„Idomeneo“, das erste große Opernwerk des Komponisten, ist praktisch am gleichen Tag – wenn auch 245 Jahre nach seiner Uraufführung – in Sankt Petersburg vorgestellt worden. Die Welt erfuhr am 29. Januar 1781 von der Oper. Die Premiere fand im Münchener Residenztheater statt, die aktuelle am 30. Januar im Mariinski-Theater.
Der 24jährige Mozart hatte die Oper im Auftrag von Kurfürst Karl Theodor komponiert. Zu dieser Zeit konnte er genug kleine Opernwerke vorweisen. Jedoch stand die große Lorenzo-Da-Ponte-Trilogie noch bevor (bestehend aus den Opern „Le nozze di Figaro“ (1786), „Don Giovanni“ (1787/88) und „Cosi fan tutte“ (1790) – Anmerkung der Redaktion). Sie aber hatte auch „Idomeneo“ verdrängt, obgleich Mozart selbst sein Werk sehr geliebt hatte und auf einer Bühne in Wien sehen wollte, was lediglich einmal geschah, 1786. Offensichtlich erschien „Idomeneo“ mit ihrer barocken Form der Opera seria und dem mythologischen Sujet ungeachtet der genialen Musik, der lebendigen Dramatik und der Stetigkeit der Handlung dennoch als eine veraltete.
Das Libretto des in Salzburg lebenden italienischen Priesters Giambattista Varesco verwendete fertige französische dramatische Bearbeitungen des Sujets über Idomeneo, das zum Zyklus der trojanischen Mythen gehört: Der kretische König Idomeneo hatte an der Zerstörung von Troja teilgenommen, doch seine Heimkehr erwies sich, wie auch für andere griechische Helden als eine recht schwierige. Er hatte Poseidon gelobt, im Gegenzug zur Rettung ihm die erste Person, die er bei seiner Rückkehr am Ufer sehen werde, zu opfern, als die sich sein Sohn erwies. Und da geraten wir bereits in ein Knäuel bekannter Sujets. Das Libretto der Oper dreht sich also gerade auch um das Dilemma, vor dem der Hauptheld steht. Doch im Unterschied zu den französischen Vorgängern endet bei Varesco alles wohlbehalten: Es siegt die selbstlose Liebe des Sohns für den Vater, der Braut für den künftigen Gemahl. Und dies ist bereits ein christliches Motiv. Das Orakel verkündet Vergebung von den Schnürböden des Theaters aus. Nur muss der „unreine“, durch ein posttraumatisches Nachkriegssyndrom belastete Idomeneo den Thron seinem Sohn Idamante und Ilia übergeben (in ihrer Gestalt werden auch die einstigen Feinde ausgesöhnt – der griechische Prinz vereinigt sich mit der trojanischen Prinzessin).
Das 20. Jahrhundert hat für sich erneut die Aktualität der Oper entdeckt, die auf den Bühnen internationaler Festivals und größter Theater glänzte und im Jahr 2009 erstmals durch den österreichischen Regisseur Michael Sturminger im Mariinskij-Theater inszeniert worden war. Dirigiert hatte Valerij Gergijew. Und die mythologischen Helden traten in moderner Kleidung auf. Jetzt ist „Idomeneo“ in einer neuen Inszenierung zurückgekehrt, in der die Helden in griechischen Togas auftreten. Vorausgegangen waren dem einige konzertante Aufführungen in den vorangegangenen Konzert-Spielzeiten.
Für die Inszenierung der Oper wurde Roman Kotscherschewskij gewonnen, der im Lensowjet-Theater aktiv als Regisseur und Schauspieler arbeitet. Dies ist sein Debüt in der Oper, Natürlich ist der Mythos vor allem durch seine Einmaligkeit und nicht durch seine alltäglichen historischen Einzelheiten interessant. Gerade dies macht ihn für alle Zeiten zu einem aktuellen. Jetzt aber beschreitet man im Mariinskij-Theater einen konservativen Weg. Und der Regisseur „erzählt“ die Geschichte Idomeneos ganz von Anfang an, ausgehend davon, dass das Publikum „unbeleckt“ an die Oper herangeht und die „Liste der Schiffe“, die (Ossip) Mandelstam „bis zur Mitte gelesen hatte“, auch nie aufgeschlagen hat. Wobei der historische Hintergrund der Ereignisse zuerst „als direkter Text“ (er wird auf den Vorhang projiziert) noch vor der Ouvertüre erscheint. Danach wird er in ihrem Verlauf bereits visuell in Bildern mit kleinen Soldaten, dem Trojanischen Pferd und dem brennenden Troja vorgestellt. Der Regisseur empfindet die Freude eines Neophyten, der erstmals das Schullehrbuch für Geschichte der Antiken Welt aufgeschlagen hat. In dem Versuch alles „verständlich“ zu machen, wird der italienischsprachige Text nicht nur von gewohnten Untertiteln, sondern auch von speziellen Text-Einfügungen, die den Inhalt jeder Arie erklären, begleitet. Die neue Übersetzung des Librettos und alle russischsprachigen Texte stammen von der Dramaturgin Tatjana Belowa. Doch dieses Verfahren an sich ist ein übersättigtes und lenkt ab. Der Regisseur versteht letzten Endes auch selbst, dass es von ihm viel gibt und, indem er „in das Spiel einsteigt“, fügt er noch Texte mit einer Erzählung dessen hinzu, was im vorangegangenen Akt geschah. Und dies löst Gelächter im Saal aus.
Dennoch aber ist die neue „Idomeneo“-Inszenierung dank der multimedialen Komponente – dem virtuosen Videomapping und der Lichtgestaltung von Gleb Filschtinskij — sehr schön. Dabei sind die Dekorationen alten Lithografien nachempfunden – einfarbigen, mit Sepia ausgemalten oder entsprechend der Farbe schöner figürlicher griechischer Vasen. In ihnen ändern sich die Farbe und das Volumen. Besonders effektvoll ist das Verfahren der „fliegenden“ Kamera, die uns die Insel Kreta durch Wolken hindurch nahebringt, uns durch das städtische Forum, an Tempeln mit dorischen Säulen vorbei mitnimmt und zum Hafen bringt und schließlich durch eine Änderung des Blickwinkels als traditioneller gemalter Hintersetzer erstarrt. Dabei sind die Dekorationen grafische, mit einer einzigen Ausnahme: die Darstellung des Ungeheuers, das Kreta überfallen hat. Es beeindruckt auch das skulpturartige Haupt des Neptuns, das über den Helden schwebt – ein Zitat aus der klassischen Inszenierung von Jean-Pierre Ponnelle.
Das Theater hat ein sehr würdiges Ensemble aus Solisten des Mariinskij-Theaters aufgeboten. In der Oper Mozarts gibt es Stellen, an denen man glänzen kann – die Rezitative werden da von virtuosen Arien abgelöst. Der Tenor Alexander Michailow bewältigt redlich die Schwierigkeiten der Partie des Idomenos und ist darstellerisch überzeugend. Die Partei seines Sohns Idamante war von Mozart für einen Countertenor geschrieben worden. In der Wiener Fassung – für einen Tenor. Urteilt man anhand der Auflistung der Darsteller im Programmheft, in dem das Verhältnis von Tenören und Mezzosopranistinnen 50 zu 50 ist, hat sich das Theater bisher nicht festgelegt, welchen Weg es gehen wird. Doch in den ersten beiden Premieren-Aufführungen glänzte in der Rolle des Idamantes Darja Rossizkaja. Überhaupt sind die Frauenpartien in der Oper reich und vielfältig: Die zarte trojanische Prinzessin Ilia erschien in der Darstellung von Jekaterina Sawinkowa und Kristina Gonza, die schicksalhafte erregte Elektra – in der Darstellung von Anshelika Minassowa und Shanna Dombrowskaja. Den Vertrauten Idomeneos, Arbaca, spielte an beiden Abend Jegor Tschubakow, der Schwierigkeiten in seiner Schlüsselarie hatte. Der einzige Bass in der Oper ist die Stimme des Orakels Neptuns, die ausgezeichnet durch den erfahrenen Ilja Bannik dargeboten wurde. Am Dirigentenpult der Premiere hatte man Valerij Gergijew erwartet, doch an beiden Abenden dirigierte Gurgen Petrosjan, der die Aufführungen professionell, aber ohne eine besondere gefühlvolle Anteilnahme bewältigte.