Unabhängige Zeitung

Private Tageszeitung

banner ad

Beinahe erwachsene Spiele „schrecklicher Kinder“


Auf der Kleinen Bühne des wichtigsten Kindertheaters der Hauptstadt erfolgte die Aufführung der Oper „Die schrecklichen Kinder“ von Philip Glass, die die Serie der durch den Lockdown unterbrochenen Premierenvorstellungen fortsetzte. Regisseur Georgij Isaakian stellte eine Geschichte von Kindern an der Schwelle zum Erwachsenwerden vor, die offensichtlich nicht an die jungen Zuschauer appellierte (auf den Theaterplakaten steht sogar die Altersfreigabe 16+). In diesem Sinne dehnt das Theater weiter die eigenen Repertoiregrenzen aus, wobei es sich nicht auf Inszenierungen à la „Däumelinchen“ beschränkt und keine Angst hat, Experimente zu unternehmen. Die Hinwendung zur Oper des Spitzenvertreters der US-amerikanischen Richtung Minimal Music ist kein Betreten eines neuen Territoriums, sondern ein sich im Saz-Theater fast herausgebildeter Trend. Vor nicht allzu langer Zeit fanden hier gleich zwei Premieren zeitgenössischer Komponisten statt – die „Tier-Oper“ des jungen Autors Igor Cholopow und „Guidos Übungen und Tänze“, eine „Antioper“ des Maitres Wladimir Martynow.

Das Opernschaffen von Glass ist dem russischen Publikum lediglich aufgrund der Mahatma-Gandhi-Oper „Satyagraha“ in einer Inszenierung des Jekaterinburger Theaters „Ural Oper Ballett“ bekannt. Alles andere ist eine wahre Terra incognita, die Isaakian nobel zu erobern wagte. In der Oper „Die schrecklichen Kinder“ aus dem Jahre 1996 bildet die Grundlage der Grundlagen der manieristische Roman „Les Enfants terribles“ von Jean Cocteau, den Glass und seine Co-Autorin Susan Marshall erheblich zusammenstrichen, wobei sie lediglich die Gesprächsdialoge und die Worte des Erzählers beließen. Das Sujet entwickelt sich um die widersprüchlichen Beziehungen (im buchstäblichen Sinne von Liebe bis zum Hass) der Geschwister Paul und Elisabeth – zwei Halbwüchsigen, denen Liebe und Fürsorge genommen wurde und die ihre Zeit im Raum eines Zimmers verbringen. Um der tragischen Wirklichkeit zu entgehen, ziehen sie es vor, in ihrer erfundenen Welt von Träumen und Fantasien zu leben, in einer gewissen Art von Spiel. Schließlich „hat sich das Spiel den Raum und die Zeit untergeordnet, die Träume mit der Realität verbunden“. Als aber in ihre winzige Welt wie eine Schneeflocke aus dem Schulhof die Liebe hineinschneit, wird das Spiel bereits zu keinem Kinderspiel und erlangt den Charakter eines psychologischen Dramas: Elisabeth ist angesichts der Annährung ihres Bruders an ihre Freundin Agathe auf sie eifersüchtig und richtet es so ein, dass die einen anderen heiratet, Gérard. Doch im Finale, getrieben von dem Gefühl „falle du ja keinem zu“, zwingt sie Paul, Gift zu trinken.

Der Regisseur hatte das Publikum in die Mitte eben jenes Zimmers platziert, in dem Elisabeth und Paul leben. Im Bühnenbild ist sofort der einmalige minimalistische Stil von Xenia Peretruchina zu erkennen. Georgij Isaakian stellt buchstäblich Gedanken zum Thema „wohin verschwindet die Kindheit“ an, wobei er das allmähliche Erwachsenwerden dieser vier zeigt, die mal in ihren Betten liegend traurig sind, ein anderes Mal in eine Wanne eintauchen, um die Überreste des Daseins abzuwaschen, oder eine Diskothek veranstalten. Und die Abschlussszene verwandelte der Regisseur in ein wahrhaft richtiges Spiel, in ein Federball-Match, in dem sie in einem Kreuzfeuer kämpften. Die Sänger*innen hörten dabei auf heldenhafte Weise nicht zu singen auf (allerdings mussten sie im Verlauf der gesamten Aufführung auch noch ständig die Kostüme wechseln, die Kostümbildner Alexej Lobanow geschaffen hatte).

Bei der Vorstellung der „Schrecklichen Kinder“, von der die Rede ist, trat ein recht solides Ensemble von Künstlern auf: Maria Dejewa (Elisabeth), Alexandra Antoschina (Agathe), Maxim Dorofejew (Gérard) und Andrej Jurkowskij (Paul). Die geringen Intonationsungenauigkeiten und den schwimmenden bzw. unscharfen Klang der französischen Sprache kann man durchaus unter Berücksichtigung der Kompliziertheit und der Aufgaben des Regisseurs sowie der Partitur von Glass an sich, in der die Parts der Helden ununterbrochene Rezitative und eine melodische Deklamation im Geiste der Opern von Debussy und Poulenc sind, verzeihen. An der Stelle des Orchesters gibt es hier vier Pianistinnen (Anastasia Simina, Irina Krasawina, Olesja Potapowa und Darja Smirnowa), die an ihren Elektropianos an verschiedenen Punkten der Bühne sitzen und schlagkräftige Rhythmen und die einlullenden Fragmente der Melodie (schablonenhafte Muster) unter Leitung der Dirigentin Alewtina Ioffe wiedergeben. Die Musik von Glass an sich hat ungeachtet ihres scheinbaren monotonen Charakters von der Ouvertüre bis zum Finale in einer ständigen Spannung gehalten, wobei sie emotional in ihren Bann zog. Wir werden nun sehen, ob diese Inszenierung auf die Mitglieder der Jury für den russischen Theaterpreis „Goldene Maske“ eine hypnotische Wirkung ausübt: „Die schrecklichen Kinder“ sind gleich in vier Nominationen in der Kategorie „Oper/Stück“ im Rennen.