Für die russischen Kinogänger werden die Mai-Feiertage wieder entsprechend einem schon bekannten Szenario verlaufen: Ein Großteil der ausländischen Filme inklusive lange erwarteter internationaler Premieren wird zeitweilig von den Filmleinwänden verschwinden. Vom 1. bis einschließlich 10. Mai werden die Kinos erneut zur Praxis eines „freiwilligen“ Verzichts auf einen inoffiziellen Verleih übergehen, um die Säle für einheimische Streifen zur Verfügung zu stellen. Doch wie die Statistik unerbittlich zeigt, helfen diese Maßnahmen der Branche nicht, zu einer gewinnbringenden zu werden, sondern offenbaren auch die Systemkrise, bei der die administrativen Ressourcen und Anstrengungen angesichts der Gleichgültigkeit der Kinogänger machtlos sind.
Das während der Neujahrsferien durchgespielte Szenario wird sich auch im Mai wiederholen. Vom 1. bis einschließlich 10. Mai werden Russlands Kinos keine ausländischen Neuheiten zeigen, um das Publikum nicht von einheimischen Premieren abzulenken. Der sogenannte „parallele Verleih“ wird in den für die Kinos ertragreichsten Tage auf Pause gestellt werden. Doch die Analyse der Finanzergebnisse dieser derartigen vorangegangenen Kampagnen veranlasst, die Effektivität eines solchen Protektionismus anzuzweifeln.
Eine aktuelle Untersuchung des Zentrums KG (Kommunikationsgruppe) PROGRESS, die sich auf Daten der Filmstiftung, des Kulturministeriums und des Einheitlichen automatisierten Informationssystems Russlands sowie des Internetportals Kinopoisk stützt, zeichnet ein deprimierendes Bild. Im Jahr 2025 konnten nur fünf der 41 russischen Filme, die mit massiver staatlicher (finanzieller) Unterstützung gedreht worden waren, im Verleih die Ausgaben einspielen. 88 Prozent der Streifen, für deren Herstellung fast eine Milliarde Rubel aus dem Staatshaushalt bereitgestellt worden waren, erwiesen sich als kommerzielle Flops. Und dies ist eine Tendenz (eines Verschleuderns letztlich von Steuergeldern auch der Bürger Russlands – Anmerkung der Redaktion): Im Jahr 2024 hatten von den 23 mit staatlicher Unterstützung gedrehten Filmen 78 Prozent (18 Projekte) die Kosten nicht eingespielt. Dabei stellen die Etats der größten Filmprojekte Rekorde auf, indem sie sich der 1-Milliarde-Rubel-Marke nähern bzw. sie gar übertreffen. Es entsteht der Eindruck, dass die kommerzielle Effektivität der staatlichen Unterstützung direkt proportional zum Ansteigen der Zuschüsse zurückgeht.
Die Liste der Projekte des Jahres mit den größten Verlusten sieht beeindruckend aus. Gefloppt ist der Streifen „Die böse Stadt“ (über den Mongolen-Feldzug gegen die Kiewer Rus), dem bis zur Rentabilität über 1,86 Milliarden Rubel (umgerechnet etwa 19,8 Millionen Euro) fehlten. Der vom Staat finanzierten Pleite folgen die Komödie „Ein Brief an Väterchen Frost“ (ein Minus von 1,59 Milliarden Rubel, vor dem auch die in Russland bekannte Sängerin und Schauspielerin Natalia Oreiro aus Uruguay nicht retten konnte), das Kriegsdrama „In den Listen nicht aufgeführt“ (ein Minus von 1,54 Milliarden Rubel, obgleich die Russischen Akademie der Filmkünste am Montag den in diesem Film spielenden Wladimir Maschkow als besten Nebendarsteller mit dem Filmpreis „Nika“ würdigte) und das Sport-Drama über die einstige Olympiasiegerin im Eiskunstlaufen und heutige Staatsduma-Abgeordnete Irina Rodnina (mit einem Minus von 1,50 Milliarden Rubel). Ein Sonderfall ist der Film „Kraken“, der die größten staatlichen Zuschüsse in dem entsprechenden Jahr in einem Umfang von rund 760 Millionen Rubel erhalten hatte (wobei dies nicht die einzige Finanzierungsquelle des Streifens gewesen war). Mit einem Verlust von 1,07 Milliarden Rubel fand sich dieses Science-Fiction-Drama ebenfalls unter den Top-Flops. Und dies ungeachtet dessen, dass bei der Bilanzierung des Verleihs des Jahres 2025 „Kraken“ als einer der Spitzenreiter hinsichtlich der Einnahmen ausgewiesen wurde (er gehörte zu den acht Streifen, die über eine Milliarde Rubel eingespielt hatten). Aber eine Milliarde Rubel bedeuten heute keinen kommerziellen Erfolg eines Filmprojekts. Mit Gewinnen beendeten wenige Filme den Verleih. Unter ihnen „Der Zauberer der Smaragdenstadt. Der Weg aus gelben Ziegelsteinen“ (ein Plus von 1,39 Milliarden Rubel), „Papas Töchter. Mama ist zurückgekehrt“ (ein Plus von 515 Millionen Rubel) und „Finist. Der erste Recke“ (341 Millionen). Diese Zahlen machen die Misserfolge der übrigen Streifen wohl kaum wett.
Auffällig ist auch noch eine Tendenz, eine recht banale: Es existiert eine Kluft zwischen dem, was die Filmindustrie offeriert, und dem, was das Publikum erwartet. Der Zuschauer, der anfangs bereit gewesen war, sowohl Sport-Dramen als auch pathetische patriotische Streifen sowie eine Reinkarnation des sowjetischen Filmerbes und neugestylte russische Märchen zu begrüßen, ist ganz gehörig durch diese Genre-Formen müde geworden. Die vom Leben losgelösten Märchen – sowohl die kostspielige Phantasy-Streifen als auch Komödien – exploitieren erprobte Marken („Recken“, „Flegel“, „Tscheburaschka“ usw.), bieten jedoch weder neue Themen noch aktuelle Helden an.
Das künstliche Monopol für den russischen Film und das Monopol für Themen bei der Verteilung der Zuschüsse erhöhen nicht die Qualität der Streifen. Der Zuschauer dürstet nach einem frischen, einem begabten Kino, das sich den Themen zuwendet, die ihn heute wirklich bewegen. Ein soziales Drama, qualitativ hochwertige Science-Fiction oder eine leichte Komödie, doch das Wichtigste – eine Geschichte, die mit Achtung gegenüber dem Publikum erzählt wird, aber nicht, um den Staatsbeamten (an deren Kompetenz man mitunter zweifeln möchte – Anmerkung der Redaktion) gerecht zu werden, die Budgetgelder bereitstellen. Bisher befindet sich die russische Filmindustrie in einer Falle: Bereitgestellt werden Milliarden für Projekte, die kein kommerzielles Potenzial oder die Möglichkeit, ein neues Wort in der Filmkunst zu sprechen, haben. Aber einst haben doch sogar sowjetische Filme, die unter ähnlichen Bedingungen einer Eingeschränktheit der Themen gedreht worden waren, OSCARs erhalten.
P. S.
Trotz der bisherigen großen Fehlinvestitionen staatlicher Gelder sieht der Haushalt Russlands für das laufende Jahr erneut 4,312 Milliarden Rubel für Filmprodukte vor, die das Kulturministerium vergeben wird. Und die Filmstiftung erhielt solche Subventionen im Umfang von 10,4 Milliarden Rubel (ein Plus von 200 Millionen Rubel gegenüber dem Vorjahr). Dies war jedoch am Montag bei der Zeremonie zur Verleihung der russischen NIKA-Filmpreise in einem der Moskauer Theater kein Thema. Da wurde zum Beispiel der Streifen „Der Wind“ von Regisseur Sergej Tschlijanz als bester Spielfilm des Jahres 2025 gekürt (er kommt aber erst in diesem Frühjahr in die russischen Kinos), während viele auf den Film „Der Prophet. Die Geschichte von Alexander Puschkin“ gesetzt hatten. Der auf ein Plus von 37 Millionen Rubel gekommene Film von Felix Umarow ging aber nicht gänzlich am Montagabend leer aus. Für die Filmmusik von Ryan Otter (Pseudonym des russischen Komponisten Rostislaw Pimenow) gab es einen NIKA-Preis, und als die „Entdeckung des Jahres“ wurde Umarow ausgezeichnet.