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Weißrusslands Schüler der 10. Klassen erwarten Ausbildungsfeldlager


Weißrusslands Bildungsministerium hat mitgeteilt, dass die Schüler der 10. Klassen ab dem 25. Mai nach Abschluss des Unterrichtsjahres in Lager für eine vormilitärische Ausbildung fahren werden. Deren Dauer beträgt zehn Tage. Durchgeführt wird sie unter Bedingungen, die den Bedingungen eines Truppenteils nahekommen, und im Format eines dortigen Aufenthalts der Schüler rund um die Uhr. Oppositionelle Experten hatten auch früher schon auf eine Militarisierung der Schulausbildung hingewiesen. Jetzt gelangt sie auf ein neues Niveau.

Das Schuljahr wird dieses Mal für die weißrussischen Schüler der 10. Klassen mit einer vormilitärischen Ausbildung in entsprechenden Feldlagern enden. Ab dem 25. Mai werden sie im Verlauf von zehn Tagen eine Ausbildung „unter Bedingungen, die den Bedingungen eines Truppenteils nahekommen, und im Format eines dortigen Aufenthalts der Schüler rund um die Uhr“ absolvieren. Darüber informierte das Bildungsministerium die Schüler und deren Eltern.

Die Internetseite des Ministeriums teilt mit: „Für das Erreichen einer maximalen Wirkung der Durchführung der vormilitärischen Ausbildung zwecks einer Berufsorientierung auf den Erhalt eines Militärberufs sowie der Ausprägung einer moralisch-psychologischen Bereitschaft zum Militärdienst ist bei der Durchführung der vormilitärischen Ausbildung sowohl unter Bedingungen eines Aufenthalts in entsprechenden Feldlagern rund um die Uhr als auch auf der Grundlage einer Schule (eines Gymnasiums) ein Zusammenwirken mit Truppenteilen (Militär-Lehrstühlen, Fakultäten, militärischen Ausbildungsstätten) in Bezug auf Fragen der Bereitstellung von Personal und erforderlichen militärischen Eigentums, Ausbildungsgeräten und Schulungsmitteln vorgesehen“.

Das Ministerium weist gleichfalls darauf hin, dass die Ausbildungsfeldlager ein Bestandteil des Lehrprogramms hinsichtlich des Lehrfachs „Vormilitärische und medizinische Ausbildung“ seien. Und dementsprechend wird es nicht gelingen, sich dieser außer aufgrund einer Krankheit bzw. Erkrankung zu entziehen. Die Versetzung der Schüler in die 11. Klasse wird entsprechend den Ergebnissen aus den Ausbildungsfeldlagern vorgenommen. Mädchen werden allerdings nicht an dieser Maßnahme teilnehmen. Für sie „ist die Durchführung praktischer Unterrichtsstunden für eine medizinische Ausbildung (gleichfalls in einem Umfang von 60 Stunden) vorgesehen“.

Das Ministerium erläutert: „Sie werden in der Regel unter Verwendung der Basis von Einrichtungen des Gesundheitswesens, regionaler Abteilungen der Weißrussischen Gesellschaft des Roten Kreuzes oder regionaler Abteilungen des Ministeriums für Katastrophenschutz organisiert. Bei Nichtvorhandensein solch einer Möglichkeit können die Ausbildungsstunden unmittelbar in Einrichtungen der allgemeinen Mittelschulausbildung durchgeführt werden“.

Die aktive Einführung einer militärischen und patriotischen Komponente in das Bildungssystem erfolgt in Weißrusslands bereits nicht das erste Jahr. Oppositionsorganisationen, unter denen die Antikrisen-Volksverwaltung (AVV) des Stellvertreters von Swetlana Tichanowskaja, Pawel Latuschko, ist, haben den Bericht „Kinder ohne eine Zukunft: Die Militarisierung der Kindheit in Belarus“ vorbereitet.

Die Autoren des Berichts sind der Auffassung, dass zu einem Wendepunkt die Proteste des Jahres 2020 geworden seien. Die aktive Teilnahme junger Menschen an ihnen veranlasste, zur Strategie „die Hirne der Kinder abfangen, bevor sie erlernen, unbequeme Fragen zu stellen“ überzugehen.

Als zweite Ursache ist Folgendes genannt worden: „Nach dem Jahr 2020 ist das Ansehen eines Dienstes in der Miliz, Armee und in anderen Strukturen drastisch eingebrochen. Die Zahl der sich für ein Studium an spezialisierten Hochschulen bewerbenden Studenten ging bis auf ein Minimum zurück, was das eigentliche Fundament des Regimes – seinen repressiven Apparat – in Gefahr brachte“.

In dem Report wird ausgewiesen, dass es den Herrschenden in den letzten Jahren gelungen sei, im Rahmen einer Antwort auf diese Herausforderungen ein mehrstufiges System zu schaffen, das sie als militärische und patriotische Erziehung bezeichnen würden, die oppositionellen Forscher aber Militarisierung.

Geschaffen wurde beispielsweise ein durchgehendes System von Spielen, die auf eine Erziehung von Vaterlandsverteidigern orientiert sind, die vollkommen loyale gegenüber der Führung des Regimes sind. Für die Kinder im Alter von neun bis zehn Jahren ist dies „Kleines Wetterleuchten“, für die im Alter von elf bis vierzehn Jahren bereits „Wetterleuchten“, für die Schüler der Oberstufe (14 bis 16 Jahre) „Kleiner Adler“ und das Turnier „Herausforderung“. Studenten von Hochschulen involviert man aktiv in das militarisierte Spiel „Durchbruch“ mit der Überwindung einer Hindernisbahn und Steuerung von Drohnen.

Eingerichtet wurden gleichfalls zahlreiche spezielle militär-patriotische Klassen und Klubs. Und jetzt werden ab diesem Jahr bereits buchstäblich alle Schüler der Oberstufe eine zehntägige militär-patriotische Ausbildung absolvieren.

Auf einer der oppositionellen Internetseiten erklärt Pawel Latuschko: „Im 21. Jahrhundert hat sich Belarus in ein Land verwandelt, wo selbst die Kindheit der Politik des Überlebens des Lukaschenko-Regimes untergeordnet worden ist. Und das Erziehungssystem ist auf die Ausprägung einer unbedingten Ergebenheit gegenüber den Herrschenden seitens der Kinder ausgerichtet. Mehr als die Hälfte aller Schulveranstaltungen hängen mit Themen des Krieges, des Todes und der Opferbereitschaft zusammen. Das Regime verankert in den Kindern die Überzeugung, dass die Welt in „Helden“ und in „Feinde“ geteilt sei.

Dennoch belegen aktuelle soziologische Angaben, dass alles nicht so eindeutig ist. Die analytische Gruppe „Zentrum neuer Ideen“ stellte am Mittwoch eine soziologische Studie unter dem Titel „Wie sich die weißrussische Jugend an die Unbestimmtheit anpasst“ vor. Die Forscher betonen: „Den Befragten wurde vorgeschlagen, ihren Zustand entsprechend von vier Parametern zu bewerten: materielle Lage, Sicherheitsgefühl, emotionaler Zustand, Empfinden des Sinns und der Kontrolle des eigenen Lebens. Hinsichtlich aller Werte dominiert die Kategorie „mittleres“. Ein erheblicher Teil der Antworten sind moderat positive. Dies bedeutet, dass die Situation nicht als eine akute oder krisenhafte wahrgenommen wird“.

Das heißt: In ihrer Masse empfinden sich die jungen Menschen nicht als durch ein totalitäres Joch unterdrückte. Mehr noch, die Maßnahmen zur patriotischen Erziehung haben in ihnen keine gewisse Schwarz-Weiß-Sicht auf die Welt ausgeprägt. Eines der Ziele der Untersuchung war herauszufinden, wie die geopolitischen Orientierungen der Jugend aussehen. Die Autoren der Studie teilen mit: „Die auf Russland orientierten (48 Prozent). Für diese Gruppe ist eine Neigung zum russischen äußeren Vektor bei einer gleichzeitigen Anerkennung der Einmaligkeit des Landes charakteristisch. Die Idee von einer Verbindung der Werte Russlands und Europas spielt für sie keine zentrale Rolle. Die auf die westlichen Länder orientierten (24 Prozent). Für diese Gruppe ist eine sinnvolle hybride Orientierung charakteristisch. Sie unterstützen häufiger den Gedanken von einer Verbindung der Werte und erkennen gleichzeitig die Einmaligkeit des Landes bei einer größeren Offenheit gegenüber dem europäischen Vektor an. Die sich nicht festgelegten (28 Prozent). Diese Gruppe zeichnet sich durch das Nichtbestehen einer klaren Identifikation mit irgendeiner Richtung aus. Für sie sind eine Vorsicht und ein Distanzieren von strengen Rahmen charakteristisch. Insgesamt demonstrieren die erhaltenen Cluster, dass die geopolitischen und Werte-Orientierungen der jungen Menschen mehrere Typen von Verbindungen bilden und nicht polarisiert sind“.