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Zwischen Klerikalisierung und Dehumanisierung


Die Kasaner Tragödie, wie allerdings auch die vorangegangenen schweren Schusswaffenvorfälle in Schulen Russlands, ist zu einem Ausgangspunkt für die gesellschaftliche Diskussion über die Ursachen derartiger Erscheinungen geworden. Ich bezweifele nicht, dass jede Organisation, jeder Experte und jede Gruppe ihr Rezept haben. Aber gerade das Rezept des Oberhauptes der Russischen orthodoxen Kirche hat ausirgendeinem Grunde Kritik ausgelöst, die zu solch einer Grenze geht, an der man sie als moralisch unannehmbar bezeichnen kann.

Natürlich, wir leben in einer Welt, in der Überschriften das Zepter schwingen, die wie die Nadeln eines Reflexotherapeuten immer spitzer werden, um zumindest irgendeine Reaktion hervorzurufen. Schließlich sind unsere Reflexe durch ein Überangebot an Nachrichten und Wertungen abgestumpft worden, die in der Regel eine fortschreitende Indifferenz auslösen. Ist dies aber eine Rechtfertigung? Ich weiß es nicht.

Unsere eigenen Wertungen für das ringsherum Geschehende reflektieren unsere innere Welt. Und wenn in der Unterzeile eines Beitrages der Gedanke hervorgehoben wird, dass Patriarch Kirill „die Tragödie in Kasan für … (etwas) ausnutzt“, so ist dies ein sehr trauriges Signal. Ich setze bewusst die Auslassungspunkte, denn der Abschluss des Satzes kann jeglicher beliebiger sein. Schließlich ist der Satz ein direkter und durch nichts begründeter Vorwurf gegenüber dem Oberhaupt der Russischen Kirche des völligen Ausbleibens von Empathie und Mitgefühl, seiner angeblichen Bereitschaft, die Tragödie für gewisse „korporative“ Ziele auszunutzen. Durch was ist solch eine Annahme ausgelöst worden? Durch eine zu verabscheuende, irrationale Überzeugtheit davon, dass alle Vorschläge der (Russischen) Orthodoxen Kirche durch „geheime Träume“ über das Aufbauen des Schreckgespenstes einer „Klerikalisierung der Gesellschaft“ um jeden Preis hervorgerufen worden sind?

Eine wissenschaftliche Tatsache ist das, dass sich der Stand der Beziehungen von Kirche und Staat in Russland wie auch der Grad des religiösen Charakters der russischen Gesellschaft auf dem mittleren europäischen Niveau befinden. Die Kirche ist keine staatliche, sie gibt keinerlei verbindliche Bestimmungen heraus, verfolgt keine Atheisten und verfügt über keine rechtliche Möglichkeit zur Nötigung. Dies liegt irgendwo zwischen Frankreich und Deutschland sowie den nordeuropäischen Ländern. Dabei kann aber auch das nicht geleugnet werden, dass die Landesgeschichte durch Massenmorde an Christen und Vertretern anderer Religionen aufgrund des Glaubens, durch die Zerstörung von Gotteshäusern usw. belastet ist. Genauso wie auch die Geschichte Deutschlands beispielsweise durch den Holocaust belastet ist. Daher klingt ein antisemitischer Witz in Berlin, der irgendwem als ein unschuldiger erscheint, vollkommen anders als zum Beispiel in New York. Wie auch die antireligiösen Auftritte in Russland anders klingen mögen als in anderen Ländern, wo es keine Schrecken einer militanten Gottlosigkeit gegeben hat.

Patriarch Kirill macht sich – denke ich – wie jeglicher andere Bürger unseres Landes darüber Sorgen, wie man es so bewerkstelligt, dass sich die Schüler in Sicherheit fühlen. Gerade seine Erläuterung ist eine unerschütterliche moralische Präsumtion, ja unsere gesellschaftliche eigene Wahrnehmung als eine Gemeinschaft von Menschen und nicht als eine Gemeinschaft wilder Tiere im Dschungel.

Und die Botschaft der Kirche besteht gerade darin, dass der Glaube den Menschen vor einer Verwandlung in ein Tier bewahrt, das bereit ist, unschuldige Kinder zu töten. Gerade der Wert der menschlichen Persönlichkeit, geschaffen nach dem Ebenbild und der Art Gottes, der nicht als Bestimmung irgendeines unpersönlichen normativen Dokumentes wahrgenommen wird, sondern als eine religiöse Wahrheit, kann unsere Kinder schützen. Dies ist ein religiöses Zeugnis, das an diejenigen gerichtet ist, die es annehmen können.

Wenn die Lehrer der „Grundlagen der religiösen Kulturen“ über den Wert der menschlichen Persönlichkeit sprechen, wobei sie ein Echo in den Herzen der Schüler finden, deren Eltern Gläubige der entsprechenden Religionen sind und frei dieses Unterrichtsfach ausgewählt haben, so wird dies funktionieren. Und wenn dies wirkt, so wird das Leben unserer Kinder, die wir in die Schule schicken, sicherer sein. Und dies ist keine Klerikalisierung des Bildungswesens, sondern seine Humanisierung. Die Formung eines Menschen aus dem Kind und keiner Unit des Counterstrike-Computerspiels, das der Kasaner (Todes-) Schütze so mochte.

Wenn aber das Bildungswesen bei uns so säkulär und dadurch bereits vollkommen ist, ist es da nicht merkwürdig, dass sich einige seiner „Produkte“ als „Götter“ bezeichnen, deren „Göttlichkeit“ in dem Recht besteht, Unschuldige zu töten? Vielleicht ist irgendeine andere Religion in die Schule eingedrungen, während unsere Massenmedien das orthodoxe Christentum, ja und andere traditionelle Religionen in der Schule bekämpften?

Tragödien in der Art der Kasaner sind dazu berufen, zu vereinen, uns zumindest für eine Zeit vor dem endlosen Suchen nach „klerikalen“ und „antiklerikalen“ Verschwörungen aufzuhalten. Im Interesse der ums Leben gekommenen Kinder und jener, deren Leben man schützen muss.