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Kann man eine Liste von Basiswerten zusammenstellen?


Russlands Vizepremier Dmitrij Tschernyschenko hat bei seinem Auftritt beim Bildungsmarathon der Gesellschaft „Snanije“ (deutsch: „Wissen“) Werte oder „richtige Orientierungspunkte“ aufgezählt, die der russischen Gesellschaft und dem ganzen Land erlauben würden, sich zuversichtlich voranzubewegen. Dies seien nach seinen Worten Kollektivismus, gegenseitige Hilfe und gegenseitige Achtung, historische Erinnerungen, eine Kontinuität der Generationen, schöpferische Arbeit und das Dienen für das Vaterland. Zu den vereinigenden Kräften rechnete Tschernyschenko gleichfalls die Wissenschaften und den Tourismus. Anders gesagt – das, wofür er selbst in der Regierung verantwortlich ist. Die Wissenschaften, die Realisierung seines Potenzials und Professionalismus, dies seinen nach seinen Worten auch Arten eines „Dienens für das Vaterland“.

In Russland werden in den letzten Jahren sehr viele Initiativen durch Verweise auf Werte untermauert, und dies, was wichtig ist zu unterstreichen, gerade auf traditionelle. Eine Beispielliste von Werten war in einem Erlass von Präsident Wladimir Putin aufgetaucht. Dabei erweitern die Staatsbeamten ständig diese Auflistung auf kreative Art und Weise, indem sie irgendetwas aus ihrer Jurisdiktion hinzufügen. Die Sache ist die, dass es in traditionellen Gesellschaften gar keinen Bedarf an solchen Verzeichnissen gibt. Alle verstehen auch so alles. Und wenn nicht, so existieren mächtige Institutionen, die bereit sind, zu jeglichem Zeitpunkt daran zu erinnern. In der Regel ist dies die Kirche oder eine hinsichtlich ihrer sozialen Funktionen analoge religiöse Organisation. Die russische Gesellschaft ist aber hinsichtlich ihrer Gewohnheiten sowie Einstellungen und Grundsätzen im Unterbewusstsein dennoch eine moderne. Daher kann man oft hören, wie Vertreter der Herrschenden den Versuch unternehmen zu formulieren, welche Werte sie im Blick haben.

Dmitrij Tschernyschenko hat allerdings zwei Basisprinzipien für die Bestimmung russischer traditioneller Werte angesprochen. Erstens ist dies der Kollektivismus. Der individuelle Ansatz im Menschen ist natürlich bedeutsam, aber noch wichtiger sei das, dass er Teil einer gewissen Einheit ist – sowohl einer räumlichen (die Menschen leben in einem Land) als auch einer zeitlichen (die Menschen haben gemeinsame historische Erinnerungen). Der Mensch könne sein Talent realisieren, seine Ambitionen und seine Interessen verfolgen, doch in erster Linie müsse er daran denken, was für einen Nutzen er dem Kollektiv bringt. So denken beispielsweise jene, die der Auffassung sind, dass ein Sportler nicht für ein anderes Land antreten dürfe, selbst wenn er aus irgendwelchen Gründen sein Heimatland nicht repräsentieren kann. Dies betrifft auch andere Tätigkeiten und Berufe. Ein Wissenschaftler, Schriftsteller, Künstler… Alle sollen an das gemeinsame Wohl denken, damit man sie nicht schräg ansieht.

Das zweite überaus wichtige Prinzip ist das Dienen für das Vaterland. Unter Vaterland müsse man der Einfachheit halber den Staat verstehen. Gerade er erfüllt in der Gesellschaft, die schon seit langem in die Gegenwart gekommen, aber gezwungen ist, mit einem Zurückschauen zu leben, die Rolle eben jener Institution für ein Interpretieren. Der Staat, die Herrschenden helfen, sich darüber Klarheit zu verschaffen, welche Werte und Verhaltensmodelle die richtigen sind und welche nicht. Genauer gesagt: Er entbindet mitunter von der eigentlichen Notwendigkeit, sich Klarheit zu verschaffen und sich zu orientieren. Am besten ist es, einfach dem Staat näher zu sein, dem Weltbild zu vertrauen, das er zeichnet, und für alles Gute dankbar zu sein, was es im Leben gibt, und zur gleichen Zeit sich hinsichtlich irgendwelcher Wohltaten einzuschränken, wenn es nötig wird.

Unter solchen Bedingungen streben die Beamten jeglicher Ebene an, ihre Tätigkeit oder den Verantwortungsbereich in einem Werte-Narrativ zu bekräftigen. Die Gesellschaft könnten gemäß ihrer Interpretation sowohl die Wissenschaft als auch der Tourismus, sowohl das Gesundheitswesen als auch die Schule, sowohl die Universität als auch die Landwirtschaft und möglicherweise sogar der Fischfang stärken. Aber der Prozess der Bestimmung der „richtigen“ Werte besitzt auch eine andere Wirkung: Er erfolgt in einer Gesellschaft, in der es nicht wenige innere Konflikte und eine Konkurrenz gibt. Es kommt eine ideologische Verpackung für Denunziationen auf – in Bezug auf einen Laden, der „nicht die Bücher“ verkauft, oder in Bezug auf einen Online-Service, der „nicht die Filme und Serien“ zeigt. Auf der Ebene des Alltagslebens ist der Staat kein Vizepremier, sondern ein kleiner Beamter, ein Polizist, ein Untersuchungsbeamter oder ein Richter. Und für sie ist eine Anklage schon eine ausreichende Interpretation.