Der Film von Christopher Nolan „Die Odyssee“ ist in Russland inoffiziell in den Verleih gekommen und wurde durchaus erwartungsgemäß zum Spitzenreiter hinsichtlich der Einnahmen, wobei er alle Streifen im legalen Verleih weit hinter sich gelassen hat. Der Mechanismus, der dem fast 3stündigen Blockbuster „Die Odyssee“ erlaubte, auf die russischen Kinoleinwände zu gelangen, ist das Format „Bedienung vor der eigentlichen Vorstellung“, den mehrere Kinoketten nutzten, indem sie den Kinogängern Tickets für Kurzfilme (mit einer Dauer von acht bis neun Minuten), die vor dem Nolan-Superheldenfilm demonstriert wurden, anbieten.
Es sei betont, dass sich nicht alle Verleiher Russlands auf diesen Schritt eingelassen haben. So hat die größte russische Kette auf „Die Odyssee“ verzichtet, wobei sie unterstrich, dass sie keine Piraten-Aufführungen vornehme. Der Streifen hat keine offizielle Verleihgenehmigung, weshalb es auch keine genauen Zahlen über die Einnahmen im Land gibt. Laut Angaben einer der Internetressourcen, die der Filmindustrie gewidmet sind, beliefen sich entsprechend den Ergebnissen des Wochenendes vom 30. Juli bis einschließlich 2. August die inoffiziellen Einnahmen auf 261 Millionen Rubel (umgerechnet ca. 2,8 Millionen Euro). Andere Quellen weisen eine bescheidenere Zahl aus – 147 Millionen Rubel (umgerechnet etwa 1,58 Millionen Euro). Die Ressourcen, die die Statistik der Vorstellungsbesucher fixieren, informieren, dass die Säle bis zu 70 bis 80 Prozent gefüllt waren. (Ein Traumergebnis für die meisten russischen Filme der letzten Wochen und Monate. — Anmerkung der Redaktion). Und dies, obgleich „Die Odyssee“ in einer recht ungeeigneten Zeit in den Verleih gekommen ist, im Sommer, zur Hochzeit der Urlaubssaison. Auf jeden Fall ist der Film von Nolan die Nr. 1 und übertrumpft den Sieger der offiziellen Charts des ausgewiesenen Wochenendes, die Komödie des russischen Regisseurs Wladimir Kott „Ins Dorf zu Opa 2“, die sich dank der Gesamteinnahmen nach drei Wochen des Verleihs auf dem 1. Platz findet. Am letzten Wochenende kam er auf rund 45 Millionen Rubel in den Kinokassen.
Bleibt nur herumzurätseln, was für Kasseneinnahmen „Die Odyssee“ gehabt hätte, wenn Russland nicht aus den globalen Prozessen der Filmindustrie ausgeschlossen worden wäre. In der Welt wurde der Kinostart des Streifens von Christopher Nolan von einer starken PR-Kampagne begleitet. Er stellt tatsächlich ein für die moderne Filmindustrie einmaliges Beispiel dar. Das Studio Universal Pictures hatte von Anfang an den Streifen als ein „mythisches Action-Epic“ positioniert, das vor allem für gigantische IMAX-Leinwände bestimmt ist. Dies ist der 13. Film des inzwischen 56jährigen Regisseurs und der kostspieligste in seiner Karriere. Sein Etat wird mit etwa 250 Millionen Dollar beziffert. Außerdem ist dies der erste Film Nolans und der erste Film überhaupt, der vollkommen mit 70-mm-IMAX-Filmkameras gedreht worden ist. Diese überaus komplizierte Technologie erlaubt dem Regisseur, gleichermaßen überzeugend sowohl die grandiosen epischen Szenen als auch intimen Episoden der Dialoge zwischen den Helden zu drehen – ohne Kompromisse in Bezug auf die Qualität. Nolan reduzierte die Nutzung digitaler Technologien auf ein Minimum, drehte an realen Drehorten, nahm den Darstellern selbst außerhalb der Arbeit vor der Kamera den Komfort usw.
Die PR-Wirkung von „Die Odyssee“ erreichte auch Russland, was nicht nur in den vollen Kinosälen zum Ausdruck gekommen ist. Wenige Wochen vor und nach dem Beginn der Aufführungen wurde eine explosionsartige Zunahme des Interesses für das Heldenepos von Homer fixiert. Seine Verkäufe nahmen im Buchhandel um das 3,5fache im Vergleich zum vergangenen Jahr zu.
Selbst die ersten Finanzergebnisse von „Die Odyssee“ holen die Analytiker wieder zur Konstatierung der traurigen Tatsache zurück: Die einheimische Filmindustrie ist bisher nicht in der Lage, dem Kinogänger eine Alternative in den Lichtspielhäusern zu offerieren. Es gibt freilich seltene Ausnahmen, die in erster Linie durch die Liebe des Kinogängers zu einer Marke ausgelöst wurden. Und es bleibt nur herumzurätseln, ob „Tscheburaschka“ auf Rekordeinnahmen gekommen wäre, wenn dies ein unbekannter Held gewesen und der Film nicht direkt zu den Neujahrsferien in die Kinos gekommen wäre. Der russische Film wird reichlich finanziert (vor allem aus der Tasche der Steuerzahler – Anmerkung der Redaktion). Doch weder technologisch (während wir uns digitale Technologien zu eigen machen, überschreitet sie Hollywood am Beispiel von Nolan und sucht nach neuen Wegen) noch mental (offensichtlich ist das Setzen auf ein Recyclen der sowjetischen Klassik und russischer Märchen) bleibt der einheimische Film immer mehr und mehr hinter den Avantgarde-Prozessen zurück. Die Kasseneinnahmen von „Tscheburaschka“ und „Buratino“ sind formal durchaus akzeptabel. Doch die erzwungene Isolierung schafft nur den Effekt von rosaroten Brillen, die imstande sind, nur einem Paar von Hollywood-Streifen, die selbst in einem halblegalen Verleih in die Kinos kommen, die Stirn zu bieten.
P. S.
Dass die meisten russischen Spielfilme, die durch den Staat mitfinanziert werden, in den Kinos floppen, hindert aber die staatliche Kinostiftung nicht daran, weiterhin reichlich Steuergelder für neue fragwürdige Projekte bereitzustellen. Am Dienstag, dem 4. August nannte die Kinostiftung 74 Filmprojekte, die aus dem Staatshaushalt finanziert werden sollen, zumal sie von Studios geplant werden, die nicht zu den Spitzenreitern der einheimischen Filmproduktion gehören. Ein Blick auf die Liste der Projekte, denen finanziell unter die Arme gegriffen wird, löst unangenehme Vorahnungen aus. Da soll ein Biopic über die Opernsängerin Galina Wischnewskaja unter dem Titel „Und da kommt der Ruhm…“ gedreht werden, wobei gerade für das hauptsächliche russische Kinopublikum – für die jungen Kinogänger – die Künstlerin eine unbekannte ist. Zahlreiche Filme über den Großen Vaterländischen Krieg sollen ebenfalls finanziell unterstützt werden, wobei die letzten derartigen Streifen fast alle ihre Kosten nicht eingespielt haben. Jedoch sind sie aus der offiziellen Sicht für eine patriotische Erziehung der Bürger Russlands unablässig. Gelder gibt es ebenfalls für Spielfilme über die militärische Sonderoperation Russlands in der Ukraine — „Aisa-17“ über eine Krankenschwester, die in der Zone der Sonderoperation arbeitete, „Der Freiwillige“, ein Streifen auf der Grundlage der realen Geschichte eines Amerikaners, der freiwillig auf der russischen Seite kämpfte, oder „Operation Lambada“. Bisherige derartige Streifen vermochten im russischen Filmverleih keine Erfolge zu verbuchen. Erstaunlich ist auch, dass trotz des nachlassenden Interesses für Filme über legendäre Sportler, die Kinostiftung für den geplanten Film „Und ich bin gelaufen“ Gelder bereitstellen will. Vergessen sind da wohl die finanziellen Flops solcher Filme wie „Rodnina“ (über die Eiskunstläuferin Irina Rodnina) mit 749 Millionen Rubel Verlusten oder „Der erste auf dem Olymp“ (über den Ruderer Jurij Tjukalow) mit 599 Millionen Rubel Verlusten. Und obwohl der Film „Rote Seide“ (eine russisch-chinesische Koproduktion aus dem vergangenen Jahr) 441 Millionen Rubel Verluste machte, will Vater Staat die Fortsetzung „Schwarze Seide“ mitfinanzieren.
In diesem Zusammenhang ist ein Detail besonders bezeichnend: In der entsprechenden Meldung der russischen Nachrichtenagentur Interfax hat man augenscheinlich bewusst keine Angaben zum Umfang der staatlichen Mittel gemacht, die die Kinostiftung bereitstellen will.