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Begeisterung für die „Entführung aus dem Serail“


Das 16. Internationale Festival der Künste „Djagilew P. S.“ ging Anfang Dezember mit der Petersburger Premiere der Mozart-Oper „Die Entführung aus dem Serail“ zu Ende. Die Inszenierung im Opern- und Balletttheater von Nishnij Nowgorod hatte die Regisseurin Jekaterina Odega besorgt, als musikalischer Leiter agierte der Dirigent Dmitrij Sinkowskij.

Eine Opernaufführung ist ein seltener Gast beim Festival „Djagilew P. S.“, das in den Jahren seines Bestehens einen daran gewöhnte, dass man im grauesten Monat des Jahres – im November mit einem Übergang zum Dezember – an den Ufern der Newa mit schillernden Neuheiten auf dem Gebiet des Balletts und modernen Tanzes in dem unverzichtbaren Umfeld überaus interessanter, epochaler historischer Ausstellungen bekanntmacht. Die ganze Struktur und Faktur dieses Festivals sind dazu berufen, an das Wirken des großen und mächtigen russischen Impresario Sergej Djagilew zu erinnern, der sich die grandiosen Ballett-Aufführungen im Rahmen der „Russischen Spielzeiten“ in Paris ausgedacht hatte, die nicht nur der Welt die Augen für die rätselhaften tanzenden russischen Seelen öffnete, sondern auch in Vielem das Schicksal des Balletts im 20. Jahrhundert bestimmte. Die Oper war auch eine von Sergej Djagilew geliebte. Ihr wurden im Rahmen dieser Spielzeiten sowohl Aufmerksamkeit als auch Platz geschenkt. Doch aufgrund ihrer Kostspieligkeit und Schwergewichtigkeit gab es für sie nur vereinzelte, wenn auch sehr spektakuläre Möglichkeiten. Und das Festival hat deshalb auch den wichtigen Zusatz zum Namen – P. S., Post Scriptum oder Nachwort -, der bedeutet, dass die Ideen von Djagilew nach einem Jahrhundert weiter Triebe hervorbringen. Und daher hat sich auch die Oper „Die Entführung aus dem Serail“ unerwartet als eine genaue Wahl der Festivaldirektorin Natalia Meteliza erwiesen, wobei sie noch einen Anlass gab, über die Weitsichtigkeit ihrer künstlerischen und menschlichen Intuition zu staunen.

Die Dekoration dieser Inszenierung hatte scheinbar auf den Moment gewartet, um sich auf der legendären Bühne des Großen Towstonogow-Dramentheater wiederzufinden und ideal sogar mit dem Farbspektrum des Interieurs zu harmonieren. Und als die Ouvertüre in einer Interpretation des Orchesters La Voce strumentale, das im Parkett vor der Bühne Platz gefunden hatte, zu erklingen begann, offenbarte sich die Wirkung der Erleuchtung Djagilews darin, wie leicht und einfach in diesem nicht für Opern bestimmten Saal – wie sich herausstellte — eine der Perlen Mozarts über die Liebe, Treue und das Vergeben vibrieren konnte. Das Orchester La Voce strumentale, das mit authentischen Instrumenten arbeitet und das Meisterwerk Mozarts in seiner besten Form vorstellte, hat endgültig davon überzeugt, dass es heute nur im Operntheater von Nishnij Nowgorod adäquate und sehr ernsthafte Möglichkeiten gibt, um die Traditionen der Barock- und Belcanto-Oper zu entwickeln.

In Nishnij Nowgorod war die Inszenierung der „Entführung aus dem Serail“ unter Berücksichtigung des Raums und der Bedingungen des modernen Konzerthauses Packhaus auf der Landzunge am Zusammenfluss von Oka und Wolga, das ein schönes und akustisch kein schlechtes, aber nicht für die Aufführung von technisch komplizierten Inszenierungen geeignet ist, geschaffen worden. Und daher hatte die weise und begabte Bühnenbildnerin dieser Inszenierung, Etel Ioschpa, eine einzige üppige Dekoration kreiert, eine wundervolle gigantische baumartige Blume, um sie in einem paradiesischen Garten, der in dieser Version der Oper „Die Entführung aus dem Serail“ zur Metapher eines Harems wurde, gedeihen zu lassen. Diese Blume hat man erfolgreich aus dem Boden von Nishnij Nowgorod nach Petersburg umgepflanzt, für das sie auch buchstäblich bestimmt war. Und nicht nur die „Blaue Blume“ von Novalis, die nicht nur die deutschen Romantiker, sondern auch die Petersburger Vertreter der Ausstellungsvereinigung und künstlerische Strömung Ende des 19. Jahrhunderts „Mir Iskusstwa“ (deutsch: „Welt der Kunst“), von denen einer ihr Ideologe und Inspirator Sergej Djagilew gewesen war, mit Begeisterung aufgenommen hatten. Das Genie des Orts und der eigentlich Raum des „alten Theaters mit mehreren Rängen“ richteten ihre Optik für die Wahrnehmung dieser Aufführung ein. Die Message der Regisseurin Jekaterina Odegowa und des Dramaturgen Michail Muginschtein emanierte von der Bühne des Towstonogow-Dramentheaters mit einer verstärkten Intensität, wobei die Empfindung aufkam, dass wohl  Djagilew selbst auch irgendwo nebenan staunt und sich über die Opernpremiere freut, die richtig für das Festival ausgewählt worden war. Während man im Konzerthaus „Packhaus“ von Nishnij Nowgorod bei der Aufführung die ganze Zeit dachte, wie es ihm doch an einem munteren komischen Element fehlt, das sowohl durch das Sujet als auch das Genre des Singspiels vorgesehen war, so erwies sich in Petersburg diese vom Regisseur konzipierte verstärkte Melancholie als eine zum Wetter passende.

Die gemächliche Regie, die die wenigen, aber jedes Mal richtig hervorgehobenen und akzentuierten Details sowie Gesten und Haltungen genießt, erfolgte für die Hörer im Slow-Reading-Regime, wobei erlaubt wurde, sich an der Grenze von Realität und Traum in die Musik Mozarts hineinzuhören und sie in zeitlich unterschiedlichen Zonen der Erinnerungen an die Kultur mit Assoziation zu verbinden. Die Assoziationen bedrängten dabei einander eilfertig, wobei sie zu einem ästhetischen und postmodernistischen Gericht zusammenkamen. In den Sinn kam auch die Pastorale als eine Wiege von Genres und zusammen mit ihr das pastorale Et in Arcadia ego (deutsch: Auch ich war in Arkadien.). Der Auftritt von Osmin in einer großen Einhorn-Maske zur leidenden Konstanze, der sich an ihren Füßen niedergelassen hatte, erinnerte gar an den Esel (den Weber Nick Bottom) aus dem „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare. Und das dunkel-türkisfarbene großzügig geschneiderte Kleid von Konstanze, dargestellt durch die Sopranistin Nadeschda Pawlowa, musste einfach aus den fernen Winkeln der Erinnerungen die Figur der amerikanischen Diva Jessye Norman im Kostüm der Ariadne in einer Inszenierung der Richard-Strauss-Oper „Ariadne auf Naxos“ in der New Yorker Metropolitan Opera hervorholen.

Zum Festival hatte man die erste Besetzung gebracht, in der sich der Tenor Boris Stepanow als ein unersetzlicher Belmonte erwies, für den der ironische Mozart die Partie ungeachtet des „lustigen“ Genres des Singspiels nicht schwächer als für einen Startenor in irgendeiner aufwendigen Opera seria (deutsch: ernste Oper) komponiert hatte. Vor der Reise nach Petersburg hatte der Sänger den Belmonte zweimal auf der Bühne in Nishnij Nowgorod dargestellt. Der schlanke Sänger, der ein Vollkommenheit von Körper und Klang sucht, war mit seiner an Raffiniertheit grenzenden schlanken Stimme, mit seinem aufgeplusterten Gesicht und der gepuderten Perücke mitunter dem Geist einstigen Glücks ähnlich. Der junge Bass Georgij Jekimow glänzte durch eine wahre Größe der Stimme in der Rolle des Osmin. Sein Kostüm war mit Weintrauben behangen, womit an das dionysische Wesen des Helden angespielt wurde. Und noch ein Tenor – Wladimir Kuklew in der Rolle des Dieners Pedrillo – spielte im Kontrast zu dem feinen Ästheten Belmonte. Wie auch die Sopranistin Galina Krutsch in der Partie der Blonde. Se spielte kontrastierend zur Primadonna und Aristokratin Konstanze. Galina Krutsch wurde für das Petersburger Publikum aus der Sicht ihrer Stimme zu einer Entdeckung, indem sie die Hörer durch eine europäisch geschulte Stimme mit ihrer durch ein samtenes Timbre, durch Wärme und eine intelligente Intonation sowie eine ausgezeichnet eingestellte Atmung staunen ließ. Nun, und die Konstante des Abends – Nadeschda Pawlowa in der Rolle der Konstanze, der Herrin des paradiesischen Gartens –, sie zelebrierte ihre stimmliche und darstellerische Magie, wobei sie den Saal mit Hoffnung, Glauben und Liebe im Namen des großen Mozarts ausfüllte.