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„Artdocfest“-2021“ – ein Kämpfer allein auf weitem Felde


Über das 14. „Artdocfest“, das vom vergangenen Dezember nun in den April verlegt wurde, kann man nicht einmal sagen „es hat stattgefunden“. Es hat sich buchstäblich zu seinen Zuschauern durchgekämpft, allerdings mit großen Verlusten. In Petersburg hatte man das Festival gleich nach der Aufführung und Erörterung des Auftaktfilmes platzen lassen. Und in Moskau mussten die Organisatoren mehrere Offline-Aufführungen einiger Streifen opfern.

Das Petersburger „Artdocfest“ hatte die Polizei und die russische Verbraucherschutzbehörde Rospotrebnadzor auf der Grundlage einer Klage eines wachsamen Bürgers schlagartig beendet. Der hatte auf irgendeine Art und Weise verstanden, dass man bei dem Festival LGBT-Werte propagieren und die Pandemie-Sicherheitsregeln verletzen werde… In Moskau tauchten beim „Artdocfest“ Teilnehmer der Gruppierung SERB (Russische Befreiungsbewegung, eine nationalistische kremltreue politische Gruppe, die 2014 gegründet wurde und mehrfach aufgrund von Aktionen gegen Kreml-Kritiker aufgefallen ist – Anmerkung der Redaktion) auf, wobei sie wie üblich versuchten, Aufführungen platzen zu lassen. Zwei Streifen, deren Thematik mit Tschetschenien in Verbindung stand, wurden im hauptstädtischen Kino „Oktjabr“ aufgrund von Drohungen, mit denen die Festivalorganisatoren konfrontiert wurden, letztlich nicht gezeigt.

Im Falle des unabhängigen „Artdocfests“ kann man natürlich finster scherzen: Man hatte nicht richtig gelebt, also gibt es nichts zu beginnen! Schon seit langem tragen die Attacken gegen dieses Festival einen provokatorischen Charakter. Doch in seinem 15. Lebensjahr wurde das Festival nicht einfach „mit Schwierigkeiten konfrontiert“, es diente unwillkürlich als ein Demonstrationsmodell: „Jungs, ihr irrt euch, wenn ihr denkt, dass ihr ungehindert Dokumentarfilme über die Verfolgung tschetschenischer Schwuler zeigen könnt, über die Proteste von Inguschen gegen die Übergabe eines Teils ihres Bodens an Tschetschenien, ja und auch über Bürger Russlands, die beschlossen haben, auf YouTube Präsident Putin über das reale Leben in unserem Land zu erzählen“.

Es ist schmerzlich, dass auf der Nachrichten-Tagesordnung „Artdocfest“ traditionell wie eine extreme Veranstaltung aussieht, auf der „man gegen das Regime kämpft“, indem man durchgängig skandalbehaftete, politische geladene Filme zeigt. Tatsächlich ist dies ein maximal breites Panorama des interessantesten und qualitativ hochwertigsten Dokumentarfilms eines Jahres (des russischsprachigen oder thematisch mit dem postsowjetischen Raum verbundenen). Ein Dokumentarfilm ist einfach von seiner Natur her wirksamer. Er ist schließlich aus dem Leben heraus geschaffen worden. Ja, und da bringt ein Streifen viele auf die Palme. Der schwarze Humor besteht darin, dass die „wachsamen“ Bürger, die Anzeigen gegen das „Artdocfest“ anhand von Annotationen (allem nach zu urteilen) zusammenschustern, nie erraten oder erahnen können, in welchem Film noch eine „falsche“ Realität zum Vorschein kommen wird. Die Beschreibung des Films von Julia Wischnewezkaja „Katja und Wasja gehen zur Schule“ sah beispielsweise durchaus unschuldig aus. Hauptstädtische junge Leute fahren in die Provinz, um als Lehrer zu arbeiten. Es stellte sich heraus: Dies ist ein Horrorfilm. Eine gewöhnliche, in keiner Weise privilegierte Schule anderthalb Fahrstunden von Moskau entfernt erinnert da, wenn nicht an ein Straflager, so an eine Strafkolonie. Allerdings schwingen da nicht die Lehrer das Zepter. Die nehmen widerwillig und ängstlich Kontakt mit den minderjährigen knallharten gesetzlosen Jungen und Mädchen auf. In der Klasse, die wir zusammen mit den Autoren des Films beobachten, befinden sich überraschenderweise auch denkende Kinder, gewisse Grobschlächtige. Unter guten Umständen könnten sie aus dem halbkriminellen Sumpf herauskommen. Auf sie setzen auch die Lehrer-Volkstümler, das Hipster-Mädchen Katja (unterrichtet Russisch und Literatur) und der wunderbare Wasja (Geografie). Nur scheitern Katja und Wasja. Ihre liberalen „Spiele“ braucht hier weder die Mehrheit derjenigen, die ihre Zeit (der Ausbildung) absitzen, noch die Führung. Die sich dorthin verirrten Pädagogen fahren zurück nach Moskau. Und alles in der Klasse läuft wieder wie gehabt ab. Die Flagge Russlands bei der Zeremonie der letzten Schulglocke (letzter Unterrichtstag für die Schulabgänger – Anmerkung der Redaktion) zu tragen, überträgt die Schulleitung einem kräftigen, statten Jungen, eben jenem, der sich in den Unterrichtsstunden von Katja und Wasja wie ein Bastard aufführte und die junge ungebildete Bande gegen die Lehrer aufbrachte. Da haben Sie zwei Russlands in einem Film. Und allem Anschein nach verbindet sie nichts wie auch Ost und West aus der Ballade von Rudyard Kipling.

Die eindrucksvolle Freske „Garagen-Leute“ von Natalia Jefimkina ist auch nur auf den ersten Blick ein Witz über das Phänomen des sowjetischen/russischen Lebens: Garagen-Dschungel, in denen sich die Kerle von ihren Frauen und Kindern erholen, ihre merkwürdigen Phantasien und irren Business-Initiativen verwirklichen (einer hebt unter der Garage einen Bunker mit drei Etagen aus, ein zweiter hält Hühner und presst Vogelkot zu Pellets für den Verkauf…). Zuerst lachst du, dann zuckst du zusammen, denn die Bewohner dieses Garagen-„Kosmos“ werden niemals nirgendwohin aus ihm ausbrechen. Die erfolgreichsten verdienen für einen „Toyota“ Geld, indem sie alte Metallkonstruktionen zersägen und als Schrott verkaufen. Mit mehr kann man in der hinter dem Polarkreis liegenden Kleinstadt nicht zu Geld kommen, wo schon fast kein Leben mehr in dem einstmals riesigen Schacht glimmt. Der Rhythmus des Films, die akustische Gestaltung sind jener Entropie untergeordnet, die die Menschen erfasst hat. Sie sehen Träume von einem anderen, einem lichten Leben. Aber sie haben keinen richtigen Glauben an die Realität dieses Lebens.

Vor dem Hintergrund dieser Sujets ist die Wolga-Schiffsreise, zu der die Helden des Films von Jerzy Sladkowski „Bittere Liebe“ aufbrechen, einfach ein Leben in rosaroten Farben… Dies ist eine erneute Liebeserklärung an Russland von einem Klassiker des internationalen Dokumentarfilms – eine aufrichtige, zärtliche und humorvolle. Wie er und sein Team sich unter die Urlauber gemischt und aufgelöst haben, ist ein Rätsel. Stellenweise scheint es, dass der Streifen ein Spielfilm ist und in ihm superorganische Schauspieler spielen, so sehr bleibt bei den Menschen, die wir auf der Leinwand sehen, die Verklemmung vor der Kamera aus. Und sie sind schließlich in Großaufnahmen und in sehr intimen Situationen erfasst worden. Nein, da gibt es keinerlei Erotik! Nur eine seelische Intimität. Wolgaschiffsreisen unternehmen oft „diejenigen, die über… sind“, in der Hoffnung auf einen Flirt, einen Roman oder gar eine Heirat. Sladkowski beobachtet die Dramaturgie dieser Schauspiele, schüchternen Annäherungen, der Eifersucht. Und sein Lächeln schwebt unsichtbar in der Luft des Films wie das Lächeln der Grinsekatze (eine Figur aus dem Roman „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll – Anmerkung der Redaktion). Und Pensionärinnen verstehen es zu lieben. Besonders in Russland, wo laut Statistik auf zehn Mädel neun Jungs kommen…