Papst Leo XIV. hat den Rücktritt von Erzbischof Paolo Pezzi – des geistlichen Oberhaupts der Katholiken Russlands – angenommen, meldete am Samstag das vatikanische Presseamt. Der offizielle Grund – aufgrund des Gesundheitszustands. Um eine vorzeitige Aufgabe des Amtes hatte Pezzi, der sich im Jahr 2024 einer komplizierten Operation unterziehen musste, selbst gebeten. Die zeitweilige Leitung des Erzbistums hat der Pontifex dem Weihbischof Nikolaj Dubinin, einem Bürger Russlands, übertragen. Der gebürtige Italiener Paolo Pezzi (65) hatte das „Erzbistum der Muttergottes in Moskau“ im Jahr 2007 übernommen, womit er in diesem Amt den weißrussischen Polen Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz abgelöst hatte.
Wie lange die nunmehrige Zeitspanne der sede vacante (des vakanten Oberhauptes des Erzbistums) andauern wird, ist unbekannt. Die Katholiken interessiert jetzt noch solch eine Frage (und allerdings nicht nur sie): Wird in Russland ein eigenes geistliches Oberhaupt auftauchen oder wird man erneut irgendwen aus dem Ausland entsenden, um die Gemeinde zu leiten?
In den letzten Jahren wurde Pezzi oft einer öffentlichen Kritik ausgesetzt, was beim Heiligen Stuhl nicht gefallen konnte. Anfang dieses Jahres hatte man den Erzbischof dafür verurteilt, dass er nicht die Erklärung des Christlichen interkonfessionellen Konsultativkomitees zur Verteidigung der in der Ukraine verfolgten Christen unterzeichnet hatte. Der Generalvikar des katholischen Erzbistums der Muttergottes in Moskau, der Geistliche Kirill Gorbunow, hatte damals erläutert, dass, obgleich Pezzi „der in der Erklärung artikulierten Position mitfühlt, er aus der Sicht der inneren Grundsätze der Katholischen Kirche keine Jurisdiktion dafür besitzt, um offizielle Erklärungen abzugeben, die andere Länder betreffen“. Aber diese Haltung hatte eine scharfe Reaktion in Russland ausgelöst. Möglicherweise hat dies das Bedürfnis der staatlichen Administration nach einem religiösen Vertreter für die Katholiken, der stärker im russischen Boden verwurzelt ist, ausgelöst.
Mit dem Namen von Pezzi verbindet man auch einen Wirtschaftsskandal des Jahres 2021 mit der Rückgabe mehrerer Gebäude in der Moskauer Miljutinskij-Gasse an die Katholische Kirche. Damals verlor der Administrator der Gemeinde zu den Heiligen Peter und Paul in der Kirche zum heiligen Ludwig in Moskau, der Geistliche Igor Kowalewskij, sein Amt. Später verließ er Russland, beendete seinen Dienst als ein Geistlicher und warf Pezzi finanzielle Betrugshandlungen vor. Die nunmehrige Bitte um eine Pensionierung vor der eigentlichen Frist (Paolo Pezzi ist 65 Jahre alt, während als eine Norm für die Pensionierung eines Erzbischofs ein Alter ab 75 Jahre angesehen wird) hat gleichfalls Vermutungen über „gewichtige Gründe“ inklusive möglicher interner Überprüfungen oder administrativer Meinungsverschiedenheiten ausgelöst.
Zum Weihbischof des Erzbistums, zu dem neben Gemeinden der zentralen und der nordwestlichen Region gleichfalls die drei Diözesen von Saratow, Irkutsk und Nowosibirsk gehören, war Nikolaj Dubinin im Jahr 2020 durch Papst Franziskus ernannt worden. Er wurde damit zum ersten russischen katholischen Erzbischof. In einem Interview für die „Nesawisimaya Gazeta“ (siehe https://www.ng.ru/ng_religii/2020-08-18/9_492_catholics.htm) hatte Dubinin erläutert: „Das Bestreben, in meiner Ernennung den Versuch des Vatikans auszumachen, die Mission in Russland zu verstärken, entspricht auf absoluter Weise nicht der Wirklichkeit“. Viele waren aber anderer Meinung gewesen. Experten hatten angenommen, dass diese Ernennung den Status der Katholischen Kirche in Russland nicht als eine „ausländische Struktur“, sondern einer Gemeinde, die „tief in die russische Gesellschaft integriert ist und eigene einheimische Kader hat“.
Um den Katholizismus in Russland wiederauferstehen zu lassen und das Leben von Gemeinden von Null an zu organisieren, hatte der Vatikan zu Beginn der 1990er Jahre Kleriker aus Ländern mit starken katholischen Traditionen (aus Polen, Italien, Deutschland u. a.) nach Russland entsandt. Außerdem nimmt der Prozess der Ausbildung eines Geistlichen und umso mehr eines Bischofs Jahre in Anspruch. Daher waren Jahrzehnte erforderlich, damit im Land eine Generation von Gläubigen heranwuchs, aus der Seminaristen hervorgehen konnten, die später zu erfahrenen Geistlichen wurden. Wie Nikolaj Dubinin der „NG“ berichtete, brauchte er über 25 Jahre, um zum ersten russischen Bürger zu werden, der ein Bischof wurde.
Andererseits hat der 52jährige Dubinin alle Chancen, um die russische katholische Gemeinde zu leiten. Zumal er jetzt zum „Apostolischen Administrator sede vacante“ des Erzbistums ernannt worden ist. In diesem Status ist er faktisch der wichtigste offizielle Vertreter der Katholischen Kirche in den Beziehungen mit den föderalen Behörden der Russischen Föderation – bis zur Ernennung eines neuen Erzbischofs. Seine Aufgabe ist es, das Leben der Diözese aufrechtzuerhalten. Jedoch hat er kein Recht, wichtige Neuerung vorzunehmen oder die Struktur zu verändern.
In verschiedenen Interviews unterstreicht Nikolaj Dubinin oft, dass die Katholiken in Russland keine „ausländische Vertretung“ oder ein „Ghetto“ darstellen würden, sondern ein untrennbarer Bestandteil der russischen Gesellschaft seien. Der Bischof akzentuiert die Aufmerksamkeit dahingehend, das er ein einheimischer Bischof sei, der den Kontext des Landes von innen her kenne. In den Jahren seines Bischofsamtes konnte er einen konstruktiven Dialog mit den russischen Offiziellen anbahnen und unterstrich, wobei er „das Bestehen bestimmter Schwierigkeiten eingestand, die für Minderheiten charakteristisch sind“, die Wichtigkeit ihrer Überwindung über einen Dialog und nicht über eine Konfrontation. Dubinin ist sich gleichfalls sicher, dass die Kirche außerhalb der Politik bleiben und als eine Brücke für einen Dialog selbst unter den Bedingungen des harten internationalen Drucks und des Sanktionsregimes gegen andere russische Institutionen dienen müsse.
Andererseits gibt es neben Pezzi und Dubinin in Russland noch weitere vier Bischöfe. Dies sind die ethnischen Deutschen Clemens Pickel (64 Jahre alt, Oberhaupt der St.-Clemens-Diözese in Saratow) und Joseph Werth (72 Jahre, Oberhaupt des Bistums der Verklärung von Nowosibirsk), aber auch der Weißrusse Kirill Klimowitsch (er leitet das St.-Joseph-Bistum in Irkutsk). Im vergangenen Jahr erhielt der deutsche Geistliche Stephan Lipke (1975 in Essen geboren) die Bischofsweihe. Der Ordensgeistliche und Weihbischof im Bistum der Verklärung von Nowosibirsk dient heute als Sekretär der Katholischen Bischofskonferenz Russlands (KBKR). Alle oben erwähnten Bischöfe leben recht lange in Russland und haben sich auch nicht schlecht in den inneren Kontext des Landes eingefügt. Am 17./18. März 2026 fand in Irkutsk eine Plenartagung der KBKR statt. Zum Vorsitzenden wurde da Clemens Pickel gewählt, und zum Vizevorsitzenden wurde Kirill Klimowitsch.
Da sich die Katholische Kirche in Russland in der Zone einer besonderen Aufmerksamkeit des Vatikans befindet, wird auch die Wahl des neuen geistlichen Oberhaupts der katholischen Gemeinde sehr sorgfältig durchgeführt. In der Regel erstellen eine Liste aus drei würdigen Kandidaten die amtierenden Bischöfe und senden sie über den Nuntius (den Botschafter des Vatikans) nach Rom. Ungeachtet dessen, dass sich Dubinin bereits sechs Jahre im Amt eines Bischofs befindet, gilt er nach den Maßstäben der Kirchenhierarchie als ein relativ junger. Der Pontifex kann entscheiden, dass für die Leitung solch eines schwierigen und politisch bedeutsamen Erzbistums wie Moskau ein Mann mit großen administrativen Erfahrungen erforderlich sei. Mehr noch, unter den heutigen Bedingungen, unter denen gegen Russland Sanktionen verhängt werden und Bürgern Russlands verboten wird, einige Länder zu besuchen, kann der Heilige Stuhl einen in dieser Hinsicht mobileren Mann gebrauchen, der Inhaber eine ausländischen Passes ist.
Eine gesonderte Frage stellt die Position des Moskauer Patriarchats dar. In der Russischen orthodoxen Kirche demonstriert man unverändert die Befürchtungen, dass der Vatikan beabsichtige, in Russland eine missionarische Tätigkeit vorzunehmen. Daher kann die Ernennung eines russischen Staatsbürgers zum Oberhaupt des Erzbistums als eine Versuchung für die christlich-orthodoxen Landsleute gewertet werden.