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Das Volk ist eines, doch die Staaten sind verschiedene, meint man in Baku


Die Entscheidung Aserbaidschans, Kindern zu verbieten, in Hijabs den Schulunterricht zu besuchen, hat zu einer Belastung der Beziehungen zwischen Baku und Ankara geführt (siehe auch https://ngdeutschland.de/auch-aserbaidschan-haben-schulproteste-erfasst/). Die Türkei unterstützte die gegen die Einführung eines Schul-Dress-Codes protestierenden Aserbaidschaner, wobei sie die „brüderliche“ Republik aufforderte, den Frauen die Freiheit der Auswahl der Bekleidung zu belassen. Die aserbaidschanischen Offiziellen haben den „Verwandten“ empfohlen, sich nicht in fremde Sachen einzumischen.

„In Aserbaidschan ist es unzulässig, das Recht auf eine Ausbildung der Schülerinnen einzuschränken, die ein Kopftuch tragen! Wie kann dies dem Gewissen und der Gerechtigkeit entsprechen, eine Schülerin an der Schultür zu lassen, die das Haupt aufgrund religiöser Überzeugungen bedeckt? Ein Hijab ist kein Hindernis, sondern eine Forderung des Glaubens! Das Recht auf eine Ausbildung darf nicht zum Opfer irgendwelcher ideologischer aufgedrängter Vorstellungen werden! Wir erwarten, dass Aserbaidschan so schnell wie möglich diese fehlerhafte Politik aufgeben wird. Man darf nicht der Jugend den Weg in die Zukunft versperren, sondern muss vor ihr neue Möglichkeiten eröffnen. In unserer Zeit darf man solch einem Vorgehen keinen Platz gewähren!“, erklärte der Hauptberater des Präsidenten der Türkei, der 59jährige Oktay Saral.

Seinerseits rief der Führer der türkischen Opposition, Kemal Kılıçdaroğlu, die „aserbaidschanischen Brüder und Schwestern“ auf, die Frauen nicht in jene zu unterteilen, die das Haupt bedecken und dies nicht tun. „Ich wende mich an Aserbaidschan: Lasst die Frauen freie sein. Mag jede selbst entscheiden, was sie zu tragen hat“, erklärte er.

Als Antwort darauf teilte die Partei von Ilham Alijew „Einiges Aserbaidschan“ mit, dass man die Idee nicht überbewerten dürfe, wonach die Türken und Aserbaidschaner ein Volk seien, das in zweiten Staaten lebe.

„Es geht gerade um ein Volk und zwei unabhängige Staaten. Dieses Prinzip gibt auf keinen Fall einem Staat das Recht, sich in die inneren Angelegenheit eines anderen einzumischen oder ihm die eigenen politischen und ideologischen Vorgehensweisen aufzuzwingen… Nicht ein einziger Staat der islamischen Welt hat das Recht, anderen moslemischen Völkern seinen Willen zu diktieren, sind in deren innere Angelegenheiten einzumischen oder sich über die übrigen zu stellen. Das Bestreben, der Einheit der moslemischen Welt zu dienen, muss durch eine gleichberechtigte Zusammenarbeit und durch gegenseitige Achtung bestätigt werden. Und nicht durch Hegemonie-Bestrebungen“, erklärte man im Pressedienst der Partei.

Außerdem warf die Arbeitsgruppe des Parlaments Aserbaidschans für interparlamentarische Beziehungen zwischen Aserbaidschan und der Türkei den türkischen Massenmedien die Führung einer „voreingenommenen Informationskampagne“ gegen Baku vor.

„Aserbaidschan und die Türkei unterhalten freundschaftliche, brüderliche und strategische Bündnisbeziehungen. Aserbaidschan ist ein unabhängiger und souveräner Staat und bestimmt seine Innen- und Außenpolitik entsprechend den nationalen Interessen und der Verfassung. Das Prinzip „eine Nation – zwei Staaten“, das durch den gesamtnationalen Leader Heydar Alijew formuliert wurde, bedeutet die Existenz gerade von zwei unabhängigen und souveränen Staaten. Eine Verzerrung des Wesens dieses Prinzips, dessen Nutzung als Grundlage für eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Aserbaidschans und eines Aufzwingens äußerer politischer und ideologischen Herangehensweise gegenüber der aserbaidschanischen Gesellschaft sind unzulässig“, unterstrichen die Abgeordneten.

Der Leiter des in Aserbaidschan ansässigen Zentrums für politische Studien „Atlas“, Elhan Shahinoglu, ist der Auffassung, dass es mehrere Ursachen gebe, weshalb einige türkische Politiker die Entscheidung der aserbaidschanischen Regierung über das Verbot des Tragens von Hijabs in Schulen kritisieren. „Erstens hat die weite Verbreitung der Darstellungen von Mädchen mit Hijabs im Internet, denen verboten wurde, die Schule zu besuchen, Proteste in einigen Schichten der türkischen Gesellschaft ausgelöst. Und die türkischen Politiker haben beschlossen, darauf zu reagieren. Zweitens, wenn Politiker und Parteiführer in der Türkei Erklärungen abgeben, denken sie daran, wie viele zusätzliche Stimmen sie bei den künftigen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen erhalten werden. Sie sind scheinbar der Auffassung, dass man, indem man das Verbot für das Tragen von Hijabs in aserbaidschanischen Schulen kritisiert, mehr Stimmen erhalten kann. Diese Erklärungen schaden jedoch der strategischen Allianz zwischen Aserbaidschan und der Türkei“, betonte Shahinoglu in einem Gespräch mit der „NG“.

Nach seinen Worten würde die Gruppe von Politikern und Experten in der Türkei, die das Hijab-Verbot in Aserbaidschan kritisiert, faktisch die gleiche Position wie auch die antiaserbaidschanischen Kräfte im Iran einnehmen und Bedingungen für die Durchführung von Protestaktionen schaffen.

Allerdings ist der Stellvertreter des Vorstandsvorsitzenden des Zentrums für eine Analyse internationaler Beziehungen und Multikulturalismus, Farhad Mamedow, der Meinung, dass es keinerlei Katastrophe in den Beziehungen von Baku und Ankara gebe. Nach seinen Worten hatte man Ende der 1990er in der Türkei das Tragen von Hijabs verboten. Und dies sei nach wie vor ein für viele Türken schmerzhaftes Thema. Daher müsse man ihnen erläutern, dass es in Aserbaidschan nichts ähnliches gibt.

„Erstens kommentieren konkret die türkischen Offiziellen nicht die Situation um die Hijabs. Es gab die Erklärungen vom Berater Erdogans (Recep Tayyip – des Präsidenten der Türkei — „NG“) und von einigen Abgeordneten des türkischen Parlaments. Die aserbaidschanischen Abgeordneten haben ihnen geantwortet. Natürlich ist derzeit eine Spannung zu spüren, die dritte Ländern auszunutzen versuchen. Insgesamt aber werden zwischen Baku und Ankara die guten Beziehungen bewahrt. Zur gleichen Zeit muss den Vertretern der Türkei erläutert werden, dass es nicht um ein Hijab-Verbot, sondern nur um eine Einhaltung des Schul-Dress-Codes geht“, unterstrich Mamedow.