsregion Krasnodar bestätigte man den Vorfall. Und der Gouverneur der Region, Weniamin Kondratjew, informierte über den Tod eines Wachbeamten der Bildungseinrichtung, der die erste Attacke auf sich genommen hatte. „Er hat operativ reagiert und die Rechtsschutzorgane informiert. Er hatte dem Angreifer nicht erlaubt, weiter in das Technikum vorzudringen. Ich bekunde hiermit den Verwandten und Nächsten des ums Leben gekommenen Mannes tiefstes Beileid“. Der Schütze ist festgenommen worden. Laut bisherigen Angaben handelt es sich um einen Studenten der Bildungseinrichtung.

Am Vortag, am Dienstag, dem 10. Februar, wurde gemeldet: „Ein Teenager ist mit einer Luftdruckpistole, einem Messer und einer Axt in einer Schule der Stadt Sowjetskij (Autonomer Bezirk der Chanten und Mansen) festgenommen worden“. Die Staatsanwaltschaft der Region beeilte sich zu beruhigen: „Die verbrecherischen Absichten wurden nicht zu Ende geführt. Einer der Lehrer nahm dem Teenager den Rucksack weg und rief die Rechtsschutzorgane zum Ort des Geschehens“.

Per Zufall hatte es sich ergeben, dass an diesem Tag der Direktor des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB und Vorsitzende des Nationalen Antiterror-Komitees, Alexander Bortnikow, erklärte, dass die prophylaktische Arbeit mit den jungen Menschen unzureichend effektiv sei. „Die Vorsitzenden der Antiterror-Kommissionen haben kritisch die Organisation der Arbeit zu beurteilen, die im Rahmen der Umsetzung der früher erteilten Aufträge des Komitees durchgeführt wird, aber auch Handlungen vorzunehmen, die auf eine Erhöhung der Qualität der Realisierung der prophylaktischen Maßnahmen unter den jungen Menschen abzielen“, betonte Bortnikow während seines Auftritts bei einer Tagung des Komitees.

Und Anfang Februar war eine 14jährige Schülerin der Schule Nr. 4 der Stadt Kodinsk (Verwaltungsregion Krasnojarsk) mit einem Messer in die Schule gekommen und versuchte, eine Lehrerin anzugreifen, verletzte aber dann eine andere Schülerin. Am 4. Februar setzte eine Schülerin der 8. Klasse in Krasnojarsk ein Klassenzimmer in Brand und stürzte sich auf die sie umgebenden Personen mit einem Gegenstand, der einem Hammer ähnelte. Am 7. Februar überfiel ein Teenager mit einem Messer Studenten, die in einem Wohnheim der Baschkirischen staatlichen medizinischen Universität wohnen. Und dies ist nur der Beginn des Jahres 2026. Ja und auch nicht einmal eine vollständige Aufzählung. Im vergangenen Jahr hatte es zehn derartige Zwischenfälle gegeben, Wird das laufende Jahr etwa alle Antirekorde brechen? Reflektiert die Welle der Exzesse in den Schulen möglicherweise irgendwelche tiefgreifendere Prozesse in der Gesellschaft? Eine Ungeregeltheit, eine psychologische Ermüdung der Gesellschaft… Es scheint, dass wir es mit einer gewissen mentalen Epidemie zu tun haben.

Auf die Überfälle reagiert man auf allen Ebenen der Machtorgane. Man versucht zu analysieren, man stellt Überlegungen über die Ursachen an. Der Vorsitzende der Staatsduma (Russlands Unterhaus – Anmerkung der Redaktion), Wjatscheslaw Wolodin (Kremlpartei „Einiges Russland“), startete in seinem Telegram-Kanal die Umfrage: Unterstützen seine Abonnenten einen Plan, „die Bürger vor einem destruktiven Inhalt“ in den Videospielen zu schützen? Nach Aussagen des Parlamentariers hätten sich in den letzten Jahren in Russland Überfälle von Kindern auf Schulen ereignet, die durch eine Teilnahme an Videospielen provoziert worden seien. Nach seiner Meinung würden die Kinder, die sich zu einem Verbrechen entschlossen hätten, einfach nicht die Grenze zwischen der Realität und der virtuellen Welt, wo vor allem destruktive Inhalte dominieren würden, sehen. Für die Einführung von Beschränkungen stimmten über 70 Prozent der Umfrageteilnehmer.

Die Staatsduma-Abgeordnete Jana Lantratowa (von der Partei „Gerechtes Russland – Für die Wahrheit“, Vorsitzende des Unterhaus-Ausschusses für die Entwicklung der Zivilgesellschaft sowie für gesellschaftliche und religiöse Organisationen) erinnert daran, dass sie zusammen mit Kollegen einen Gesetzentwurf gegen Bulling in den Schulen ausarbeitet. Eine Hetzkampagne bzw. Verfolgung werde oft zur Ursache einer Aggression von Kindern. Das Dokument könne bereits im Rahmen der Frühjahrstagungsserie in der Staatsduma eingebracht werden. Und Russlands Bildungsminister Sergej Krawzow betonte, dass jüngst eine Anleitung für die Lehrer zur Verhinderung von Konfliktsituationen in den Schulklassen in die Schulen gesandt worden sei. „Wir haben in jede Schule, wo es zu tragischen Fällen gekommen war, unsere Kommission entsandt. Zum großen Bedauern hat man sich in allen Schulen formell gegenüber unseren Empfehlungen zur Organisation sowohl des Erziehungs- als auch des Ausbildungsprozesses und einer Prophylaxe destruktiver Erscheinungen verhalten“, unterstrich Krawzow.

Psychologen stellen der Gesellschaft eine Diagnose, wobei sie die Aggression eines Kindes den psycho-emotionalen Spannungen zuschreiben, die sich über Jahre hinweg seit der Zeit der Coronavirus -Pandemie aufgestaut haben. Die Eltern machen die „Humanisierung der Schule“ verantwortlich. Die Lehrer schelten die Familien, die die Kinder vergessen und alles auf die Schule abgewälzt hätten.

Der Verdiente Lehrer der Russischen Föderation und Direktor der Moskauer Schule Nr. 109, Jewgenij Jamburg, sprach sich über die Kinder, die sich auf ein Verbrechen einlassen, noch härter aus. Heute seien laut Angaben von Kinderärzten bei uns, wie Jamburg betonte, nur 13 Prozent der Kinder absolut gesunde. Die übrigen haben unterschiedliche Probleme. An erster Stelle steht da leider die Psychoneurologie.

Eine hauptstädtische Lehrerin erzählte unter der Bedingung, dass ihre Anonymität gewahrt wird, der „NG“ solch eine Geschichte: Sie hat in der Klasse einen Jungen. Die Schule hat einen guten Ruf. Die Familien sind hauptsächlich wohlbehaltene. Einige – sehr wohlbehaltene. Die Mutter des Jungens trennte sich vom Vater. Und beide gründeten neue Familien, Der Junge lebt mal bei der Mutter, mal beim Vater. Materiell ist er abgesichert. Doch dabei wird er von keinem gebraucht. Für dieses Nichtgebrauchtwerden zahlt er mit einer Aggression. In den Pausen kann er sich mit jedem beliebigen anderen Schüler „anlegen“. Während des Unterrichts kann er aufstehen und zwischen den Bankreihen herumlaufen, um die vor ihnen sitzenden Schüler zu schubsen. Er kann die Lehrerin beleidigen. Die Klasse reagiert auf seine Auftritte mit einem Grinsen. Die Eltern einzubestellen, ist nutzlos. Und was er morgen anrichten wird, weiß keiner.

„Die Ursache liegt darin, dass die Schule selbst viele Kinder abstößt“, kommentierte für die „NG“ der russische und finnische Pädagoge und Direktor des spezialisierten Olympiade- und Wissenschaftszentrums „Sonnen-Schule“, Pawel Schmakow. „Natürlich gibt es in der Schule Lehrer, die die Kinder lieben. Doch die meisten Lehrer achten die Kinder nicht. Wie es heute oft passiert, sagt irgendeiner der Pädagogen etwas Grobes einem Kind, und das Kind erwidert dem auf gleiche Weise. Nun ja, früher hatte es dies nicht gegeben! Die Kinder waren stiller. Und die Kinder spüren sehr stark, dass man ihnen in der Schule gleichgültig gegenüber steht. Und wenn ein Kind auch noch Probleme in der Familie hat, kann es sich nicht einmal irgendwohin bzw. an irgendwen wenden“. Nach seinen Worten mangelt es heute den Bildungseinrichtungen katastrophal an Psychologen. „Stellen Sie sich einmal diese Zahlen vor“, sagt Schmakow. „Auf 300 Schüler kommt ein Psychologe. Und dies ist für ihn lediglich eine „halbe Planstelle“. Warum? Es gibt kein Geld. Für das, was der Staat braucht, gibt es immer Geld. Für einen Durchbruch auf dem Gebiet der Mathematik gibt es Geld. Folglich ergibt sich da, dass der Staat keine Schulpsychologen braucht?“.

Ayna Meschijewa, Dozentin an der Russischen staatlichen geisteswissenschaftlichen Universität und Doktor der politischen Wissenschaften, kommentierte für die „NG“ so: „Das Teenager-Alter ist eines der schwierigsten im Leben eines Menschen. Die Hormone toben, der Körper verändert sich schneller als das Bewusstsein hinterherkommt, dies zu begreifen. Überdies ist es für die heutigen Kinder schwieriger als für die vorangegangenen Generationen, die Teenager-Krise zu überstehen. Die ältere Generation wurde erwachsen, als die Welt fühlbar gewesen und nebenan war. Sie erstreckte sich weiter als der Hof, die Schule und die Stadt. Es bestand die gemächliche Möglichkeit zu beobachten, wie die Menschen leben, wie sie mit den Schwierigkeiten fertig werden. Jetzt verändert sich die Welt rasant. Ich spreche oft mit Teenagern. Und einmal habe ich von ihnen so etwas gehört: Ihnen sagt man viel, was mit ihnen nicht so sei. Und es gebe nicht jene Menschen und jenen Ort, wo man ihnen endlich sagt, was denn mit ihnen los sei… Daher muss man alles tun, damit das Potenzial des Kindes nicht unterdrückt wird und der Kontakt mit der jungen Generation ein ununterbrochener ist“.