Vor dem Hintergrund der Vorbereitung massiver Schläge gegen die ukrainische Hauptstadt durch Moskau beabsichtigt Kiew, die Attacken gegen Objekte in der Tiefe der Russischen Föderation zu verstärken. Experten verweisen in den Hinterlandgebieten der russischen Gruppierungen in den Verwaltungsgebieten Saporoschje und Cherson sowie im Donbass und auf der Krim auf eine zugenommene Aktivität ukrainischer Drohnen, die versuchen, die Wege für eine Versorgung der Militärs der Russischen Föderation zu lähmen. Westliche Politiker und Experten prognostizieren eine Eskalation des Konflikts unter Berücksichtigung dessen, dass Moskau die Entschlossenheit demonstriert, in Kiew „gegen Zentren für das Treffen von Entscheidungen“ Schläge zu führen.
Die Ernsthaftigkeit seiner Absichten hat Moskau deutlich gemacht, indem es die USA und die sich in Kiew befindlichen Botschaften ausländischer Staaten warnte (siehe https://ngdeutschland.de/russlands-ausenministerium-forderte-erneut-zum-verlassen-der-ukrainischen-hauptstadt-auf/). Die Sprecherin der Europäischen Kommission Anitta Hipper erklärte am Dienstag, dass die EU ihre Vertreter aus Kiew nicht evakuieren werde. Die Erklärung des russischen Außenministeriums mit dem entsprechenden Appell bezeichnete sie als eine inakzeptable Eskalation.
Was konkret die Streitkräfte der Russischen Föderation in Kiew neben Militärobjekten und Rüstungsbetrieben vernichten wollen, erläuterte der Vorsitzende des Staatsduma-Ausschusses für Verteidigung Andrej Kartapolow (Kremlpartei „Einiges Russland). Er erklärte, dass die Gebäude der Werchowna Rada (das Parlament der Ukraine) und des Offices des Präsidenten der Ukraine nicht zu den „Zentren für das Treffen von Entscheidungen“ gehören würden, unter anderem weil beispielsweise Selenskij angeblich nicht in seinem Office auftauche. „Er sitzt in einem Bunker“. Und im Office seien nur „zwei Wachbeamte und fünf Putzfrauen“, erklärte Kartopolow (der damit wohl Ironie und Sarkasmus demonstrieren wollte – Anmerkung der Redaktion), wobei er betonte: „Unter Zentren für das Treffen von Entscheidungen werden vertiefte und geschützte Führungspunkte der Streitkräfte der Ukraine, deren Truppen, Verbände und möglicherweise anderer bewaffneter Strukturen und darunter auch Strukturen der staatlichen Verwaltung verstanden. Man muss aber verstehen, dass sie sich nicht im Zentrum von Kiew befinden. Dies sind verdeckte, gut befestigte Punkte. Und es ist unsere Aufgabe, sie zu ermitteln und mithilfe der existierenden Waffen zu öffnen“.
Wie der Militärexperte und Generalleutnant im Ruhestand Jurij Netkatschjow der „NG“ sagte, habe die russische Armee effektive spezielle Waffen und Munition sowie Systeme für ein Treffen der vertieften Führungspunkte des Gegners. „Sie sind bereits im Verlauf der (militärischen) Sonderoperation eingesetzt worden. Es ist die Zeit für Schläge mit ihnen gegen Bunker in Kiew an sich gekommen“, sagte der Experte. Er betonte, dass viele solcher Waffen geheime seien, aber in aller Munde seien die Schläge mit den russischen Hyperschall-Raketen „Kinschal“ (deutsch: „Dolch“), die bereits in den Bergen von Transkarpatien versteckte Depots der ukrainischen Streitkräfte getroffen hätten. Gegen unterirdische Objekte der Ukraine seien Raketen mit einem verstärkten Gefechtskopf eingesetzt worden, die durch Besatzungen des operativ-taktischen Raketenkomplexes „Iskander“ abgefeuert worden seien. Berichtet wurde gleichfalls über die große Fähigkeit des neuen Hyperschall-Komplexes „Oreschnik“ (deutsch: „Haselnussstrauch“), große Erdschichten zu durchschlagen und Betonbunker zu treffen. „Alle genannten Komplexe können nukleare Gefechtsköpfe haben, die im Falle des Treffens einer politischen Entscheidung bei präzisen Aufklärungsdaten über den Standort eines Bunkers und einer exakten Zielausrichtung diesen mit einer großen Wahrscheinlichkeit treffen können“, betonte Netkatschjow.
Nach Meinung von Netkatschjow sei jetzt ein sehr geeigneter Moment für Attacken gegen „Zentren für das Treffen von Entscheidungen“, da den Streitkräften der Ukraine praktisch keine Luftabwehrmittel (vor allem amerikanische Raketen zu den „Patriot“-Komplexen) geblieben seien, um sie zu sichern. Diese Worte bestätigte indirekt der Berater des ukrainischen Verteidigungsministers Sergej Beskrestnow. Er erklärte, dass während des Schlages vom 24. Mai gerade russische Raketen der Ukraine die Hauptverluste zugefügt hätten, „da deren Anzahl die Möglichkeiten der vorhandenen Ressourcen der Luftverteidigung überschritten hatte“.
Die Ukraine plant aber, den Widerstand fortzusetzen. Neben der massenhaften Herstellung von Drohnen für die Luftverteidigung werden im Land die Entwicklungen für Luftabwehrraketen fortgesetzt, die die amerikanischen „Patriot“-Systeme ersetzen sollen. Wie der Gründer und Chefkonstrukteur des Unternehmens „Fire Point“ Denis Shtilerman betonte, würden dies billige Systeme, analog zu den „Patriot“-Raketen sein, die in der Lage seien, ballistische Raketen abzuschießen. Nach Aussagen von Shtilerman könne bei einer günstigsten Entwicklung der Ereignisse das neue Luftabwehrsystem seine Arbeit bereits zum Jahresende demonstrieren. Wie Netkatschjow vermutet, werde sich die Russische Föderation bis zu diesem Moment bereits bemühen, alle wichtigen Ziele in der Ukraine zu vernichten.
Die ukrainische Führung stellt ihren Militärs die Aufgabe, die Anzahl der Schläge gegen Russland zu erhöhen. Der bereits erwähnte Shtilerman teilte dieser Tage mit, dass die massenhaft gefertigte FP-2-Drohne nach einer Modernisierung einen größeren Gefechtsteil mit einer Masse von 200 Kilogramm und einer Reichweite von bis zu 370 Kilometern erhalten hätte. Dabei würden die Motoren für diese Drohnen bereits in der Ukraine gefertigt werden.
Die FP-2-Drohnen und die amerikanischen Drohnen vom Typ „Hornet“ führen derzeit systematisch Schläge gegen das Hinterland der Gruppierungen der Verwaltungsgebiete Saporoschje und Cherson sowie im Donbass und auf der Krim. Der Telegram-Kanal „Rybar“ schrieb direkt darüber, dass „sich in den südlichen Regionen Russlands die Lage auf eine immer bedrohlichere Art und Weise gestaltet“. Die ukrainischen Militärs hätte seit Beginn des Mais die Anzahl der Drohnen-Schläge gegen Transportmittel, die Frachtgut in die Verwaltungsgebiete Saporoschje und Cherson sowie auf die Krim bringen, erheblich verstärkt, was zum Entstehen der Gefahr eines Mangels an einigen Waren auf der Halbinsel geführt habe. Und Kraftstoff werde bereits angeblich nicht selten mit Einschränkungen verkauft. Die Autoren des „Rybar“-Kanals ziehen die Schlussfolgerung, dass „die Schläge gegen die Frachtgut-Transporter auf der Halbinsel direkt die Gefechtsmöglichkeiten der Streitkräfte der Russischen Föderation an südlichen Fronten beeinflussen“. Dabei nehmen Experten an, dass die Streitkräfte der Ukraine eine großangelegte Gegenoffensive vorbereiten könnten, um einen Frontdurchbruch zu erreichen und Energodar und das AKW Saporoschje in Besitz zu nehmen.