Die regelmäßigen Befragungen der kremlnahen Stiftung „Öffentliche Meinung“ fixieren eine Zunahme der Beunruhigung der Bürger beginnend ab Mitte April. Beispielsweise hatten am 19. April 47 Prozent der Befragten mitgeteilt, dass eine besorgte Stimmung bei ihren Verwandten, Nächsten, Freunden und Bekannten dominiere. Erstmals hatte sich seit langer Zeit die Zahl solcher Menschen als eine größere als die Zahl derjenigen, die gesagt hatten, dass ihre Umgebung vorrangig ruhig sei, erwiesen. Am 26. April nahm der Anteil der Beunruhigung gleich bis auf 53 Prozent zu. Die erste Mai-Erhebung, deren Zahlen die Stiftung in der vergangenen Woche veröffentlichte, hat 50 Prozent ausgewiesen.
Womit kann dies zusammenhängen? Eine indirekte Antwort kann ein Teil der Umfrage der Stiftung „Öffentliche Meinung“ geben, der die Ereignisse der Woche betrifft. Die Befragten erinnern sich, welche in den Medien gecoverten Ereignisse sie interessierten. Mitte April nannten sieben Präzent Naturkatastrophen wie beispielsweise die Überschwemmungen in Dagestan und Tjumen. Doch dieser Anteil hat sich schrittweise verringert – bis auf 3-4 Prozent. Die Befragten bewegte ein anderes Thema mehr. In der vom 17. bis 19. April vorgenommenen Befragung erinnerte sich sechs Prozent des Beschusses russischer Territorien und der Drohnen-Attacken. Eine Woche später waren es bereits 15 Prozent. Laut Angaben der letzten Befragung wurde gerade dieses Thema für die Befragten zu dem hauptsächlichen in dem angenommenen (Themen-) Cluster „Sonderoperation“. 18 Prozent sprachen gegenüber den Mitarbeitern der Stiftung von den Drohnen-Attacken, und 16 Prozent – über Ereignisse an der Front und über das Vorrücken der russischen Truppen.
Über einen Zusammenhang zwischen der fixierten Beunruhigung der Bürger und den aktuellen Ereignissen (das Auftauchen von Drohnen, die Naturkatastrophen und die Abschaltungen des Internets in Russland) kann schwer mit Sicherheit gesprochen werden. Dies ist lediglich eine Hypothese. Die Soziologen verhalten sich diesbezüglich vorsichtig. Sie fragen die Menschen nicht, was diese konkret fürchten, weshalb sie sich Sorgen machen oder besorgt sind. Die Stiftung „Öffentliche Meinung“ gruppiert die Antworten auf die offene Frage nach den Ereignissen der Woche. Und in diesen Antworten sind Noten einer Besorgnis und Beunruhigung: „man musste in die Schule eilen, um die Kinder zu holen“, „ständig fliegen Drohnen, es herrscht ständig eine Besorgnis“, „eine Drohne kam angeflogen, ein Haus wurde zerstört“, „die Drohnen beunruhigen sehr“. Es macht Sinn zu unterstreichen: Die Menschen befragt man nicht nach Ereignissen, zu deren Augenzeugen sie geworden sind. Man befragt sie dazu, was sie im Fernsehen gesehen, was sie auf Informationsseiten im Internet gelesen haben.
Die Stimmungen in der Gesellschaft, darunter die Beunruhigung, müssen unbedingt die Politiker beunruhigen. Theoretisch kann (und müsste gar) dies den Grad der Unzufriedenheit über die Herrschenden beeinflussen. In einem System mit Wahlen mit einer wirklichen Konkurrenz muss gar nicht über solchen Einfluss herumgerätselt werden. Wenn es zu Ereignissen kommt, die die öffentliche Beunruhigung verstärken, steigen die Ratings der einen Politiker und Parteien, der anderen aber brechen ein.
In der russischen Politik ist es schwierig, solch eine Abhängigkeit auszumachen. Auf jeden Fall hilft dabei die Soziologie in dieser Sache in keiner Weise. Die Schwankungen der Ratings sind beinahe immer unerheblich. Sie mit irgendwelchen Ereignissen in Verbindungen zu bringen, ist schwierig. Oft sind dies Vermutungen und Spekulationen.
Die Stiftung „Öffentliche Meinung“ stellt den Befragten allerdings eine Frage nach dem Unmut über die Herrschenden/Offiziellen. Laut den Angaben der letzten Befragung hätten 31 Prozent in der letzten Zeit von sie umgebenden Menschen kritische Äußerungen über die Herrschenden gehört. Seit der dritten Märzdekade verringert sich dieser Anteil nicht unter die 30-Prozent-Marke. Im Jahr 2025 hatte es so etwas nicht gegeben. 27 Prozent gestehen ein, dass bei ihnen persönlich die Handlungen der Offiziellen Empörung oder Unmut ausgelöst hätten. Dies ist auch einer der höchsten Werte des Jahres. Dabei unterhalten sich allem Anschein nach die Bürger vom Prinzip her ungern mit Soziologen über die Politik und ihre Haltung zu den Herrschenden. Sie können sich hinter der angebotenen bequemen Formulierung „ich habe gehört, wie andere Menschen sagen“ verstecken. Die Befragungen, selbst die vorsichtigen, helfen, eine Beunruhigung oder gar einen schlecht verhohlenen Unmut über die Herrschenden auszumachen. Doch der Mechanismus für eine Konvertierung dieser Stimmungen in Politik funktioniert schlicht und einfach nicht. Dies kann wiederum Beunruhigung seitens der Offiziellen auslösen: Es ist unklar, wie sich öffentliche Beunruhigung offenbaren kann, wenn die bekannten klassischen Schemata nicht funktionieren und die Befragungen bedingte und oberflächliche sind.