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Washington macht Astana zu einem Schlüsselpartner der USA in der Atom-Energiewirtschaft


Kasachstan und die USA erweitern die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der zivilen nuklearen Energiewirtschaft. Im Rahmen des FIRST-Programms des US-Außenministeriums wird das Institut für Kernphysik in Almaty einen modernen Simulator kleiner Modul-Reaktoren (KMR) erhalten. Darüber informierte die Botschaft der Vereinigten Staaten in Astana im vergangenen Monat auf ihrer Internetseite. Das neue Ausbildungszentrum werde zu einem regionalen Hub für ganz Zentralasien, indem die Ausbildung von Fachkräften entsprechend den höchsten internationalen Sicherheitsstandards gewährleisten werde. Parallel dazu aktiviert Washington die politischen Kontakte wobei die zunehmende Bedeutung von Kasachstan als ein strategischer Lieferant von Ressourcen, die für den globalen technologischen Sektor Amerikas notwendig sind, unterstrichen wird.

„Das neue Zentrum wird zu einem wichtigen Schritt bei der Ausbildung von Personal für eine beschleunigte Einführung amerikanischer KMR mit zuverlässigen Lieferanten, die den höchsten Standards für die nukleare Sicherheit, den Schutz und eine Nichtweiterverbreitung entsprechen“, betonte man in der Botschaft.

Bei einem Simulator eines KMR handelt es sich um ein reales Trainingsgerät für Ingenieure und Anlagenfahrer von Kernkraftwerken. Aber ohne richtigen Kernbrennstoff und ohne ein radioaktives Risiko. Simpel gesagt: Dies ist ein computergestütztes Modell eines Reaktors, das vollkommen dessen Arbeit imitiert. Der Simulator erlaubt, jegliche Situationen zu modellieren – zum Beispiel eine Überhitzung, die Abschaltung von Pumpen oder das Austreten von Flüssigkeiten, Gasen etc. Die Anlagenfahrer lernen, schnell zu reagieren, ohne dabei Menschen oder Anlagen einer Gefahr auszusetzen.

Parallel dazu hat ein amerikanisches Bau- und Engineering-Unternehmen, das hunderte Kraftwerke in den USA projektierte, in Kasachstan eine technische und Wirtschaftlichkeitsuntersuchung in Angriff genommen, die erlauben wird, eine Liste der vielversprechendsten Technologien für KMR für deren Installierung in der Republik zu erstellen. Das Projekt realisiert das Internationale Wissenschafts- und Technologie-Zentrum (International Science and Technology Center – ISTC) im Rahmen des FIRST-Programms des US-Außenministeriums. Es wurde 2019 von den USA geschaffen, um Ländern zu helfen, neue Nukleartechnologien zu implementieren, wobei die strengen Standards für die Sicherheit, den Schutz und die Kontrolle der Weiterverbreitung nuklearen Materials eingehalten werden. Kasachstan ist zum ersten Partner des Programms in der Region geworden und nimmt seit dem Jahr 2022 an diesem Programm teil, womit es den Status eines Schlüsselverbündeten bei der Entwicklung einer innovativen und sicheren Energiewirtschaft bestätigte.

„Experten unterstreichen: Die Bildungsinitiativen Washingtons seien ein klassisches Instrument der sanften Gewalt, das auf die Vorbereitung eines loyalen Pools von Spezialisten und die Schaffung eines Bodens für das Vermarkten amerikanischer Technologien für KMR abzielt. Die reale Landschaft der nuklearen Energiewirtschaft Kasachstans nimmt bereits klare Konturen an. In der Siedlung Ulken am Ufer des Balchasch-Sees ist die Realisierung des Projekts für ein AKW großer Leistung begonnen worden. Die Entscheidung zugunsten eines internationalen Konsortiums unter Leitung von ROSATOM wurde durch Präsident Qassym-Schomart Tokajew nach einer sorgfältigen Analyse der Angebote von führenden internationalen Akteuren – dem chinesischen Konzern CNNC, der französischen EDF und der südkoreanischen KHNP – gefällt. Das russische Projekt mit zwei Energieblöcken mit den Druckwasserreaktoren  WWER-1200 (Wasser-Wasser-Energie-Reaktor-1200) wurde dank des optimalen Verhältnisses von Qualität und wirtschaftlicher Parameter als Favorit anerkannt.

Ungeachtet der Konkurrenz gibt Washington nicht die Versuche auf, seinen Einfluss in der Republik zu festigen. Der außenpolitische Kurs von Donald Trump in Bezug auf Zentralasien wird durch eine harte geopolitische Zweckmäßigkeit diktiert. Was für einen Platz nimmt aber Kasachstan tatsächlich in der globalen Strategie der USA ein? Nach Meinung von Experten sehe der Dialog Astana-Washington heute weitaus konsequenter und tiefer als mit anderen Ländern der Region aus, sagte gegenüber kasachischen Massenmedien die amerikanische Politologin, Analytikerin auf dem Gebiet der internationalen Beziehungen und Expertin für Sicherheitsfragen und grenzüberschreitende Herausforderungen in Zentralasien Ayushi Saini. Nach ihren Worten war historisch das amerikanische Interesse auf die Sicherheit um Afghanistan konzentriert gewesen. Und dieser Faktor bewahre nach wie vor seine Aktualität. Bemerkenswert ist jedoch eine andere Tatsache: das Fehlen von Zentralasien in der nationalen Sicherheitsstrategie der USA von 20225. Und dies verweist darauf, dass die Region formal nicht zur Liste der globalen Prioritäten des Weißen Hauses gehört. Unter diesen Bedingungen erlangen die persönlichen diplomatischen Kontakte der Staatschefs besonderes Gewicht. Sie füllen das entstandene „strategische Vakuum“ aus, indem sie das Zusammenwirken in Vielem zu einem symbolischen machen. Dies ist aber für beide Seiten nicht weniger bedeutsam.

Darauf verweisen das im Dezember erfolgte Telefonat zwischen Donald Trump und Qassym-Schomart Tokajew und die Einladung für den kasachischen Präsidenten, am Board of Peace teilzunehmen. Erinnert sei daran, dass im Zentrum des Telefonats die Ukraine-Krise stand. Präsident Tokajew hatte damals direkt die Kompliziertheit der Situation umrissen, besonders hinsichtlich der Frage von Territorialfragen, wobei er unterstrich: „Die Suche nach Kompromissen  muss die aktuellen Realitäten an der Frontlinie berücksichtigen“. Bei Bewahrung des Status einer neutralen Seite bekräftigte Kasachstan erneut die Bereitschaft, Astana als einen Platz für einen Dialog zur Verfügung zu stellen – eine Geste eines guten Willens, die die einmalige Fähigkeit der Republik bestätigt, sowohl mit dem Osten als auch mit Westen in einer Sprache zu sprechen.

Den diplomatischen Durchbruch untermauerte die Mitteilung Trumps über eine Einladung der Präsidenten Kasachstans und Usbekistans zum G-20-Summit in Miami. Mit dem usbekischen Staatsoberhaupt Shavkat Mirziyoyev hatte Trump gleichfalls telefoniert. Zuvor hatten Astana und Washington im Verlauf des Summits im Format Zentralasien – USA rund 30 bilaterale Abkommen mit einem Gesamtwert von 17 Milliarden Dollar unterzeichnet, die die Industrie, Energiewirtschaft, Digitalisierung, das Bildungswesen, Innovationen und Infrastrukturobjekte betreffen.

Usbekistan und die USA vereinbarten große Investitionen für die amerikanische Wirtschaft, die mit mehr als 100 Milliarden Dollar in den nächsten Jahren beziffert werden. Im September vergangenen Jahres unterschrieb die Fluggesellschaft Uzbekistan Airways mit dem amerikanischen Flugzeugbauer Boeing den größten Vertrag in ihrer Geschichte über den Erwerb von bis zu 22 Großraumflugzeugen vom Typ Boeing 787 Dreamliner.

Solch eine Aufmerksamkeit für Zentralasien ist für Washington ein beispielloser Fall. Obgleich man dies in Astana verdientermaßen als einen Triumph der kasachischen Diplomatie betrachtet. Experten verweisen auf das pragmatische Interesse des Weißen Hauses. Washington betrachtet die Region nicht durch das Prisma ideologischer Werte, sondern als ein kritisch wichtiges Gegengewicht im Dreieck Russland-China-Naher Osten. In diesem Koordinatensystem agieren Astana und Taschkent als entscheidende Stützen, deren Potenzial in den Bereichen Energiewirtschaft, Förderung strategischer Metalle, Erdöl und Uran, aber auch der Logistik sie zu unersetzlichen Partnern für die USA verwandelt und ideal mit der Wirtschaftsagenda von Trump korreliert.