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Wird sich die Ukrainische Kirche vom Moskauer Patriarchen lossagen?


Das Konzil der Ukrainischen orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, die am 27. Mai in Kiew stattgefunden hat, hat eine vollkommene Abhängigkeit von der Russischen orthodoxen Kirche beschlossen. Die Bischöfe, Geistlichen und Laien der Ukrainischen orthodoxen Kirche „bekundete eine Ablehnung der Position des Patriarchen von Moskau und Ganz Russland Kirill hinsichtlich“ der sogenannten militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine. „Das Konzil verabschiedete entsprechende Zusätze und Änderungen an der Satzung über die Leitung der Ukrainischen orthodoxen Kirche“, die eine vollkommene Selbständigkeit und Unabhängigkeit der Ukrainischen orthodoxen Kirche belegen“, heißt es im Beschluss der Vertreter des Kirchenkonzil.

Eine Tagung des Klerus und von Gläubigen der Ukrainischen orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats hatte am Freitag im Kiewer Sankt-Pantaleon-Kloster (Feofania), wo sich die Residenz des Metropoliten von Kiew und der Ganzen Ukraine Onufrij (Beresowskij) befindet, stattgefunden. Und gleich danach fand eine Bischofsversammlung statt. Und danach ein Konzil der Ukrainischen orthodoxen Kirche, das viele als eine vom Wesen her Landeskirchentagung bezeichnet hatte.

Beginnend ab 2014 hatte die Ukrainische orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats die Zusatzbezeichnung „Moskauer Patriarchat“ von der Beschilderung ihrer Gotteshäuser entfernt, um sich auf maximale Weise von Russland zu distanzieren, das man in der Ukraine als «Aggressor-Land“ zu bezeichnen begann. Dabei betonte die Ukrainische orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats ihre Selbständigkeit, obgleich ihre Bischöfe an den Tagungen des Synods der Russischen orthodoxen Kirche teilnahmen. Vor diesem Hintergrund verlangte man von der Kirche ein vollkommenes Lossagen von Moskau, vor allem jene, die ein Gleichheitszeichen zwischen der Russischen Kirche und dem russischen Staat setzen. Überdies drohte und droht der Kirche eine Liquidierung. In der Werchowna Rada (dem ukrainischen Parlament – Anmerkung der Redaktion) liegen Gesetzentwürfe, die ein Verbot für die Tätigkeit der „moskautreuen Kirche“ vorsehen. Hier und da haben in den Landesregionen Beamte auf kommunaler Ebene Gemeinden der Ukrainischen orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats auf ihren Territorien bereits verboten. Und die mit ihr konkurrierende Orthodoxe Kirche der Ukraine hat eine Rechtsperson etabliert, um auf das wichtigste Heiligtum des Landes, auf das Kiewer Höhlenkloster (der Petscherska Lawra), Anspruch zu erheben.

Im Vorfeld der eingangs erwähnten Versammlung in Kiew hatten sich die Bischöfe der Orthodoxen Kirche der Ukraine an den (Ökumenischen) Patriarchen von Konstantinopel Bartholomäus mit der Bitte gewandt, den Patriarchen von Moskau und Ganz Russland Kirill abzusetzen. „Wir bitten das Oberhaupt, sich an den Ökumenischen Patriarchen und die Oberhäupter der Landeskirchen hinsichtlich dessen zu wenden, den russischen Patriarchen Kirill aufgrund der Verbreitung einer häretischen ethno-phyletischen Lehre auf der Grundlage der Ideologie einer „russischen Welt“ zur kanonischen Verantwortung zu ziehen“, erklärten die Hierarchen.

Zuvor hatte selbst Bartholomäus Kirill angetragen, den Patriarchen-Thron aufzugeben. „Selbst wenn es erforderlich ist, seinen Thron zu opfern, muss Putin gesagt werden: „Herr Präsident, ich kann Ihnen nicht zustimmen. Ich trete zurück“. Und selbst wenn man ins Gefängnis gehen muss. Ich weiß nicht, was Präsident Putin tun würde, wenn der Patriarch so auf seine Pläne reagieren würde. Aber gerade dies haben wir, die anderen Vorsteher der Kirchen, erwartet“, sagte er in einem Interview des staatlichen griechischen Fernsehkanals ERT1. Bartholomäus erklärte, dass das Oberhaupt der Russischen orthodoxen Kirche „schwankte“, indem er nicht gegen die Kampfhandlungen aufgetreten ist. „Ich weiß nicht, wie er sich vor seinem Gewissen rechtfertigen wird“.

Das Konzil der Ukrainischen orthodoxen Kirchen (möglicherweise jetzt sicher ohne den Zusatz „Moskauer Patriarchat“?) verurteilte die Angriffe und Ansprüche der Orthodoxen Kirche der Ukraine auf ein Monopol im Land. Dabei wurde aber beschlossen, einen Dialog mit den Autokephalie-Vertretern aufzunehmen. Dafür wurde eine Reihe von Bedingungen gestellt:

  • Beendigung des Besetzens von Gotteshäusern und der zwangsweisen Neuunterstellung von Gemeinden der Ukrainischen orthodoxen Kirche;
  • Begreifen, dass ihr kanonischer Status, wie er in der „Satzung der Orthodoxen Kirche der Ukraine“ fixiert worden ist, faktisch ein nicht-autokephaler ist und erheblich den Freiheiten und Möglichkeiten bei der Vornahme der Kirchentätigkeit, die durch das Statut über die Leitung der Ukrainischen orthodoxen Kirche vorgesehen worden sind, nachsteht;
  • Klärung der Frage hinsichtlich des kanonischen Charakters der Hierarchie der Orthodoxen Kirche der Ukraine, denn für die Ukrainische orthodoxe Kirche ist wie auch für die meisten orthodoxen Landeskirchen durchaus offensichtlich, dass für eine Anerkennung des kanonischen Charakters der Hierarchie der Orthodoxen Kirche der Ukraine eine Wiederherstellung der apostolischen Erbfolge ihrer Bischöfe notwendig ist.

Metropolit Onufrij hielt bei der Versammlung eine Eröffnungsrede. Beresowskij zählte alle Kränkungen auf, die die von ihm geleitete religiöse Organisation durch die Beamten und Nationalisten erlitten hatte. „Durch die Behörden der örtlichen Selbstverwaltung und deren Beamten sind über 20 widerrechtliche Entscheidungen über ein Verbot oder die Einschränkung des Wirkens der örtlichen religiösen Gemeinden der Ukrainischen orthodoxen Kirche gefällt worden“, teilte der Metropolit mit. „Fixiert wurden über 40 gewaltsame Besetzungen und Übernahmen unserer Kirchen sowie über 15 Fälle von Auseinandersetzungen und Versiegelungen von Gotteshäusern. Ein halbes Hundert unserer religiösen Gemeinden hat man gewaltsam zu einem Übergang zur sogenannten Orthodoxen Kirche der Ukraine gezwungen“. Dabei betonte Beresowskij, dass die Ukrainische orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats, deren Eparchien (Diözesen) sich auf beiden Seiten der Frontlinien befinden, die militärische Sonderoperation Russlands in der Ukraine verurteile. „Die Kirche hat sich nicht nur der Verteidigung der Heimat angeschlossen, sondern auch einer allseitigen Hilfe für die ukrainischen Militärs, die Krankenhäuser, Zivilisten, Flüchtlinge und alle Hilfsbedürftigen“, sagte er. Beresowskij behauptet, dass man in dieser Auseinandersetzung Ukrainer gegen andere Ukrainer aufhetze, wobei die Staatlichkeit untergraben werde.

„Für den Zeitraum des Kriegszustands, in dem die Verbindungen zwischen den Eparchien und dem kirchlichen Führungszentrum erschwert sind oder fehlen, hält es das Konzil für zweckmäßig, den Hierarchen der Eparchien das Recht zu gewähren, eigenständig Entscheidungen hinsichtlich der einen oder anderen Fragen des Diözesen-Lebens zu treffen, die zum Kompetenzbereich des Heiligen Synods oder des Oberhauptes der Ukrainischen orthodoxen Kirche gehören, und dies mit einem anschließenden Informieren der geistlichen Führung bei Wiederherstellung der Möglichkeit“, heißt es gleichfalls im Beschluss des Konzils.

Es scheint, in jenen Verwaltungsgebieten, wo die Führung sogenannte prorussische Militär- und Zivilverwaltungen oder Beamte der Donbass-Republiken DVR und LVR vornehmen, hat man auch seine Entscheidung gefällt. In der Lugansker Eparchie der Ukrainischen orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats hatte beispielsweise laut inoffiziellen Angaben die hiesige Versammlung beschlossen, überhaupt nicht an der Kiewer Veranstaltung teilzunehmen. Wenn die Kiewer Versammlung eine Entscheidung über eine Trennung verabschiede, so seien angeblich einige Gemeinden der LVR bereit, sich direkt der Russischen orthodoxen Kirche zu unterstellen. Auf der offiziellen Internetseite der Diözese ist jedoch nichts darüber nachzulesen. Die Internetseite verwendet im Übrigen nur die russische Sprache, im Unterschied zur vollkommen ukrainisch-sprachigen Seite der Ukrainischen orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats.

Möglicherweise kann die offizielle Lossagung von der Russischen orthodoxen Kirche zu einem Unterpfand für ein Überleben der religiösen Organisation werden. Oder im Gegenteil: Der Verzicht auf bzw. die Ablehnung von Ultimaten wird die Stärke dieser Kirche demonstrieren, ihre Gewissheit, dass hinter ihr die meisten ukrainischen orthodoxen Gläubigen stehen.