Über drei Jahrzehnte lang galten die Beziehungen zwischen Aserbaidschan und der Türkei für die verwandten Nationen als mustergültige. Die Bündnispflichten haben beide Staaten strikt eingehalten. Mitunter war die gegenseitige Hilfe von Baku und Ankara scheinbar sogar durch dritte Länder überbewertet worden. Dies betrifft besonders die Ereignisse in Bergkarabach.
Die Beziehungen der Verbündeten beruhten auf dem Prinzip „ein Volk – zwei Staaten“. Es schien, dass es nichts stärkeres als die Bande einer ethnischen Verwandtschaft gibt. In der letzten Zeit werden diese Bande scheinbar noch stärkere entsprechend der Entwicklung der Organisation der Turk-Staaten) OTS, deren nächstes Gipfeltreffen bis zum Jahresende in der Türkei stattfinden soll.
Doch ein ärgerlicher Vorfall hat das bisher tadellose Bild getrübt. In diesem Herbst beendete Aserbaidschans Regierung die Arbeit an der Ausgestaltung der Forderungen an die Kleidung von Schülern und Lehrern der Schulen des Landes. Diese Regeln haben das Auftauchen von Mädchen und Frauen in Hijabs in den Mauern der Bildungseinrichtungen ausgeschlossen.
Am 12. Oktober begannen Protestaktionen. Begleitet wurden sie von ungesetzlichen Handlungen. Baku erklärte die Manifestationen mit Intrigen des benachbarten Irans, wo ein islamisches Regime herrscht (die absolute Mehrheit der Bevölkerung gehört dem schiitischen Islam an, und in Aserbaidschan ist die Bevölkerung ebenfalls mehrheitlich schiitisch – Anmerkung der Redaktion). Jedoch verurteilten nach einigen Tagen zuerst marginale politische Kräfte der Türkei die kaukasische Republik. Und später schlossen sich ihnen Vertreter der in Ankara regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (Adalet ve Kalkinma Partisi – AKP) an. Unter ihnen war ein Berater des Präsidenten der Türkei, der Baku eine Verletzung der Glaubensfreiheit und der Prinzipien der moslemischen Solidarität vorwarf.
Einerseits sah dies merkwürdig aus, da die beiden Brudervölker ein Bekenntnis zu konkurrierenden Strömungen des Islam trennt: Die Aserbaidschaner sind Schiiten, und die Türken – Sunniten. Als Hintergrund dazu erfolgt eine erneute Zuspitzung der Beziehungen zwischen den Sunniten und Schiiten im Nahen Osten.
Andererseits hatte es in der Türkei, als das Prinzip „ein Volk – zwei Staaten“ aufgekommen war, anderer Herrschende gegeben. Das Land hatten Nationalisten mit antiklerikalen Grundsätzen geführt. Jetzt aber ist die islamistische AKP am Machtruder. Präsident Erdogan unternimmt alles Mögliche, um die Türkei als einen Schutzherrn der weltweiten Umma (Gemeinschaft aller Muslime – Anmerkung der Redaktion) darzustellen.
Während für Ankara der Islam als ein Instrument für eine Einflussnahme in der internationalen Arena dient, ist für Baku der Schiismus des iranischen Typs eine desintegrierende Kraft. In der aserbaidschanischen Gesellschaft basiert der Konsens auf einem Etatismus.
Auf die Vorwürfe Ankaras folgte aus Baku eine scharfe Antwort. Eine Erklärung gab die regierende Partei „Neues Aserbaidschan“ („Yeni Azərbaycan Partiyası“) ab, reagiert hat man auch im Parlament. „Nicht ein einziger Staat in der islamischen Welt hat das Recht, seinen Willen anderen moslemischen Völkern zu diktieren“, erklärte die Partei. Dort erinnerte man daran, dass die Glaubensfreiheit durch die Verfassung gewährleistet werde, wobei Aserbaidschan ein weltlicher Staat ist. Wie auch die Türkei. Baku forderte, dass die Nachbarn nicht die Verwandtschaft der Turk-Völker missbrauchen, denn diese „gibt in keiner Weise einem Staat Grundlagen, sich in die inneren Angelegenheiten eines anderen einzumischen, ihm seine politischen und ideologischen Herangehensweisen aufzuzwingen. Die Türken erinnerte man daran, dass Aserbaidschan eine unabhängige Politik verfolge.
Baku bewies dies auf anschauliche Art und Weise. Am 14. Oktober empfing Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew seinen israelischen Amtskollegen Jitzchak Herzog. In diesen Tagen fand in Baku ein Gipfeltreffen der Tagung für Zusammenwirken und Vertrauensmaßnahmen in Asien statt. Bemerkenswert ist, dass sich an einem Ort Vertreter der verfeindeten Länder Israel und Iran trafen. Die Türkei lastete Baku diese Toleranz an. Doch am Tag nach der Begegnung mit Herzog empfing Alijew den türkischen Außenminister Hakan Fidan. Die offizielle Internetseite des Präsidenten teilte lakonisch mit: „Stattgefunden hat ein Meinungsaustausch über Prozesse, die in der letzten Zeit in den aserbaidschanisch-türkischen Beziehungen beobachtet werden“.
Baku und Ankara werden natürlich die Meinungsverschiedenheiten beilegen. Doch die einmal erklungene Erklärung über die Priorität der nationalen Interessen wird kaum ohne Konsequenzen bleiben. Baku hat den eigentlichen Wert der Souveränität umrissen. In der Ära der weltweiten Desintegration und dessen, dass die Regeln aus einem Gleichgewicht geraten sind, ist die Unabhängigkeit wertvoller als eine ethnische oder religiöse Solidarität.
(Siehe auch https://ngdeutschland.de/auch-aserbaidschan-haben-schulproteste-erfasst/ und https://ngdeutschland.de/das-volk-ist-eines-doch-die-staaten-sind-verschiedene-meint-man-in-baku/)