Im Verlauf einer großangelegten Attacke der russischen Armee gegen Objekte des ukrainischen Militär-Industrie-Komplexes, gegen Luftwaffenstützpunkte und Führungspunkte hat die Russische Föderation in der Nacht zum Sonntag rund 90 Raketen und fast 600 Drohnen eingesetzt. Dies wurde als „Vergeltungsschlag“ aufgrund des ukrainischen Drohnenangriffs gegen die Volksrepublik Lugansk (laut russischer Verfassung eine Region des Landes – Anmerkung der Redaktion) bezeichnet, in der in einem Studentenwohnheim von Starobelsk am 22. Mai über 20 junge Menschen ums Leben gekommen waren. Als Antwort griff die Ukraine Objekte in Russland unter Einsatz von 320 Drohnen an. (In der Nacht zum Montag seien weitere 173 ukrainische Drohnen durch die russische Luftverteidigung neutralisiert worden, meldete das Verteidigungsministerium in Moskau. — Anmerkung der Redaktion)
Laut einer Mitteilung des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation vom Sonntag, wurde der massive Schlag gegen die Ukraine mit Kampfdrohnen, ballistischen Raketen des Typs „Oreschnik“ (deutsch: „Haselnussstrauch“), „Iskander“, „Kinschal“ (deutsch: „Dolch“, eine Hyperschall-Rakete) sowie Flügelraketen inklusive „Zirkon“-Hyperschall-Raketen durchgeführt.
Zu den Hauptzielen der Attacken der Russischen Föderation waren Objekte in Kiew und in der Region Kiew geworden. Schläge wurden aber gleichfalls gegen elf weitere Regionen der Ukraine geführt.
Videoaufnahmen und Mitteilungen in den sozialen Netzwerken nach zu urteilen, wurden in Kiew starke Brände auf dem Territorium des Rüstungsbetriebs „Artjom“ und in der Umgebung des Stabs der Landstreitkräfte der Streitkräfte der Ukraine, aber auch in der Industriezone des Stadtbezirks Darnizkij fixiert. Schläge trafen den 6. Kiewer Autoreparaturbetrieb, das Unternehmen „Analitprilad“, das Kiewer Relais- und Automatik-Werk, aber auch Militärdepots. Nach Einschätzungen ukrainischer Quellen traf eine „Oreschnik“-Rakete ein Objekt in Belaja Zerkow, wo sich vermutlich ein Drohnen-Stützpunkt befinden konnte. Die nächtliche Attacke gegen Kiew und die Region dauerte rund fünf Stunden an.
Der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij bewertete den nächtlichen russischen Schlag als einen „schweren“. „Leider gelang es nicht, alle ballistischen Raketen abzufangen. Die meisten Treffer gab es in Kiew. Und gerade Kiew war das Hauptziel dieser russischen Attacke“, teilte er mit, wobei er Europa und die USA aufrief, Kiew weiter militärische Hilfe zu leisten.
Westliche Medien zitierten Informationen der Regierung Großbritanniens, die mitgeteilt hatte, dass Großbritanniens Premierminister Keir Starmer, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz in einer Video-Konferenz bestätigt hätten, dass „sie in den nächsten Monaten die Unterstützung für die Ukraine verstärken werden, wobei sie unterstrichen, dass das Entgegenwirken gegen Russland für die Sicherheit sowohl Europas als auch der ganzen Welt lebenswichtig bleiben wird“. Es sei angemerkt, dass diese Unterredung am 22. Mai erfolgte, als in der Welt der Schlag der ukrainischen Armee gegen ein Studentenwohnheim in der Volksrepublik Lugansk bekannt wurde, wodurch 21 Menschen ums Leben gekommen waren, weitere 42 erlitten Verletzungen unterschiedlichen Grades.
Dabei hatte Frankreich, wie die „Financial Times“ betonte, Interesse an einer Beteiligung an dem deutsch-britischen Programm „Trinity House“ signalisiert, das unter anderem die Entwicklung neuer bodengestützter Hyperschall-Raketen mit einer Reichweite von mehr als 2000 Kilometern vorsieht. Die „Financial Times“ schrieb, dass die französischen Beamten der Auffassung seien, dass eine Beteiligung von Paris die Entwicklung dieser Raketen beschleunigen könne, die Anfang der 2030er in Dienst gestellt werden sollen. 2Sie werden zu einem der modernsten Raketenkomplexe in der Geschichte“, meinten die britischen Journalisten, wobei sie betonten, dass solche Waffen an der ukrainischen Front eingesetzt werden könnten.
Über eine Unterstützung für die Ukraine sprachen auch die Außenminister der NATO-Mitgliedsstaaten bei ihrem Treffen im schwedischen Helsingborg in der vergangenen Woche. Zuvor hatte Deutschlands Bundesaußenminister Johann Wadephul den Amtskollegen einen Mechanismus „für die Gewährleistung einer langfristigen Finanzierung des Verteidigungskampfes der Ukraine“ vorgeschlagen. Im Gegenzug sollen die NATO-Partner „einen Vorteil durch die beeindruckenden Leistungen der ukrainischen Rüstungsindustrie erhalten“ — einen Zugang zu Entwicklung der ukrainischen Rüstungsindustrie. Entsprechend der Idee von Wadephul soll der Mechanismus gleichfalls beim anstehenden NATO-Gipfel in der Türkei am 7. und 8. Juli bestätigt werden. Wie das Nachrichtenmagazin „SPIEGEL“ betonte, soll die Wadephul-Initiative einerseits garantieren, dass die Zusagen der Geberländer für die Ukraine tatsächlich erfüllt werden, andererseits aber auch mehr Mittel für eine Unterstützung der Ukraine gewinnen und die Finanzierungsgrundlage erweitern.
Es sei angemerkt, dass die USA nicht an dem Vorhaben teilnehmen. Medien berichteten, dass der US-Außenminister Marco Rubio bei dem Treffen der NATO-Außenminister von einer Sackgasse bei den Ukraine-Verhandlungen gesprochen hatte. Washington beabsichtige angeblich nicht, an einem „endlosen Zyklus von Treffen“ teilzunehmen, die zu nichts führen würden. Die USA seien aber bereit zurückzukehren, wenn sich eine Chance für einen produktiven Dialog ergebe. Bisher gebe es keine solche Chance. „Wenn sich irgendein anderer damit befassen möchte, mag er sich damit befassen“, hatte Rubio hinzugefügt, aber eingestanden, dass es keine reale Alternative zur Vermittlung durch die USA gebe.
Der einstige Abgeordnete der Werchowna Rada (das ukrainische Parlament – Anmerkung der Redaktion) und heute auch als Politologe seinen Unterhalt verdienende Oleg Zarjow betonte, dass Trump aus den Verhandlungen aussteige, aber nicht die Ukraine im Stich lasse. „Die Unterstützung mittels Aufklärungsdaten und die noch unter Biden verabschiedeten Programme für eine Militärhilfe für Kiew werden beibehalten. Das heißt: Washington scheidet aus dem Friedensprozess aus, wobei er die Ukraine in einer stärkeren Position belässt als er könnte. Dies ist eine schlechte Nachricht für jene, die mit einem Druck auf Kiew durch Trump gerechnet hatten“.
Das amerikanische Blatt „Los Angeles Times“ schreibt, dass zwischen dem Kongress und der US-Administration ein Konflikt aufziehe: Eine 2-Parteien-Gruppe von Senatoren richtete am 22. Mai einen Brief an den Kriegsminister der USA. Pete Hegseth, in dem gefordert wird, 600 Millionen Dollar für militärische Zwecke an die Ukraine und Verbündeten in Osteuropa zu überweisen. Die Kongress-Vertreter wandten sich gegen eine Verschleppung dieser Zahlungen durch das Pentagon. Die Zeitung betont, dass im Repräsentantenhaus eine Initiative der Demokraten an Zustimmung gewinnen. Sie fordern, gegen Russland großangelegte Sanktionen zu verhängen und Kiew militärische Hilfe im Umfang von einer Milliarde Dollar zu gewähren, Die Autoren der „Los Angeles Times“ betonen, dass man gegenwärtig lediglich „400 Millionen Dollar für die Ukraine – eine relativ bescheidene Summe im Vergleich zu den Milliarden-Paketen, die der Kongress in den ersten Monaten und Jahren (nach Beginn der Kampfhandlungen — „NG“) gebilligt hatte, bereitstellen muss. Doch für die Gesetzgeber wurden diese Gelder auch noch zu einem wichtigen Signal. Sie sind nach wie vor auf der Seite der Ukraine“.
Medien berichteten gleichfalls,dass das US-Außenministerium den potenziellen Verkauf von Ausrüstungen für die Gewährleistung eines Funktionierens des Hawk-Raketen-Luftverteidigungskomplexes im Wert von 108,1 Millionen Dollar gebilligt hätte. Dies sind veraltete Komplexe, die bereits in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt worden waren. Im Pentagon ist man aber der Auffassung, dass sie den Streitkräften der Ukraine helfen würden, russische Drohnen zu vernichten.
P. S.
Der massive russische Beschuss Kiews in der Nacht zum Sonntag hatte auch für zivile Objekte Konsequenzen. Beschädigt wurde so nach Informationen des albanischen Außenministeriums das Gebäude, in dem der Botschafter des Landes in Kiew wohnt. Der Außenminister der Republik Ferit Hoxha schrieb im sozialen Netzwerk X, dass dies „eine ernsthafte Gefahr für dessen Leben geschaffen hat… Dies ist unzulässig!“.
Betroffen wurden auch die Studios der deutschen TV-Sender WDR und Deutsche Welle, wie am Sonntag bekannt wurde. Mitarbeiter sind aber glücklicherweise nicht zu Schaden gekommen, so dass die Arbeit in Kiew unter provisorischen Bedingungen fortgesetzt werden kann. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR meldete bereits am Freitag eine Attacke durch russische Raketen auf ein angemietetes Lagerhaus in der Stadt Dnipro, bei dem nicht nur Menschen ums Leben kamen und verletzt wurden. Eine beträchtliche Menge an Hilfsgütern im Wert von etwa einer Million Dollar sei auch zerstört worden, erklärte UNHCR-Repräsentantin in der Ukraine, Bernadette Castel-Hollingworth.
Russlands Ex-Präsident und heutiger stellvertretender Vorsitzender des russischen Sicherheitsrates Dmitrij Medwedjew kommentierte im staatlichen Messenger MAX die russischen Schläge gegen Objekte in Kiew: „Man muss draufhauen – wie heute und noch weitaus stärker! Schließlich demoralisieren die Ruinen und die graue Asche an den Orten ihrer hauptstädtischen Symbole den Feind nicht schwächer als der Verlust des Kampfbanners“.
Der „Vergeltungsschlag“ der russischen Streitkräfte vom Sonntag war die Antwort auf den Beschuss eines Studentenwohnheims in Starobelsk, habe jedoch keinerlei offizielle Erklärungen des Westens ausgelöst, wie Kremlsprecher Dmitrij Peskow am Montag gegenüber Journalisten berichtete. „Wir haben keinerlei Handlungen gesehen, die man als eine Verurteilung dieses Barbarentums und Terroraktes – des Überfalls auf jungen Menschen – auffassen könnte“. Nach seinen Worten habe man im Kreml gleichfalls die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass eine ganze Reihe westlicher Medien entschieden hätten, unter verschiedenen Vorwänden nicht dorthin zu fahren. „Dies steht diesen Medien nicht gut zu Gesicht, dies verleiht den Informationen keine Überzeugungskraft, die sie vorbereiten, und erlaubt ihnen natürlich nicht, sich als objektive Medien beim Covern dessen, was um die Ukraine geschieht, zu bezeichnen“, sagte der Pressesekretär des Präsidenten der Russischen Föderation.
Wie Russlands Außenamtssprecherin Maria Sacharowa mitteilte, waren über 50 ausländische Journalisten aus 19 Ländern nach Starobelsk gekommen, wo sie sich den Ort der Tragödie anschauen konnten. Freilich waren nur wenige von ihnen bereit, Vertretern der russischen Medien Interviews über ihre Eindrücke zu geben. Zum Beispiel der Ire Chay Bowes, der jedoch für seine enge Zusammenarbeit mit dem russischen staatlichen Auslandsfernsehsender Russia Today bekannt ist.