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Noch eine Rückkehr von Andrej Swjaginzew


Bei den 79. Filmfestspielen von Cannes erfolgte die internationale Premiere des Spielfilms „Minotaur“ von Andrej Swjaginzew (am 19. Mai – Anmerkung der Redaktion). Der Streifen entstand nach einem neunjährigen Schweigen, das mit schwersten Prüfungen an der Grenze von Leben und Tod verbunden war.

An jenem für ihn wichtigen Tag sprach Swjaginzew mit Tränen in den Augen und einer zerreißenden Stimme Worte des Dankes an jene Menschen aus allen Ecken der Welt, die wider allen Umständen mit ihm diesen Streifen geschaffen hatten.

Der Titel des Films verweist auf den altgriechischen Mythos von Theseus und dessen untreue Gattin Phaidra (auch Phädra), einer Tochter des kretischen Königs Minos, und die Opferung, die die Bewohner von Athen vollziehen. Zur gleichen Zeit ist „Minotaur“ ein Remake von „Die untreue Frau“ des Klassikers des französischen Films Claude Chabrol aus dem Jahr 1969. Interessant ist, dass es auch eine amerikanische Neuverfilmung dieses Streifens gibt — „Untreu“ von Adrian Lyne, der mit Richard Gere in der Hauprolle im Jahr 2002 gedreht wurde.

Die Idee für „Minotaur“ war in den Jahren 2017-2018 gekommen, nach dem vorangegangenen Film von Andrej Swjaginzew „Loveless“, dessen Premiere auch in Cannes im Rahmen der 70. Filmfestspiele erfolgte. Endgültig hatte sie sich im Jahr 2022 ausgestaltet. Die dramatischen Ereignisse im Leben des Regisseurs, die ihm fast seine Zukunft genommen und sich nach einer COVID-Impfung abgespielt hatten, schoben die Realisierung der Idee für lange Zeit auf eine lange Bank. Swjaginzew hatte sich 40 Tage in einem Koma befunden, fast ein Jahr lang wurde er in Deutschland behandelt (bis zu 92 Prozent war nach eigenen Aussagen des Regisseurs die Lungenfunktion zerstört gewesen – Anmerkung der Redaktion). Danach folge eine lange Rehabilitierung in Frankreich. Es musste aufs Neue zu laufen gelernt werden.

Für den Regisseur ist es äußerst wichtig, dass der Film in russischer Sprache gedreht wurde. „Dies ist mein Faible, die russische Sprache. Wir waren verpflichtet gewesen, die Zeit festzuhalten“, sagte er. Dieser Film ist für ihn wie eine Schleuse, eine Übergangsetappe. Was wird weiter kommen? Wahrscheinlich ein französisch- oder englischsprachiges Projekt.

Die Dreharbeiten erfolgten in Riga. Dessen einmalige Holzbau-Architektur und die überaus späte Bebauung wurden für die Schaffung des Bildes einer russischer Stadt genutzt.

Und wieder steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit eine Familiengeschichte. Warum besteht solch ein nachhaltiges Interesse dafür? Diese Frage hat Swjaginzew mehrfach beantwortet und jetzt die Worte wiederholt, wonach gerade da der Mensch sein Wesen offenbart und so aussieht, wie er ist und nicht so, wie er bei einer Party erschien.

Gleb leitet ein großes Unternehmen. Als im Land eine Mobilmachung beginnt, gibt man ihm eine Quote zwecks Entsendung zur militärischen Sonderoperation vor (er soll 14 Angestellte für diese abstellen – Anmerkung der Redaktion). Und er denkt sich einen schlauen Zug aus, um den Stamm der wertvollen Spezialisten zu bewahren. Die Entscheidung ist eine zynische, die sich auf den ersten Blick nicht in die Vorstellung über diesen durchaus intelligenten Mann einfügt.

Parallel wird bekannt, dass die Gattin ihn betrügt. Einst hatte auch er sie betrogen. Dennoch aber übersteht er mit Mühen den ihn ereilten Schmerz. Zuerst spürt er selbst der untreuen Schönheit Galina nach. Später zieht er den Chef des Sicherheitsdienstes seines Unternehmens hinzu, um herauszufinden, mit wem ihn die Ehefrau betrogen hat.

Das von seiner Zusammensetzung her internationale Publikum im Saal amüsierte sich darüber, worüber unsere Landsleute Tränen vergossen hätten. Vor allem über die „Tragik“ des Betruhs der Gattin und einige Realitäten des russischen Lebens, in dem beispielsweise nach einem Anruf von oben die Aufklärung eines Verbrechens eingestellt wird und die Vertreter der Rechtsschutzorgane zu Mittag essen gehen.

Gleb spielte der großartige Schauspieler Dmitrij Masurow, der zu einer wahren Entdeckung wurde. Er spielt in vielen Serien, wobei er nicht sein Talent getötet hat, und hat erstmals solch eine seriöse und große Rolle erhalten. Ja und dies auch noch im Autoren-Kino. Er arbeitet mit einer dokumentarischen Präzision, lakonisch, wie es selten wer vermag.

Galina, die Ehefrau, die es gewagt hatte, ihre Rechte anzumelden, und sich von einem jungen Fotografen faszinieren ließ, spielte die Schauspielerin und Absolventin der Moskauer-Film-Schule Iris Lebedjewa. Nachdem sie 17 Jahre im Theater und Film gearbeitet hatte, verspürte sie ein Burn-out. Und in diesem Moment geschah das, wovon sie nur träumen konnte. Iris spielte emotionaler als Masurow, aber ohne ein Überziehen, mit einem richtigen inneren Zustand.

Den Fotografen Anton spielte Jurij Sawalnjuk. Interessant ist, dass zum Helden des anderen Wettbewerbsfilms „L’Inconnue“ („Die Unbekannte“) des berühmten Regisseurs und Drehbuchautors Arthur Harari („Anatomie eines Falls“ von 2023) auch ein junger Fotograf wird, der die Aufmerksamkeit auf eine Kellnerin (die Léa Seydoux spielt) lenkt, als die Geschirr zu Bruch gehen lässt. Aber dies ist eine Geschichte über etwas anderes, obgleich sie auch von Metamorphosen und Wesensformen ein und desselben Menschen erzählt.

Andrej Swjaginzew erzählte in Cannes, wie er Darsteller in Argentinien, in der Republik Südafrika und Russland gesucht, wie er erstmals deren eigenen Filmproben, denen er zuvor skeptisch gegenüber gestanden hatte, nutzte. Mehrere Schauspieler, die zu ihm aus Moskau nach Lettland gekommen waren, wagten es nicht, an den Dreharbeiten teilzunehmen: Auf der Leinwand gibt es viele interessante neue Gesichter, hervorragende episodische Rollen. Entdeckungen wird es viele geben. Zum Beispiel war es angenehm gewesen, Wladimir Fridman, einen Absolventen des GITIS (Staatliches Institut für Theaterkunst, heute: Russische Akademie für Theaterkunst – Anmerkung der Redaktion), zu sehen, der seit Beginn der 1990er in Israel lebt und in „Minotaur“ eine große Führungskraft, die den Willen der übergeordneten Führung weitergibt, spielte.

Gedreht hat den Film der Kameramann Michail Kritschman, der mit Swjaginzew seit den Zeiten dessen Debüt-Streifens „Die Rückkehr“ (2003) zusammenarbeitet. Production-Designer Andrej Ponkratow ist auch aus dem Stamm dessen Teams. Wie auch die Komponisten Jewgenij und Sascha Galperin.

Ja, und das Drehbuch ist erstmals von Semjon Ljaschenko (gemeinsam mit Swjaginzew) geschrieben worden, der zuvor mit dem Regisseur nur an Büchern und Artikeln gearbeitet hatte. Semjon hat vor neun Jahren Swjaginzew einen Brief geschrieben, in dem er seine Begeisterung darüber zum Ausdruck gebracht hatte, wie respektvoll dieser mit den Menschen umgehe und Meisterklassen durchführe. Die Antwort kam nach anderthalb Jahren, dafür aber mit dem Angebot, gemeinsam an dem Drehbuch zu arbeiten.

Für Swjaginzew war es wichtig, die Zeit festzuhalten. Und er hat dies ruhig, nicht aggressiv getan, wobei er sich in Details vertiefte, und er hat den Nerv der Menschen, die im Saal sitzen, getroffen. Wobei es unwichtig ist, wo sie leben. Es gibt generelle menschliche Probleme.

Das Filmfestival von Cannes hat Andrej Swjaginzew als eines der wichtigsten Ereignisse seines Lebens in den letzten neun Jahren bezeichnet. Er schaffte es, in den Beruf zurückzukehren, und hat bewiesen, dass er ein großer Regisseur bleibt. Es gibt allen Grund zur Annahme, dass der Hauptpreis des Festivals in diesem Jahr an ihn gehen wird. Die vorangegangenen Filme hatten Cannes nicht ohne Preise verlassen.

P. S.

Zehn Minuten Ovationen erlebte der neue Film des inzwischen 62jährigen Andrej Swjaginzew nach seiner Uraufführung. Stephanie Bunbury vom Nachrichtenportal „Deadline“ schrieb über den zwei Stunden und 20 Minuten langen Thriller über russische Korruption, dass er eine Meisterleistung an Regie-Disziplin und generell eine große Arbeit sei. Andere westliche Kritiker wie beispielsweise von „Variety“ schrieben, dass der Reaktion des Premierenpublikums nach der Streifen ein ernsthafter Anwärter auf den Hauptpreis von Cannes, die Goldene Palme, sei.

Minotaur“ wurde von MK Production, dem Produktionsarm von MK2 Films und Charles Gilliberts Firma CG Cinéma in Zusammenarbeit mit Regisseur und Drehbuchautor Swjaginzew produziert. Koproduzenten waren die deutsche Gesellschaft Razor Film und Forma Pro Films aus Lettland. Finanziell unterstützt wurde das Projekt von ZDF und Arte sowie der Deutsch-Französischen Förderkommission (Produktionsförderung in Höhe von 280.000 Euro) und der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig Holstein (100.000 Euro).