Das französische Nationale Zentrum für Film und Trickfilm (Centre national du cinéma et de l’image animée – CNC) hat bekanntgegeben, dass eine Sonderkommission unter Leitung des Filmhistorikers Charles Tesson entschieden habe, dass das Land für den „Oscar“ in der Kategorie „Bester ausländischer Spielfilm“ der Film „Minotaur“ von Andrej Swjaginzew vertreten wird. Dies ist der dritte Film des Regisseurs, der um eine der angesehensten Filmpreise kämpft.
Die Experten haben «Minotaur“ gegenüber vier anderen bedeutenden Streifen den Vorrang eingeräumt. Dies sind das groß angelegte zweiteilige Werk von Antonin Baudry „De Gaulle: L’Âge de fer“ und „De Gaulle: Liberté“, ein Biopic mit einem Etat von rund 100 Millionen Euro, der zu einem Hit im französischen Verleih wurde (vier Millionen Zuschauer), der animierte Film von Louis Clichy „Le Corset“, eine aquarellartige Coming-of-Age-Geschichte, die in Cannes den Jury-Preis „Un Certain Regard“ und drei Auszeichnungen des angesehenen Festivals in Annecy erhielt, das Debüt von Marina Atlan „La Gradiva“, noch eine Geschichte über das Erwachsenwerden, die Erzählung über eine Reise französischer Schüler nach Neapel und Pompej, die den Critic’ Week Grand Prize von Cannes mit der Bemerkung „ein umwerfendes Debüt“ erhielt, sowie der Streifen „L’Inconnue“ („Die Unbekannte“) von Arthur Harari (dem Co-Autoren des Drehbuchs für „Anatomie d’une chute“ — „Anatomie eines Fallens“ von Justine Triet) – ein äußerst widersprüchliche Zuschauer-Reaktionen auslösender Body-Horror und Teilnehmer des Hauptwettbewerbs von Cannes in diesem Jahr mit Lea Seydoux in der Hauptrolle.
Die Weltpremiere von „Minotaur“ — eines Films, den Swjaginzew nach zehn Jahren Schweigen im Zusammenhang mit einer schweren Krankheit gedreht hatte – erfolgte im Mai dieses Jahres beim 79. Filmfestival von Cannes. Der Streifen hatte am Hauptwettbewerb teilgenommen, die Aufführung endete mit zehnminütigen Ovationen und wurde mit dem Großen Preis der Jury – der zweitwichtigsten Auszeichnung des Festivals nach der „Goldenen Palme“ — geehrt (siehe auch die Reportage aus Cannes in https://ngdeutschland.de/noch-eine-ruckkehr-von-andrej-swjaginzew/). Im Juni gewann „Minotaur“ den Hauptpreis beim Filmfestival von Sydney.
„Minotaur“ ist ein freies Remake von „Die untreue Frau“ des Klassikers des französischen Films Claude Chabrol aus dem Jahr 1969. Das Sujet und das Thema setzen die Linie fort, die in anderen Streifen von Swjaginzew vorgegeben wurde – ein persönliches Drama vor dem Hintergrund der erdrückenden Rolle des Staates. Die Handlung des Films spielt sich in Russland im Jahr 2022 ab. Der Hauptheld, der Direktor eines großen Transportunternehmens, erhält eine Vorgabe aus dem Militärkommissariat: Er soll eine Liste von 14 Mitarbeitern für eine Entsendung in den Krieg vorlegen. Parallel dazu erfährt er vom Ehebruch seiner Frau.
Die westliche Kritik hat den Film mit einer seltenen Einmütigkeit aufgenommen. Die Regiearbeit von Swjaginzew bezeichnete man als eine „herausragende“. Und ihn selbst – als den „herausragendsten russischen Regisseur seit den Zeiten (Andrej) Tarkowskijs“. Ein Filmkritiker des Magazins „The Hollywood Reporter“ (Leslie Felperin – Anmerkung der Redaktion) betonte, dass die Krankheit und Emigration den Regisseur buchstäblich „befreiten“. Kritiker vergleichen den Streifen mit den Noir-Thrillern von Alfred Hitchcock, die sich „in einer der traurigsten, düstersten und unfreisten Ecken unserer Welt“ abspielen. Die einzige negative Rezension veröffentlichte der argentinische Filmkritiker Jaime Pena auf „EscribiendoCine“, der dem Film vorwarf, dass der Krieg lediglich als Hintergrund für eine „Soap Opera für Reiche“ diene.
Es sei daran erinnert, dass für einen „Oscar“ bereits zwei Filme von Swjaginzew vorgeschlagen worden waren: „Leviathan“ kam auf die Short-List der Nominierten. Den Preis für den besten fremdsprachigen Film erhielt letztlich das polnische Drama „Ida“ von Pawel Pawlikowski. Und der Streifen „Loveless“ war vom russischen „Oscar“-Komitee für eine Nominierung ausgewählt worden, wurde aber nicht als finaler Nominierter erfasst.
Die Nominierung von „Minotaur“ durch Frankreich ist ein Präzedenzfall. Ein Streifen, der von einem russischen Regisseur gedreht wurde und die russische Wirklichkeit aufgreift, wird um einen internationalen Filmpreis unter der Flagge eines anderen Landes kämpfen. Formal hat Frankreich das Recht, den Film vorzuschlagen, da gerade französische Firmen als Hauptproduzenten aufgetreten waren und die Finanzierung abgesichert hatten (im Übrigen auch das ZDF und Arte sowie die Deutsch-Französische Förderkommission (Produktionsförderung in Höhe von 280.000 Euro) und die MOIN Filmförderung Hamburg-Schleswig Holstein (100.000 Euro) – Anmerkung der Redaktion). Dabei wurde der Film in russischer Sprache und mit russischen Schauspielern gedreht. Die Hauptrollen in ihm verkörperten Dmitrij Masurow und Iris Lebedjewa. Diese Situation untermauert im Großen und Ganzen den traurigen Bruch eines der begabtesten Regisseure der Welt mit der einheimischen Filmindustrie, wobei sein Schaffen zu einem Gut eines anderen Landes wird. Die Welt wird weiter über Swjaginzew bereits im Rahmen des europäischen Film-Kontextes sprechen.
P. S.
Am späten Nachmittag des Freitags, des 18. September wurde bekannt, dass Russlands Justizministerium Andrej Swjaginzew nun auch auf die Liste der sogenannten ausländischen Agenten gesetzt hat. Laut Angaben des Ministeriums habe Swjaginzew „an der Schaffung von für einen unbegrenzten Kreis an Personen bestimmter Mitteilungen und Materialien ausländischer Agenten, aber auch von Organisationen teilgenommen, die in das Verzeichnis der ausländischen und internationalen Organisationen aufgenommen wurden, deren Tätigkeit auf dem Territorium der Russischen Föderation als eine unerwünschte anerkannt wurde“. „Er verbreitete falsche Informationen über die von den öffentlichen Machtorganen der Russischen Föderation getroffenen Entscheidungen und der von ihnen verfolgten Politik. Er arbeitete mit ausländischen Agenten zusammen“, heißt es in einer entsprechenden Pressemitteilung. Dabei betonte man im Justizministerium, dass Swjaginzew außerhalb Russlands lebe (und damit vorerst nicht von der russischen Justiz verfolgt werden kann – Anmerkung der Redaktion).