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Das größte Mädchen, das in der UdSSR geboren wurde


Bei den jüngst zu Ende gegangenen 79. Filmfestspielen von Cannes erlebte der Film „Ulja“ über die größte Basketballspielerin der UdSSR Uljana Semjonowa seine internationale Premiere. Der Streifen nahm am zweitwichtigsten Wettbewerbsprogramm „Un Certain Regard“ (deutsch: „Ein gewisser Blick“) teil. Für Lettland war dies nach dem Erfolg des Animationsfilms „Flow“ von Gints Zilbalodis in Cannes 2024 und danach bei den Golden Globe Awards und der Oscar-Verleihung im Jahr 2025 ein wahrer Durchbruch.

Der Regisseur von „Ulja“ Viestur Kairish (Viesturs Kairišs) wurde in der UdSSR geboren und weiß gut um die Realitäten der Sowjetzeit. Er dreht Dokumentar- und Spielfilme, arbeitet im Theater und inszenierte einst „Eugen Onegin“ von Pjotr Tschaikowskij in der Lettischen Oper. Der Streifen ist ein Schwarzweiß-Film, der entsprechend dem sowjetischen Film stilisiert und auf „Sveta“-Filmmaterial gedreht wurde. Gedreht hat ihn der bekannte polnische Kameramann Wojtek Staron. Für viele ist ungewohnt und schwierig, auf das kleine Leinwandquadrat zu schauen. Es kann eine gewisse Zeit reizen, solange du dich nicht an dieses gewöhnst, und wird zu einer Prüfung für jene, die in Cannes schönes Kino auf einer großen Leinwand sehen wollen. Der Film ist hauptsächlich in russischer Sprache gedreht worden, die Handlung spielt in der Sowjetzeit, in der Mitte der 1960er. Die Hauptheldin – Uljana Semjonowa – hatte ein nicht einfaches Leben gelebt, wobei sie zweimalige Olympiasiegerin sowie mehrfache Welt- und Europameisterin als Mitglied der Nationalmannschaft der UdSSR geworden war. Und nicht nur weil der große bzw. Hochleistungssport Prüfungen und Gesundheitsprobleme mit sich bringt. All dies bleibt außerhalb des Streifens. Der Film berührt das, was davor gewesen war – die Jugendzeit, die in einem Dorf in einer Familie Altgläubiger verbracht wurde, den Umzug nach Riga und die ersten Wettkämpfe.

Uljana war von sehr hohem Körperwuchs – zwei Meter und zehn Zentimeter. Solche Jungs waren nicht zu finden, und da noch solch ein Mädchen. Sie war wie Gulliver inmitten von Liliputs und daher zu Einsamkeit verurteilt. Sie hatte keine Freundinnen. Neben ihr waren nur die Mutter und der Vater, gewöhnliche, keine großen Menschen. Ja und noch ein jüngerer Bruder, genau solch ein gewöhnlicher Junge. Nur Uljana als ein Felsblock, als eine Geisel ihres Wuchses, eine tapsige, verklemmte, mit maskulinen Gesichtszügen. Geboren wurde sie 1952, sie wuchs schnell. Und bis zum 13. Lebensjahr hatte sie eine Körpergröße von 190 Zentimetern. Die Mutter bringt sie zu einem Arzt. Dort misst man ihre Körpergröße. Die Zuschauer im Saal lachen. Und der Arzt interessiert sich, ob denn das Mädchen (schon) ihre Tage habe.

Es ist unbekannt, wie sich ihr Leben gestaltet hätte, wenn nicht in ihrem Haus der Journalist Pawel aufgetaucht wäre. Dank ihm erfuhren die Trainer einer Basketballmannschaft von dem Mädchen. Doch hatte es Zeit gebraucht, um die Eltern und Ulja an sich davon zu überzeugen, dass sie nach Riga gehen müsse. Besonders widersetzt sich die Mutter, die Tschulpan Chamatowa (eine russische Schauspielerin, die nach Beginn der militärischen Sonderoperation Russlands in der Ukraine das Land verließ und sich im März 2022 in Lettland niederließ – Anmerkung der Redaktion) spielte. Für sie ist es schade, ihr Kind ins Unbekannte zu entlassen. Die Mutter redet so, als ob sie buchstäblich Steine im Mund hätte. Doch Pawel spricht Worte, die augenblicklich eines Besseren belehren: zur Vernunft: „Ulja wächst, wird zu einer Frau und wird in Riga für sich einen Jungen ihrer Größe finden“. „Sie aber werden sterben“. Dieses Argument wird zum letzten.

Ulja bricht ins Ungewisse in einem Auto, wobei sie mit Kopf an den Dachhimmel stößt, Sie ist so eine große, in der Seele aber ein verletzbares Kind. Das neue Leben ist ihr schwer gefallen. Sie war nach wie vor einsam und allein. Zufällige Menschen betrachteten sie wie ein Tier im Zoo. In der Sporthalle war Ulja eine ungeschickte, lernte von null an Basketball zu spielen. Aber schon bald lenkt man auch aus dem Leningrader Klub „Spartak“ die Aufmerksamkeit auf sie, beginnt sie abzuwerben, wobei man sie mit einem Umzug der ganzen Familie in eine große Leningrader Wohnung lockt. Eine ganze Wohnung und unsere – dies beeindruckt sogar die vorsichtige Mutter Uljas.

Alle Mittel erweisen sich als gute. Zu der perspektivreichen Basketballspielerin schickt der gewiefte Leningrader sogar einen Kavalier, der beginnt, ihr schön den Hof zu machen und Gedichte vorzutragen. Und Ulja schenkt im Glauben, beginnt, sich an ihn zu gewöhnen, solange sie nicht begreift, dass er verheiratet ist, ein Kind hat und einfach geschickt wurde, um sie zu verführen. Allmählich schmilzt das Eis, und die anderen Mädchen aus der Rigaer Mannschaft werden schon nicht mehr so hart gegen Ulja sein, beginnen aufrichtig zu helfen.

Doch das Ungewöhnlichste in dieser Geschichte ist, wer denn die Hauptrolle spielte. Wie konnte man eine Schauspielerin solch einer Körpergröße finden, wenn es sogar keine solchen Sportlerinnen gibt? Es fand sich aber ein Schauspieler. Ulja spielte der 29jährige Kārlis Arnolds Avots. Und es stellt sich heraus, dass die Idee für den Film von ihm stammte. Er wurde auch zu Koautor des Drehbuchs. Kārlis ist nicht nur in Lettland ein popärer Schauspieler. Vor einiger Zeit stellte er auch beim Berliner Filmfestival die TV-Serie „Soviet Jeans“ vor (im Rahmen der Series Market Selects – Anmerkung der Redaktion). Er stand gleichfalls im Film „Januar“ (aus dem Jahr 2022 und in der Regie von Viesturs Kairišs – Anmerkung der Redaktion) vor der Kamera, der von Lettland für einen Oscar nominiert wurde. Und er nimmt bereits an internationalen Projekten mit amerikanischen Stars, solchen wie Catherine Zeta-Jones teil. Wichtig in dieser Geschichte ist auch dies, dass Kārlis in einer sportlichen Familie aufgewachsen ist, sich seit frühen Jahren mit Rugby, Basketball und Fechten beschäftigt. Sien Vater ist Handballer und Torwart, die Mutter – Leichtathletiktrainerin. Und obgleich ihr Sohn zur Rugby-Auswahl Lettlands gehörte, beginn er, an der Schauspielfakultät der Lettischen Kulturakademie zu studieren. Bis zur Körpergröße seiner Heldin fehlen Kārlis 13 Zentimeter, doch im Kino ist dies bereits nicht so wesentlich.

Er arbeitet ohne eine besondere psychologische Nuancierung, zeigt die Gemütsbewegungen Streifen vergrößert und sparsam. Kārlis schaffte es, Uljana Semjonowa kennenzulernen, seit der Jugendzeit hatte er sie beobachtet. Im Jahr 2022 amputierte man ihr ein Bein. Sie musste sich an eine Prothese gewöhnen und in einem Rollstuhl bewegen. Uljana Semjonowa verstarb am 6. Januar 2026, ohne die Premiere zu erleben. Sie hatte das ganze Leben in Lettland gelebt und wurde in Riga beigesetzt. Erstaunlich ist, dass in unserer Zeit, in der man die ganze Zeit von einer Ausmerzung der russischen Sprache in Lettland spricht, dort solch ein Streifen gedreht wurde. Er endet mit Fotos, auf denen die reale Uljana Semjonowa zu sehen ist, die sich in keinerlei Rahmen eingefügt hatte und so auch allein geblieben war.

P. S.

In Cannes war auch der Film „Minotaur“ von Andrej Swjaginzew erfolgreich (https://ngdeutschland.de/noch-eine-ruckkehr-von-andrej-swjaginzew/). Er erhielt die zweitwichtigste Auszeichnung der 79. Filmfestspiele, den Großen Preis der Jury. In seiner Rede während der Preisverleihung rief Swjaginzew Russlands Präsidenten Wladimir Putin auf, den Krieg in der Ukraine zu beenden. „Ich möchte mich jetzt an einen Mann wenden. Er nutzt nicht das Internet. Er hat kein VPN. Die ganze Welt träumt nur von einem, dass auf beiden Seiten der Frontlinie die unzähligen Morde von Menschen aufhören. Und der einzige Mensch, der diesen Fleischwolf stoppen kann, sind Sie, Herr Präsident der Russischen Föderation. Beenden Sie endlich dieses Gemetzel“, sagte der Regisseur.

In Moskau hat man unterschiedlich auf den Erfolg des russischen Filmemachers reagiert. Bezeichnend dabei ist wohl das Echo aus dem Kreml. Der Pressesekretär des russischen Präsidenten, Dmitrij Peskow, äußerte am Montag, dem 25. Mai die Überzeugung, dass der Regisseur Andrej Swjaginzew kein Recht habe, sich hinsichtlich des gegenwärtigen militärischen Konflikts in der Ukraine zu äußern, da er früher nicht die Handlungen Kiews in Bezug auf den Donbass verurteilt hätte.

Ich schicke mich nicht an, die künstlerischen Qualitäten von Swjaginzew zu beurteilen und habe nicht seinen neuen Film gesehen, der einen Preis des Festivals von Cannes errungen hat. Für mich ist nur wichtig, dass Swjaginzew nie das blutige Gemetzel verurteilte, dass das Kiewer Regime im Donbass beginnend ab 2014 angerichtet hatte, als der Krieg anfing“, zitierte die russische Nachrichtenagentur Interfax Peskow, der sich gegenüber Journalisten zu dem Appell von Swjaginzew an den Präsidenten der Russischen Föderation, die Kampfhandlungen in der Ukraine zu stoppen, geäußert hatte. „Ja, wenn er dies damals getan hätte, hätte er sicherlich das Recht dazu. Jetzt aber hat er kein solches Recht“, fügte Peskow hinzu und erklärte, dass er Putin nicht den Appell von Swjaginzew übermitteln werde. „Ich denke nicht, dass dies irgendwer tun wird“, meinte er.