Die Londoner Zeitung „The Guardian“ hat eine Liste der 100 besten Romane, die je in englischer Sprache erschienen sind, veröffentlicht. Das Blatt hatte über 170 Schriftsteller, Kritiker und Philologen – von Salman Rushdie bis Steven King – befragt. Auf dem ersten Platz ist George Eliot, auf dem sechsten – Lew Tolstoi. Der sechste Platz von Lew Tolstoi ist ein ehrenvoller und sogar ein sehr ehrenvoller Platz. Unterlegen war Lew Nikolajewitsch vom Wesen her nur (James) Joyce und Marcel Proust, was, geben Sie zu, überhaupt nicht beschämend ist. Unseren Klassiker haben noch die erwähnte George Eliot, Virginia Woolf und Tony Morrison hinter sich gelassen. Aber es macht keinen Sinn, darüber im Jahrhundert des im Westen triumphierenden Feminismus ins Staunen zu geraten. Ja, George Eliot ist eine Frau, Mary Ann Evans (1819-1880), die unter dem männlichen Pseudonym geschrieben hatte (wie auch zum Beispiel die Französin Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil, die unter dem Namen George Sand geschrieben hatte). Eine begabte Schriftstellerin und Lyrikerin. Durachaus würdig ist auch Virginia Woolf (wer hat den Angst vor Virginia Woolf?). Fragen löst etwa Tony Morrison aus. Doch auch sie gelangte nicht auf die Liste, weil sie eine Afroamerikanerin ist, sondern doch aufgrund ihrer Romane (z. B. „Menschenkind“ und „Sehr blaue Augen“ — Anmerkung der Redaktion). Und wir werden nicht vergessen, dass sie 1993 den Literatur-Nobelpreis erhalten hatte. Zufällige Figuren gibt es in der Liste wahrscheinlich keine? Politisch (gendermäßig) engagierte? Allem Anschein nach gibt es sie, dennoch aber haben wir es mit würdigen Romanen guter Schriftsteller zu tun.
Aber kommen wir zu den russischen Romanen zurück. Auf die Liste kamen die zwei Werke von Lew Tolstoi „Anna Karenina“ (6. Platz) und „Krieg und Frieden“ (7. Platz). Zwei Romane von Fjodor Dostojewskij — „Die Brüder Karamasow“ (28. Platz) und „Schuld und Sühne“ (69. Platz). Außerdem „Lolita“ von Wladimir Nabokow (25. Platz), „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow (66. Platz) und „Leben und Schicksal“ von Wassilij Grossman (91. Platz). Platz 91 – dies ist wie auch im Fall mit dem 6. Platz von Tolstoi ein sehr, sehr ehrenvoller Platz. Aber haben wirklich viele Bürger Russlands Grossman gelesen?
Derartige Umfragen werden regelmäßig durchgeführt. Sie lösen Interesse und (oft) eine stürmische Diskussion aus. Nicht selten wählt man keine Romane aus, sondern einfach allgemein Bücher. Da findet sich auch ein Platz sowohl für Darwin als auch für Homer und Shakespeare. Das Ziel ist, wie man im Film „Die schwarze Katze“ sagte, ein heiliges. Das Ziel ist, das ständig fallende (wie „ein rasanter Wagenheber“, wie man im Roman „Die zwölf Stühle“ von Ilja Ilf und Jewgenij Petrow sagen würde) Interesse für das Lesen zu erhöhen. Wird es gelingen? Wohl kaum. Aber wenn man gar nichts unternimmt, wird es ganz und gar schlecht werden.
Was die Liste an sich angeht, so ist es sicherlich angebracht, sich der Umfrage „Big Read“ zu erinnern, die im Jahr 2003 durch die BBC durchgeführt worden war. Damals hatten über 750.000 einfache Leser die 200 besten Romane „aller Zeiten“ gewählt. Wir aber sprechen über die ersten einhundert. Da gibt es viele Übereinstimmungen. Als erster unter den russischen rangiert erneut Lew Tolstoi, freilich bereits auf dem 20. Platz („Krieg und Frieden“. „Anna Karenina“ kommt auch vor (Platz 54). Auf dem 60. Platz liegt „Schuld und Sühne“ von Dostojewskij. Weder Bulgakow noch umso mehr Grossman waren nicht unter den ersten einhundert. Spezialisten lieben uns mehr als die Durchschnittsleser. Was verständlich und verzeihlich ist. Letzten Endes waren im Jahr 2003 mehrere Romane von Joanne K. Rowling genannt worden.
Traurig ist natürlich, dass in der nunmehrigen Liste Mark Twain, François Rabelais, Abe Kōbō, Jaroslav Hašek und Evelyn Waugh nicht vorkommen, dafür sind da Bram Stoker („Dracula“) oder beispielsweise Patricia Highsmith („Der talentierte Mr. Ripley“). Auf der Liste stehen nicht J. D. Salinger und Lewis Carroll, Alexandre Dumas und Robert Louis Stevenson (aber in der Liste des Jahres 2003 kommen sie vor). Wo ist, möchte man fragen, „Daphnis und Chloe“ von Longo, wo sind „Metamorphosen“ von Apuleius und „Satyricon“ von Titus Petronius? Sich der byzantinischen Literatur, der mittelalterlichen Romane zu erinnern, macht augenscheinlich keinen Sinn. Um das Poem „Die Reise nach Petuschki“ (wörtlich: „Moskau – Petuschki“) von Wenedikt Jerofejew (ja ein Poem, aber in Prosa) und um den Puschkin-Roman „Eugen Onegin“ (ja, in Versen, aber dies ist doch ein Roman) bleibt nur zu heulen und zu weinen.
Aber derartige Umfragen und Listen sind unser, für die Leser, der beinahe letzte Strohhalm. Also lassen Sie uns aus letzten Kräften nach ihm greifen. Andernfalls gehen wir unter. Sie selbst wissen worin.