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Wie kann man Lehrer vor Provokationen durch Schüler schützen?


Das Ministerium für Bildungswesen der Russischen Föderation hat den Entwurf einer Anordnung vorbereitet, die Bewertungen für das Verhalten in den Schulen einführen wird. Versandt wurde eine Anleitung, die Algorithmen für eine Bewertung schwieriger Situationen und eine professionelle Position des Pädagogen in diesen Situationen bestimmt. Diese Maßnahmen sollen entsprechend der Absicht der Beamten eine Verbesserung des Lebens von Schulkollektiven fördern.

Die Hauptaufgabe der Bewertungen, deren praktische Erteilung sich in den Sowjetzeiten positiv bewährtem ist eine Festigung einer bewussten Disziplin der Kinder. Und das Hauptkriterium ist die Erfüllung ihrer Hauptpflichten. Dies sind ein fleißiges Lernen, ein emsiges Verhalten sowie eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben der Schule und einer gesellschaftlich nützlichen Arbeit“, erläutert man im Bildungsministerium die Einführung einer Bewertung des Verhaltens.

Der Neuerung ist ein Experiment vorangegangen, das das Ministerium seit September vergangenen Jahres in den Verwaltungsgebieten Nowgorod, Jaroslawl und Tula, die Lugansker Volksrepublik, der Tschetschenischen Republik und in der Republik Mordowien durchführt. An dem nehmen 89 Schulen teil. Entsprechend den Ergebnissen des Experiments wird ein einheitliches Modell für alle bestimmt. Heute testet jede Schule eine der vorgeschlagenen Varianten für eine Bewertung des Verhaltens. Die drei (vorgeschlagenen) Varianten für eine Bewertung sehen heute so aus: entsprechend einer 5-Punkte-Skala — „ausgezeichnet“, „gut“, „befriedigend“, „unbefriedigend“ und „völlig unbefriedigend“; gemäß einer 3-Punkte-Skala — „unbefriedigendes Verhalten“, „befriedigendes Verhalten“ oder „musterhaftes Verhalten“ und entsprechend einer „1-Punkt“-Skala – in Form einer Anrechnung oder Nicht-Anrechnung.

Geplant ist, dass man das Verhalten der Schüler aller Klassen – von der 1. bis einschließlich 11. Klasse – zu bewerten beginnt, obgleich im Verlauf der Erprobung Bewertungen nur für Schüler der 1. bis einschließlich 8. Klasse vorgenommen wurden.

Die Bewertung des Verhaltens hatte man im zaristischen und danach in Sowjetrussland mal eingeführt und mal gecancelt. Das letzte Mal hatte man sie 1943 eingeführt. Sie war damals eine mit fünf Punkten. Und sie war bis 1970 solch eine Disziplinar-Instrument geblieben. (Im Übrigen gab es eine fünfstufige Verhaltensbewertung auch in der einstigen DDR, wobei überdies Fleiß, Mitarbeit und Ordnung mit entsprechenden Noten bewertet wurden. — Anmerkung der Redaktion) Nach diesem Jahr und bis Ende der 1980er war sie eine 3-Punkte-Bewertung („vorbildlich“, „befriedigend“ und „unbefriedigend“).

Wendet man sich den sowjetischen Erfahrungen zu, auf die man im Bildungsministerium der Russischen Föderation verweist, so beeinflusste zu jenen Zeiten die Bewertung für das Verhalten Vieles. Sie blockierte beispielsweise „soziale Lifts“: Eine Immatrikulation an einer Hochschuleinrichtung war faktisch nur bei der Bewertung „5“ (in der einstigen DDR — „1“) für das Verhalten möglich. Ein „unbefriedigend“ führte zu einer Nichtzulassung zu den Abschlussprüfungen, und dementsprechend verließ der entsprechende Schüler die Schule ohne ein Zeugnis über eine Mittelschulausbildung.

Das Verhalten zu bewerten, hatte man begonnen, als die Zeit, die „Schrauben anzuziehen““, betonte der auf dem Gebiet der pädagogischen Wissenschaften habilitierte Prof. Michail Boguslawskij. „In den Kriegs- und Nachkriegsjahren waren beispielsweise viele Kinder ohne eine elterliche Obhut geblieben. Es verschlechterte sich die soziale Lage der Familien, und in den Schulen wurde die Disziplin eine schwierigere. Was zu jenen Zeiten passierte, kann man anhand des Texts „Regeln für Schüler“ von 1943 beurteilen. Da hatte es unter anderem solche Regeln gegeben: „… der Schüler hat sich in der Schule ohne Widerrede dem Schuldirektor und den Lehrern unterzuordnen, darf keine Schimpf- und groben Worte verwenden, nicht rauchen und in der Schule nicht um Geld und Sachen spielen. Bei einer Begegnung mit dem Schuldirektor hat der Schüler ihn mit einer Verneigung zu begrüßen. Dabei müssen die Jungen die Kopfbedeckungen abnehmen“. Ein Verstoß gegen die Regeln führte zu Bestrafungen bis hin zu einem Schulverweis.

Heute versetzen ein provokatives und oft offenkundiges rüpelhaftes Verhalten von Schülern die alte Lehrer-Garde in eine sackgassenartige Situation. Daher sind an die Schulen Anweisungen gesandt worden, die ausführlich die Modalitäten für die Handlungen des Lehrers in solchen Fällen reglementieren. Das Dokument, das „Wie stoppt man aggressives Verhalten: Handlungen des Pädagogen“ heißt, war auf einer Tagung des Rates des russischen Bildungsministeriums für den Schutz der beruflichen Ehre und Würde der pädagogischen Mitarbeiter bestätigt worden.

Natürlich ist eine Korrektur des Verhaltens eines Kindes ein recht schwieriger Prozess, der eine Vielzahl von Faktoren berücksichtigen muss. Man kann sich dessen erinnern, dass Wesenszüge des Verhaltens vererbt werden können. Gewaltigen Einfluss übt auf die Kinder das soziale Umfeld aus. Überdies bekennen sich heutige Eltern zu einem Kinder-Zentrismus und schenken in den Familien der Erhöhung der Selbstbeurteilung des Kindes große Aufmerksamkeit. Einer scharfen Kritik wird ein autoritärer Stil der Erziehung unterzogen, und es dominiert ein demokratischer und … nachsichtiger. Folglich kann sich eine Bewertung als eine „repressive“ Methode bei der Erziehung für einen erheblichen Teil der Teenager auch als kein wirksame erweisen.

Forscher der Moskauer städtischen pädagogischen Universität ermittelten wesentliche Veränderungen in der Entwicklung der heutigen Kinder und im Verhalten ihrer Eltern. Laut Angaben ihrer Untersuchungen wenden die heutigen Eltern 30 Prozent weniger Zeit für eine unmittelbare Kommunikation mit den Kindern im Vergleich zu Beginn der 2000er Jahre auf. Die meisten Eltern unterstützen aber die Initiative des Ministeriums, berichtete der Forschungsdienst des Internetportals SuperJob. Laut einer Umfrage vom vergangenen Sommer begrüßen 65 Prozent der Eltern von Schülern die Vergabe von Bewertungen für das Verhalten. Nach Meinung der Befragten „ist eine Kontrolle der Erziehung notwendig“, „ist das Ansehen des Lehrers verlorengegangen, eine Bewertung des Verhaltens wird helfen, zu dreiste Schüler zu bändigen“.

Die Bewertung für das Verhalten wurde im heutigen Russland 1989 abgeschafft. Die Ursachen für die Einführung einer Verhaltensbewertung liegen heute an der Oberfläche: Der Lehrer ist nicht abgesichert und geschützt, die Schüler verhalten sich mitunter schrecklich. Keine Seltenheit sind Fälle einer offenkundigen Provokation: Man veranlasst einen Lehrer zu einer Reaktion, ihm platzt der Kragen, und die Schüler nehmen seinen Wutanfalls mit Mobiltelefonen auf und posten dies alles später in sozialen Netzwerken.

Vom Prinzip her ist man in der Schule nicht gegen eine erneute Einführung von Verhaltensnoten. Die Lehrer bitten aber festzuschreiben, was ihnen dies geben wird. Und außerdem wird für jede Bewertungsposition eine klare Anweisung für ihre Anwendung gebraucht, wie dies bereits mehrfach in unserer Geschichte des Bildungswesens gewesen war.

P. S.

Am Donnerstag kam es erneut zu einem schweren Vorfall in einer Schule der Republik Tatarstan. Ein 13jähriger Schüler des Lyzeums Nr. 37 in Nischnekamsk griff eine Reinigungskraft in der Schule an, verletzte sie mit einem Messer und schoß mit einer Signalpistole um sich. Der Junge wurde festgenommen, und laut Medienberichten wurde eine Auseinandersetzung mit der verletzten Frau zum Anlass des ernsthaften Zwischenfalls. Überdies ist ermittelt worden, dass der Teenager seit vergangenen August Pläne hegte, einen Gewaltakt in der Schule zu verüben. Hinweise fand man in Telegram-Einträgen des Jungen, der im Übrigen als Avatar ein Foto von Anton Lundin Pettersson verwendete, der am 22. Oktober 2015 einen Amoklauf im schwedischen Trollhättan unternommen hatte, bei dem drei Menschen ums Leben kamen und mehrere verletzt wurden.