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Wenn morgen ein Krieg ist oder die Apokalypse beginnt


Im Vorfeld der Großen Fastenzeit und vor dem Hintergrund der politischen Aktivität der Jugend hat sich für Vertreter des Moskauer Patriarchats das Bedürfnis ergeben, mit gestrengen Warnungen vor möglichen Unglücken des Vaterlandes aufzutreten. Man ruft die jungen Menschen zu Asketismus auf, denn Russland würden angeblich ernste Prüfungen erwarten, und man müsse auf jegliche Entbehrungen vorbereitet sein.

Große Resonanz hat das Interview des Geistlichen Konstantin Bely, Vorsteher einer der Kirchen der Pskower Diözese der Russischen orthodoxen Kirche und Leiter der „Orthodoxen Jugendbewegung Pskows“ für die Pskower Nachrichtenagentur (https://informpskov.ru/news/349050.html), ausgelöst. „Ein wahrer Christ ist wie ein Krieger. Er ist es gewohnt, in einem Mobilisierungszustand im guten Sinne zu sein“, erklärte der Kleriker. „Dies hilft sehr. Sie verstehen ausgezeichnet, dass Sie zu jedem Moment irgendetwas nicht so tun können und Sie sich sehr aufmerksam und nüchtern sowohl gegenüber sich selbst als auch gegenüber den umgebenden Dingen verhalten. Sie sind die ganze Zeit auf der Hut. Und eshalb ist es für Sie leichter“.

Über den Sinn der Großen Fastenzeit urteilend, stellte sich Bely die Frage: „Was ist der Nutzen aus der physischen Enthaltung?“. Und er begann zu argumentieren: „Einmal angenommen, es kommt zu einem Krieg, schließen die Geschäfte, beginnen Ausfälle bei der Lebensmittelversorgung. Danach setzt eine Hungersnot ein. Ein Christ aber hat sich bereits daran gewöhnt zu fasten. Für ihn ist die Fastenzeit etwas Organisches, Natürliches, d. h. eine gemäßigte, eine selbstbeherrschte Haltung zur Nahrung. Und wenn Sie diese Erfahrungen besitzen, wird es für Sie weitaus leichter sein, diese Härten und Widrigkeiten zu überstehen“. Der 29-jährige Geistliche verglich die möglichen Kataklysmen, die die junge Generation der Bürger Russlands zu überstehen habe, mit der Hungersnot in Leningrad zur Blockadezeit (Belagerung Leningrads durch deutsche und spanische Truppen während des Zweiten Weltkriegs, die vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 dauerte – Anmerkung der Redaktion). Entsprechend der Version des Missionars „war unter den wahrhaft gläubigen Menschen, die stets die kirchliche Fastenzeit eingehalten hatten, die Sterberate weitaus geringer, denn vom Prinzip her war die Ration der Großen Fastenzeit für sie unerheblich größer als die Blockaderation“.

Bely erzählte von seinen Kirchenerfahrungen, wenn er an bestimmten Tagen auf Nahrung verzichtet, nur Wasser trinkt, abends aber zur Bewahrung der Kräfte einen Löffel Honig isst. Jedoch unterzieht sich der Kleriker auf eigenem Willen hin physischen Prüfungen, ja und dies auch an bestimmten Tagen. Die Einwohner von Leningrad zu Zeiten der Blockade hatten, daran sei Bely erinnert, keine solche Auswahl. Sie hatten gehungert, weil der Feind ihre Stadt belagert hatte und nicht für geistliche Übungen. Außerdem haben die heutigen jungen Asketen in den Priesterröcken, bevor sie ihren Leib zu zermürben und zu peinigen begannen, in der Käse- bzw. Butterwoche sicher Eierkuchen mit Sauerrahm (Schmand, auch Schmant oder Schmetten – Anmerkung der Redaktion) und nicht Brot mit Sägespänen verspeist.

Der Auftritt von Konstantin Bely ist nicht der erste der jüngsten Vergangenheit, in der ein Geistlicher der Russischen orthodoxen Kirche in eine asketische Rage gerät, wobei der Umgebung Ratschläge erteilt werden. Am 3. März stellte der Metropolit von Krasnojarsk und Atschinsk Panteleimon (Kutowoj) Überlegungen über die Überlegenheit seiner Generation über der Jugend an. „Wir sind andere“, sagte der Bischof. „Besser ist der Tod als ein amerikanischer Stiefel und Angst. Ein halber Hunger oder gar Hunger, aber das es richtig ist“. Nach Meinung von Panteleimon „sehen die jungen Menschen nichts Gefährliches“ in einer oppositionellen Tätigkeit, „sondern sehen eine Gefahr darin, dass sich der Staat selbst in Gestalt von Gesetzen, des Präsidenten, des Gouverneurs und spezieller bewaffneter Strukturen schützt“.

Der Aufzeichnung des Auftritts des Metropoliten nach zu urteilen, die im Internet gepostet wurde, hatte ihn die Verärgerung über die politische Aktivität der Jugend dazu gebracht. Diese Verärgerung hatte in dem Bischof ein Videobeitrag des Journalisten Wladimir Solowjow (bekannter Talkshow-Moderator des russischen Staatsfernsehen – Anmerkung der Redaktion) ausgelöst. „Unsere netten Teens, anders sagst du es nicht, sind gegen den Staat eingestellt, antihistorisch, wie Streikbrecher und mehr noch – ich sage es auf Russisch – verräterisch“, entrüstete sich der Metropolit. „Das Geld haben die Eltern verdient, sie können durch Europa und Asien reisen. Aber das Geld ist das des Volkes, das Land eines von Gott, wenn man das richtig versteht“.

Wahrscheinlich war die düstere Predigt des Erzpriesters darauf ausgerichtet gewesen, die jungen Menschen zu beschämen. Jedoch haben die Auftritte sowohl von Kutowoj als auch von Bely in größerem Maße die ältere Generation aufzuhorchen veranlasst, die aus erster Hand, nicht von Hören und Sagen mit den alltäglichen Schwierigkeiten und Problemen vertraut sind. Und nicht alle derjenigen, die materielle Schwierigkeiten durchgemacht haben, wollen deren Wiederholung, selbst im Interesse dessen, dass in den Kindern die Gewohnheit des Gehorsams anerzogen wird.