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Wer wird den russischen Sportlern die verlorenen Jahre wettmachen?


Der Internationale Dachverband für Turnen World Gymnastics, bis 2025 Fédération Internationale de Gymnastique (FIG), hat russische Sportler zu Wettbewerben mit der Nationalflagge und Hymne zugelassen. Die Zulassung gilt für das Kunstturnen und die rhythmische Gymnastik, das Trampolinspringen, die Sportakrobatik und den Aerobic-Sport. Somit werden die Regeln aufgehoben, die seit dem Jahr 2023 galten und von den russischen Athleten nicht nur Auftritte in einem neutralen Status, sondern auch ein Distanzieren vom Konflikt mit der Ukraine verlangten.

Dies ist bereits nicht die erste Entscheidung internationaler Sportverbände. Eine analoge Zulassung hatten früher die Ringer, Judoka, Wasserballer und die Auswahl im Synchronschwimmen erhalten. In vielen Sportarten (vorrangig in individuellen und nicht Mannschaftssportarten) treten russische AthletInnen – und durchaus erfolgreich – im neutralen Status an. Dort, wo russische Junioren-Teams aus Russland zu Wettbewerben zugelassen wurden, werden den Rivalen aufgrund der Weigerung, gegen sie anzutreten, technische Niederlagen angerechnet, was jüngst mit der Auswahl Lettlands geschah. Anders gesagt: Im Vergleich zu den Jahren 2022-2023 ändert sich die Situation. Das Sportministerium der Russischen Föderation präsentiert dies berechtigt als gute Nachrichten.

Natürlich bedeutet eine Zulassung nicht, dass alle Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Nicht für alle Länder, wo Turniere stattfinden, können die russischen Starter rechtzeitig Visa erhalten. Es gibt auch andere logistische Probleme, unter anderem im Zusammenhang mit der Beförderung von Sportinventar. Dabei können die internationalen Verbände in der Regel nicht helfen. Sie sind der Auffassung, dass sie ihre Sache getan hätten, die Welt zu verändern, stehe aber nicht in ihren Kräften.

Es versteht sich, dass keiner den russischen Athleten, die weiter zu vollberechtigten Teilnehmern internationaler Wettkämpfe werden, die verlorenen Jahre zurückholen und in keiner Weise wettmachen wird. Sie erhielten einen ernsthaften Schlag gegen ihre Ambitionen, Motivation und Psyche. Sie waren mehrere Jahre lang gezwungen, die sportliche Form zu bewahren, wobei sie vom Wesen her aber im eigenen Saft schmoren mussten, nicht mit den Besten ihre Kräfte messen oder nicht der ganzen Welt beweisen konnten, dass gerade sie die besten sind (wie der Olympiasieger im Skilanglauf Alexander Bolschunow). Hier reicht es nicht zu sagen, dass „es sich halt so ergeben hatte“. Die internationalen Verbände tragen dafür eine Verantwortung. Zumal es die Beispiele des internationalen Tennissports oder das Radsports gibt, wo niemand russische Athleten ausgeschlossen hatte. Sie nahmen weiter an Wettbewerben teil, wenn auch in einem neutralen Status. Schon damals, im Jahr 2022 (als der Ukraine-Krieg begann – Anmerkung der Redaktion) konnte man sich der Konjunktur widersetzen.

Was hat sich in diesen Jahren verändert? Objektiv nicht so viel. Der bewaffnete Konflikt zwischen Moskau und Kiew dauert an. Die Erklärungen der Präsidenten, wonach sich die Sache in Richtung einer Lösung bewege – oder zu einem Frieden -, erklingen, finden aber „auf dem Boden“ bisher keine Bestätigung. Die Wahrnehmung der Ursachen für den Konflikt, die Vorstellung darüber, wer für ihn die Verantwortung trägt, die haben sich in den westlichen Staaten und unter deren Gleichgesinnten in anderen Regionen der Welt im Großen und Ganzen nicht geändert. Die Beziehungen Russlands mit der EU sind fast am Nullpunkt. Die Beziehungen mit den USA hängen davon ab, wer der Hausherr im White House ist. Das heißt: Die Konjunktur, in deren Rahmen die russischen Sportler mit Verboten belegt wurden, besteht weiterhin.

In einigen Strukturen hat sich einfach die Haltung gegenüber den verhängten Sanktionen geändert. FIFA-Präsident Gianni Infantino erklärte jöngst, dass die Verbote nicht funktioniert hätten, alles nur schlimmer gemacht hätten. Die wichtigsten Fußball-Auswahlteams der Russischen Föderation hat man bisher nirgendwohin zurückgeholt. Wahrscheinlich teilt man aber die Logik von Infantino in anderen Verbänden, wo man eine Entscheidung schneller treffen kann. Dies ist zumindest ein Eingestehen eines Fehlers. Es ändert nichts, schafft aber zumindest einen Präzedenzfall für die Zukunft. Wenn aber die Entscheidung von 2022 genauso mechanisch aufgehoben wird, wie sie verabschiedet worden war, so macht es sich, darüber zu freuen. Aber ihre Logik und Moral sind unklar. Und da sie nicht klar sind, kann ein analoger Mechanismus in der Zukunft erneut in Gang gesetzt werden. Die Sportler werden leiden, obgleich sie weder im Jahr 2022 noch heute und nicht in einigen Jahren weder eine Lösung noch eine Beendigung von Konflikten zwischen den Staaten beeinflussen können.