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Das Verteidigungsministerium der Ukraine bereitet eine Reform für das System der Mobilmachung vor


Ungeachtet der positiven Bewertungen für die Verhandlungen zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine seitens der USA gibt es vorerst keine Anzeichen für eine Beendigung des Konflikts. Der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij hat am 24. Februar erneut bekräftigt, dass Kiew sich nicht auf territoriale Zugeständnisse einlassen werde, und schlug vor, nach Unterzeichnung von Friedensabkommen Truppen der „Koalition der Willigen“ nahe der Frontlinie zu stationieren. Großbritannien hat bereits einen Stab mit einem 200-Millionen-Euro-Etat gebildet, der die Handlungen der (möglichen) multinationalen Kräfte in der Ukraine koordinieren soll.

Moskau hat mehrfach erklärt, dass es nicht mit einer Stationierung von NATO-Truppen in der Ukraine einverstanden sei. Die Verhandlungen ziehen sich aber in die Länge, und die Länder des Westens sind bereit, die Streitkräfte der Ukraine zwei Jahre zu unterstützen, was der für Kiew bereitgestellte 90-Milliarden-Euro-Kredit der Europäischen Union belegt.

Wie die britische Nachrichtenagentur Reuters meldete, würden die Chefs der europäischen Aufklärungsdienste die Chancen für das Erreichen eines Abkommens über die Einstellung der Kampfhandlungen in der Ukraine in diesem Jahr pessimistisch bewerten. Und dies ungeachtet der Erklärungen von US-Präsident Donald Trump, wonach die von den USA organisierten Verhandlungen die Seiten einem Konsens „recht nahegebracht“ hätten.

Wladimir Selenskij erklärte dieser Tage gegenüber westlichen Medien, dass er die Kampfhandlungen in der Ukraine für den Beginn eines Dritten Weltkriegs halte. Er hatte seine Verbündeten aus den NATO-Ländern aufgerufen, „den militärischen und wirtschaftlichen Druck auf die Russische Föderation zu verstärken, um sie zu zwingen zurückzuweichen“. Und er erinnerte daran, dass die USA den Streitkräften der Ukraine weiterhin Aufklärungsdaten im bisherigen Umfang übergeben würden, was erlaube, „erfolgreiche Attacken gegen Russland“ zu führen.

Der Oberkommandierende der ukrainischen Streitkräfte, Alexander Syrskij betonte bei einem Besuch von Einheiten in der südlichen Richtung (im Osten des Gebietes Saporoschje), dass die Situation dort eine schwierige sei. Die ukrainischen Militärs würden jedoch angeblich eine Offensivoperation durchführen. Die von Syrskij besuchte Richtung gilt als die hauptsächliche, da die Gegenattacken der ukrainischen Streitkräfte dort das Kommando der Streitkräfte der Russischen Föderation zwingen, Verbände aus dem Donbass an die Östliche Saporoschje-Front zu verlegen. Dabei hätten laut Angaben des russischen Verteidigungsministeriums „Einheiten der Gruppierung „Osten“ im Verwaltungsgebiet Saporoschje die Ortschaft Risdjanka eingenommen“ und „Formationen einer mechanisierten und von zwei Sturmbrigaden sowie von zwei Sturmregimentern der Streitkräfte der Ukraine in den Bereichen der Ortschaften Werchnjaja Tersa, Ljubizkoje, Barwinowka und Tschariwnoje des Verwaltungsgebietes Saporoschje und Welikomichailowka des Verwaltungsgebietes Dnepropetrowsk eine Niederlage zugefügt“.

Nach Einschätzungen von Medien und Experten, darunter auch ukrainischen, sei in den Streitkräften der Ukraine derzeit ein erheblicher Mangel an Militärs auszumachen. Dies sei besonders in den Sturmbrigaden und -regimentern zu spüren. Nach Schätzungen westlicher Experten müssten die ukrainischen Truppen für eine Fortsetzung der Gefechte, darunter der Offensivhandlungen, mindestens 250.000 Militärs zusätzlich für ihre Reihen erfassen. Dass dies eine sehr schwierige Aufgabe sei, teilte der neue ukrainische Verteidigungsminister Michail Fjodorow mit. „Derzeit arbeiten wir an einer komplexen Reform der Mobilmachung. Wir werden eine Systemlösung vorschlagen, um die sich über Jahre hinweg aufgestauten Probleme zu lösen und dabei die Verteidigungsfähigkeit des Landes zu bewahren“, schrieb Fjodorow, ohne Details mitzuteilen.

Unter den Bedingungen der Friedensverhandlungen wird es für Kiew sehr schwer werden, das Problem einer Erhöhung der personellen Auffüllung der Streitkräfte der Ukraine zu lösen“, meint der Militärexperte und Generalleutnant im Ruhestand Jurij Netkatschjow. „Man wird sich auf unpopuläre Maßnahmen einlassen müssen“. Bei der Analyse der Situation in der Ukraine im Zusammenhang mit der Mobilmachung sagte der Experte, dass erstens eine Reihe von Politikern und Spitzenmilitärs vorschlagen würden, das Alter der Personen, die einer unbedingten Erfassung für die Truppen unterliegen, bis auf 18 Jahre zu senken. Durch einen Erlass Selenskijs könne man dies sehr schnell tun. Doch in der Ukraine seien fast keine jungen Männer im Alter von bis zu 25 Jahren geblieben. „Im Rahmen der Mobilmachung wird man sozusagen sowohl Hinkende als auch Schielende erfassen“, vermutet Netkatschjow. Zweitens könnten die ukrainischen Offiziellen die Liste der Spezialisierungen reduzieren, deren Inhaber von einer Mobilmachung bisher nicht erfasst werden. Drittens könne man Frauen zu Wehrpflichtigen erklären, besonders jene mit technischen Spezialisierungen. Die könnten Männer in den Streitkräften für Drohnensysteme ersetzen. Und letztlich würden, viertens, die Streitkräfte der Ukraine versuchen können, auch weiter Menschen freiwillig auf Vertragsgrundlage für die ukrainische Armee zu gewinnen. „Dafür wird aber viel Geld gebraucht. Ob sich Europa darauf einlassen wird, um es der Ukraine zu geben, ist die Frage“, urteilt der Experte.

Derweil strahlte CNN einen Beitrag aus, in dem führende ukrainische Spezialisten für Bevölkerungsprobleme die Situation in der Ukraine als eine demografische Situation bezeichneten. Der amerikanische TV-Sender behauptete unter Verweis auf diese, dass „die Ukraine seit dem Beginn des großangelegten Kriegs rund zehn Millionen verloren hat. Die Geburtenrate ist drastisch zurückgegangen. Der Koeffizient der Fertilität ist unter 1 gefallen. Und im Land gibt es 59.000 Kinder ohne biologische Eltern. Das Durchschnittsalter des ukrainischen Militärs beträgt etwa 43 Jahre. Und die Verluste an der Front verwandeln das Land in ein „Land der Witwen und Waisen““.

Ukrainische Medien zitierten den Kommandeur der 429. Sonderbrigade der Streitkräfte für Drohnensysteme „Achilles“, Jurij Fjodorenko, der die „schwache Auffüllung der Einheiten der Streitkräfte der Ukraine“ für ein großes Problem hält. Dabei sieht er ein Problem gleichfalls darin, dass die Informationen über die Friedensverhandlungen die Menschen bei der Mobilmachung demotivieren würden. „Gebraucht wird das Hauptkapital des Krieges, gebraucht werden Menschen“, urteilt er. „Wenn ein Zivilist, dessen Schutz (vor einer Mobilmachung) in einem Unternehmen endet, von überall hört, dass der Krieg potenziell enden könne, er denkt: Hören Sie einmal, wozu werden wir von der Mobilmachung erfasst? … Dies beeinflusst negativ die Mobilmachungsprozesse und direkt das Recruiting“.