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Die Kandidaten für das Amt des FIDE-Präsidenten skizzieren ihre Pläne


Noch vor einigen Tagen wollten wir, als wir entschieden, wie wir den Beitrag titeln werden, die Worte „Judit Polgár wird Präsidentin!“ verwenden. Nein, nicht Präsidentin der FIDE, sondern … Präsidentin Ungarns. Schließlich tauchten vor etwa einer Woche die Meldungen auf, laut denen der legendären Schachspielerin der informelle Vorschlag unterbreitet worden war, dieses hohe Amt einzunehmen, das zwar keine reale politische Macht gewährt, aber (wenn Polgár es einnehmen würde) für das ungarische Volk keine geringe konsolidierende Rolle spielen könnte, zumal die große Schachspielerin, die sich nie mit Politik befasst hatte, so auch nicht geschafft hat, gar ein minimales Anti-Rating zu erlangen, während das Ansehen von Judit sowohl in ihrem das Schachspiel liebenden Land als auch in der ganzen Welt ein unwahrscheinlich hohes ist.

Es sei daran erinnert, dass entsprechend objektiver Kriterien Judit Polgár zurecht als die stärkste Schachspielerin aller Zeiten und Völker gilt, da sie im Verlauf vieler Jahre laut dem FIDE-Rating zu den zehn besten Spielern des Planeten gehörte, zumal sie regelmäßig bei Superturnieren beinahe alle führenden Großmeister unter den Männern besiegte. Für eine gewisse Zeit erschien es durchaus als real, dass sie sogar um den Titel des Schachkönigs kämpfen kann. Dabei hatte die Krone einer Schachkönigin (die vor ihrem Verlassen des Schachsports als Spielerin ihre ältere Schwester Szusza 1996-199 getragen hatte) Judit überhaupt nicht interessiert, da es offensichtlich gewesen war, dass die jüngere Schwester diese Krone sehr leicht nicht einmal erringen, sondern einfach kommen und sie sich nehmen gekonnt hatte (wenn ihr solch ein Wunsch gekommen wäre). Denn die Distanz, die die legendäre Schachspielerin von den nominellen Konkurrentinnen trennte, war eine gewaltige: Praktisch keine von ihnen (lassen wir dabei einmal Szusza aus) gehörte nicht einmal zur Top-100 des globalen „Männer“-Ratings, während Judit ein Stammgast der ersten Top-10 in der Welt gewesen war.

Als wir von dem ihr unterbreiteten politischen Vorschlag erfuhren, waren wir der Auffassung, dass die Frage sozusagen geklärt sei, da es nicht üblich ist, bei Bestehen selbst der geringsten Zweifel, derartige Vorschläge publik zu machen. Anfang der Woche erklärte jedoch Judit, dass „sie nicht genug Kräfte in sich spüre, um die historische Verantwortung für eine Vereinigung der gespaltenen Nation zu übernehmen“. Hinzugefügt sei, dass im Falle einer positiven Entscheidung ihrerseits die Vollmachten von J. Polgár durch eine nicht allzu lange Zeit begrenzt gewesen wären, die bis zur vermutlichen Annahme einer neuen Landesverfassung geblieben ist. Und dieses Thema abschließend, sei mitgeteilt, dass am Donnerstag (am 23. Juli) Judit 50 geworden ist. Und die Gelegenheit nutzend, gratulieren wir natürlich der großen Schachspielerin zu diesem wunderbaren Jubiläum.

Derweil hat sich der Kreis der Kandidaten für das Amt des Präsidenten des Internationalen Schachverbands formiert. Zu ihnen wurden jene, deren Namen wir bereits vor etwa einem Monat genannt hatten (https://ngdeutschland.de/der-kampf-um-das-amt-des-fide-prasidenten-kann-sich-erheblich-zuspitzen/). Zu jener war offiziell lediglich Arkadij Dworkowitsch nominiert worden. Aber seine Chancen (im Zusammenhang mit den Absichten der EU, den amtierenden FIDE-Präsidenten auf die Sanktionsliste der Europäischen Union zu setzen) erschienen als bei weitem keine unumstrittenen. Bis zum 23. Juli bewahrte so der 54jährige den informellen Status eines offenkundigen Favoriten.

Zu noch einem mit Russland verbundenen Kandidaten für das höchste Amt im internationalen Schachsport wurde der vorangegangene FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow (64 Jahre), der erklärte, dass er beabsichtige, den stärksten Schachspieler des Planeten Magnus Carlsen in das System für den Kampf um den klassischen Weltmeistertitel zurückzuholen. Die Aktualität dieses Themas wurde zu einer offensichtlichen, nachdem zum Schachkönig (es unterstrichen: in strenger Übereinstimmung mit den Buchstaben des Gesetzes) der Chinese Ding Liren geworden war, den vor zwei Jahren Dommaraju Gukesh aus Indien auf dem Schachthron abgelöst hat. Das Problem besteht darin, dass sowohl der eine als auch der andere ein Spiel demonstrieren, dass den Vorstellungen der Fans über den Weltmeister-Status nicht entspricht. So rutschte Gukesh auf den sage und schreibe 31. Platz des aktuellen Ratings ab, womit er in den Augen der Öffentlichkeit den einst sakralen Schachtitel abgewertet hat. Es macht jedoch Sinn zu betonen, dass der 20jährige Javokhir Sindarow (aus Usbekistan) – ein Altersgefährte und Konkurrent von Gukesh im Match um die Schachkrone – sein Rating erheblich erhöhte und auf den 4. Platz in der Welt gekommen ist. Wenn aber der usbekische Großmeister nicht nur das Titelmatch gewinnen kann, sondern auch weiterhin genauso stark auftreten wird, wird sich möglicherweise auch die akute Notwendigkeit einer „Rückkehr“ von Magnus Carlsen erübrigen.

Es ist schwer zu sagen, wie groß die Chancen von Iljumschinow sind, den legendären Champion zu überreden. Wobei im Zusammenhang damit einem das Versprechen von Kirsan Iljumschinow in den Erinnerungen wach wird, das durch ihn Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gegeben worden war (vor seiner Wahl zum FIDE-Präsidenten) – die Schachwelt zu vereinen. Damals hatte es den Anschein gehabt, dass der Weg zum Erfolg über die Organisation eines Matches zwischen Garri Kasparow (der inzwischen in der Russischen Föderation als ausländischer Agent, Extremist und Terrorist gelabelt wurde) und Anatolij Karpow verlaufen müsse. Die titanische Anstrengungen von Iljumschinow wurden mit einem Erfolg gekrönt, aber erst im Jahr 2006, nach einem in Elista ausgetragenen Vereinigungsduells zwischen ganz anderen Schachspielern – zwischen dem Russen Wladimir Kramnik und dem Bulgaren Wesselin Topalow.

Zu weiteren zwei Kandidaten für das höchste Amt im internationalen Schachsport wurden der deutsche Geschäftsmann sowjetischer Herkunft Wadim Rosenstein (35 Jahre) und sein Landsmann Jan Henric Buettner (61 Jahre), der zusammen mit dem englischen Schach-Organisator und Journalisten Malcolm Pein (65 Jahre), der auf das Amt des FIDE-Präsidenten aus ist, ins Rennen geht.

Das „Champion-Thema“ abschließend, sei mitgeteilt, dass im indischen Chennai das Superturnier „Quantbox Chennai Grand Masters 2026“ am 22. Juli zu Ende gegangen ist, bei dem der Franzose Alireza Firouzja den Sieg mit 4,5 von 7 Punkten errang und Dmitrij Andrejkin (Russland) und Arjun Erigaisi (Indien) um einen halben Punkt übertrumpfte und auf den zweiten Platz verwies. Und den ungefährdeten letzten Platz belegte der amtierende FIDE-Weltmeister Dommaraju Gukesh.

Zu Ende ging am Freitag das traditionelle Turnier im schweizerischen Biel (wird seit 1968 ausgetragen – Anmerkung der Redaktion), bei dem im Rahmen des sogenannten Schach-Triathlons (klassisches Schach sowie Rapid und Blitz) gekämpft wurde. Ungeachtet seines glänzendes Spiels am Start gelang es dem Vietnamesen Le Quang Liem nicht, die Führung im Hauptturnier zu bewahren, entsprechend dessen Ergebnissen die vier Besten (der sechs Teilnehmer) den Kampf im Finale fortgesetzt hatten. Die in diesem Stadium gesammelten Punkte wurden mit den Ergebnissen der Vorrunde summiert. Und die besten Chancen auf den Gesamtsieg hatte Levon Aronian (USA), der letztlich mit den weißen Figuren spielend ein Remis gegen Aydin Suleymanli aus Aserbaidschan erzielte, auf insgesamt 29,5 Punkte kam und das Biel Masters Triathlon gewann (bei seiner ersten Teilnahme an diesem Turnier überhaupt – Anmerkung der Redaktion).

Und letztlich noch über zwei Viertelfinal-Partien der Frauen-WM im Rapid. In deren Verlauf alle die abschließenden, die einminütigen Partien des exotischen Netzwettbewerbs entschieden, in denen die späteren Siegerinnen eine erdrückende Überlegenheit erzielten. So vermochte nach einem missglückten Start die Kasachin Bibisara Asaubajewa Divya Deshmukh aus Indienzu bezwingen. Und die Griechin Anastasia Avramidou gewann alle fünf einminütigen Partien gegen die Russin Katerina Lagno (lt. der FIDE-Internetseite ist sie Ukrainerin – Anmerkung der Redaktion) und erzielte damit einen beeindruckenden Gesamterfolg. Die Namen der beiden anderen Halbfinalisten in der Women’s Speed Chess WM erfahren wir nach den Treffen von Hou Yifan aus China gegen die Anna Muzychuk (Slowenien) und Jū Wénjūn (China) gegen Alice Lee (USA).

P. S.

Im Rahmen des 21. Sanktionspakets der EU gegen Russland wurde auch der amtierende FIDE-Präsident Arkadij Dworkowitsch auf eine Schwarze Liste gesetzt, wie am Donnerstag, dem 23. Juni aus Brüssel bekannt wurde. Die Reaktion des 54jährigen ließ nicht lange auf sich warten. Am Freitag wurde bereits ein entsprechendes Statement auf der Internetseite des Weltschachverbands veröffentlicht. „Ich habe beschlossen, die Wahrnehmung meiner Vollmachten und Pflichten als Präsident der FIDE ab dem gegenwärtigen Zeitpunkt und solange auszusetzen, solange ich mich unter Sanktionen der EU befinden werde“. Dabei betonte er, dass er die Entscheidung der Europäischen Union über die Verhängung von Sanktionen gegen ihn für unberechtigte und illegitime halten. Im Zusammenhang damit bekundete er die Absicht, sie anzufechten. Die Pflichten des FIDE-Präsidenten wird jetzt der Vizepräsident des Weltverbands, der 56jährige Inder Viswanathan Anand wahrnehmen.