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Den Wählern gibt man Zeitungen und umarmt sie bei Treffen


Die Probleme mit der Zugänglichkeit des Internets für viele Bürger des Landes und die Handlungen der Offiziellen zur Blockierung einzelner Internet-Ressourcen insgesamt haben allem nach zu urteilen eine Reihe von Parlamentsparteien veranlasst, sich an die Wichtigkeit einstiger — „analoger“ — Methoden für ein Ansprechen der Wähler zu erinnern. Während die KPRF beispielsweise sie nicht vergessen hatte, begeisterten sich die Partei „Gerechtes Russland“ und die LDPR stärker für eine „digitale“ Agitation. Aber jetzt kehren sie zu den Traditionen zurück: „Gerechtes Russland“ erhöht die Auflage der Zeitung mit dem Parteinamen, und die Nachfolger von Wladimir Schirinowskij (Gründer der LDPR, der im April 2022 verstorben ist – Anmerkung der Redaktion) wiederholen seinen Schachzug – ein ununterbrochenes Reisen durch die Regionen.

Die von Sergej Mironow angeführte Duma-Partei informierte über die Herausgabe der turnusmäßigen April-Nummer der Zeitung „Gerechtes Russland“ mit Beiträgen über aktuelle Ereignisse der vergangenen Zeit: Umweltschutz, das Ansteigen der Preise, die Straßen-Situation, die (Not-) Schlachtung von Vieh in Sibirien, der Schutz von Kulturdenkmälern und die Mindestlöhne. Der Standpunkt zu diesen ist verständlicherweise ein kritischer, wie es sich in der Wahlkampfzeit gehört. Im Pressedienst der Duma-Fraktion von „Gerechtes Russland“ erläuterte man der „NG“: Erwartet werden gerade Printexemplare und nicht nur im Internet gepostete pdf-Files wie derzeit. Die föderale Ausgabe der Parteizeitung erscheint monatlich in ganz Russland. Die Auflage im März lag bei 2,8 Millionen und im April bei 3,3 Millionen Exemplaren. In der März-Ausgabe wurde besonderes Augenmerk der Festsetzung einer gerechten Höhe der Renten in Russland geschenkt, in der April-Nummer – der allseitigen Unterstützung für Mütter. Dabei erscheint zusätzlich zur föderalen Ausgabe in 30 Subjekten Russlands, in denen Wahlen zu den regionalen und lokalen Machtorganen stattfinden werden, eine einzelne Beilage zum Blatt, in der Probleme der jeweiligen konkreten Region angesprochen werden. Nach Aussagen von Vertretern der Partei „Gerechtes Russland“ werde die Auflage monatlich erhöht werden. „Unter den Bedingungen der Störungen in der Arbeit der sozialen Netzwerke erfüllt die Zeitung die wichtige Funktion der Gewährleistung eines Kontakts der Partei mit ihren Wählern. Das Blatt informiert sie in erster Linie über die Tätigkeit und Vorschläge der Partei, die auf eine Verbesserung des Lebens der Menschen abzielen“.

Derweil hat man in der LDPR bekanntgegeben, dass deren Projekt erweitert werde, das dieser Tage im Moskauer Gebiet getestet wurde. Es heißt „Auswärtiges Empfangszimmer Sluzkijs“ (Leonid Sluzkij ist seit Mai 2022 Vorsitzender der LDPR – Anmerkung der Redaktion) und unternimmt offenkundig den Versuch, auf eine Konnotation hinsichtlich der ruhmreichen Tradition des Parteigründers, in einem eigenen Zug durch das Land zu fahren, zu setzen. Zur Probe-Veranstaltung war der LDPR-Chef Leonid Sluzkij selbst angereist, der aktiv die zusammengekommenen Aktivisten und Einheimische umarmte. Die „NG“ interessierte sich vergebens im Pressedienst der Partei hinsichtlich der Frage nach dem voraussichtlichen Format der Aktionen: Wie oft werden Fahrten durch Regionen erfolgen? In einzelne von diesen oder gleich in eine ganze Gruppe von Subjekten der Russischen Föderation? Was für ein Transportmittel wird dafür genutzt werden? Und wird dies alles auch noch durch eine Online-Übertragung begleitet werden? Auf diese Fragen folgten keine Antworten. Möglicherweise, weil dazu bisher kein klares Regelwerk bestimmt worden ist.

Dennoch ist durchaus zu spüren, dass sich diese zwei Parteien von einem Setzen auf das „Digitale“ der „analogen“ Agitation in der Hoffnung zuwenden, eine sozusagen komfortable Haltung ihnen gegenüber seitens der Wähler zu erreichen. Das heißt verständlicherweise eine herzliche und gute, wobei auf den Wunsch eines nicht geringen Teils der Wählerschaft gesetzt wird, die Kandidaten und Politiker mit eigenen Augen zu sehen und die Informationen über sie aus den gewohnten Printmedien zu erhalten. Allerdings sind möglicherweise ganz wenig solcher Wähler verblieben. Und werden da die Rechnungen der Partei „Gerechtes Russland“ und der LDPR aufgehen?

Alexej Muchin, Generaldirektor des Zentrums für politische Informationen, erläuterte der „NG“: „Dies ist ein guter Schachzug. Natürlich ist dies ein Setzen vor allem auf ein betagtes Publikum, das sich an die traditionellen Methoden der Agitation gewöhnt hat, bei denen man einem Politikker die Hand reichen und eine Zeitung lesen kann. Mit der Entwicklung der Internet-Technologien fehlt es sehr an solch einer Agitation. Und heute hungern insgesamt in der Tat die Menschen nach taktilen Empfindungen. Nicht umsonst kehren sie aktiv zum Lesen von Büchern als Printausgaben zurück. Daher hat sich eine Nachfrage nach Agitationsmaterialien ergeben, die man sich zu Hause hinlegen kann, um sie zu jeder beliebigen Zeit endlich zu lesen und Bekannten zu zeigen“. Daher seien nach seiner Meinung die „analogen“ Agitationsmethoden ein Gradmesser für die Achtung gegenüber dem Wähler und dafür, dass die Parteien auf dem Boden und nicht nur online arbeiten. Und im Zusammenhang damit könnten beide Parteien nicht nur ihre Kern-Wählerschaft „Packen“. Denn neben den betagten „Traditionalisten“ ist jetzt die sattsam bekannte Generation der Träger weißer Bändchen – die in den Jahren 2011-2013 protestiert hatten – herangewachsen. „Obgleich sie die Herrschenden nicht liebgewonnen haben, haben sie aber vom Radikalismus Abschied genommen und suchen für sich eine Partei, für sie stimmen können. Für die Administration des Präsidenten werden diese Wahlen offenkundig kein leichter Spaziergang werden. Das Segment der auf Protest eingestellten und bisher schwankenden Wähler, dies sind 10-15-20 Prozent“, unterstrich Muchin.

Nach Aussagen Muchins hätten die Menschen zusätzlich Sehnsucht auch noch hinsichtlich der föderalen Wahlen an sich verspürt, die jetzt einmal in fünf, sechs Jahren stattfinden, weshalb sich eine „elektorale Spannung akkumuliert hat, die die Bürger realisieren wollen“. Derweil seien die Agitationsmethoden, denen sich jetzt die LDPR zuwendet, nach seiner Meinung nicht so sehr ein „Schirinowskij-Cosplay als vielmehr ein Zeichen dafür, dass die alten Traditionen der Partei nach wie vor wirken. Und dies sei natürlich für deren Kernwählerschaft wichtig. Jedoch werde vieles von den Pflichten seitens der Partei zur Lösung der existierenden Bürgerprobleme abhängen. Schließlich ist Sluzkij nicht Schirinowskij, auf dessen Persönlichkeit das Image der ganze Partei beruhte. Folglich werde, obgleich auf jeden Fall der „Buschfunk“ zugunsten der LDPR arbeite, seine Wirkungskraft aber von der Organisation der „auswärtigen Empfangszimmer“ abhängen. Dabei betonte Muchin, dass, obwohl es für die Menschen in der Provinz stets interessant ist, auf einen bekannten Menschen aus Moskau einen Blick zu werfen, sie einfach aus Dankbarkeit für sein Kommen schon nicht zum Abstimmen gehen werden: „Dies funktioniert schon nicht mehr so. Es besteht die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschen zu einem Treffen kommen, gucken, zuhören und für die KPRF abstimmen gehen. Gerade daher sind die Ergebnisse der Arbeit hinsichtlich solcher Reisen und nicht nur die PR-Aktionen wichtig. Ein Erinnerungsfoto mit einem Parteiführer, dies ist für die Wähler interessant, doch eine Lösung in ihren Interessen ist wichtiger“.

Der Leiter der Politischen Expertengruppe, Konstantin Kalatschjow, sagte der „NG“, dass dies ein notgedrungener Schritt seitens der Parteien sei, der mit der immer größeren Einschränkung des Internets und der digitalen Technologien zusammenhänge. Beispielsweise würden die Agitationsgruppe fast schon nicht über Messenger arbeiten, die man ausbremst. YouTube wird schlecht geladen. Und die VPN, auch wenn sie bisher nicht verboten sind, arbeiten mit Störungen. „Zu RuTube gehen die Menschen doch vor allem wegen Raubkopien von Filmen“, erläuterte Kalatschjow. „Und diese Situation an sich veranlasst daher die Parteien zu „Old-School“-Arbeitsmethoden. Dies sind jedoch Technologien nicht aus den 90ern, sondern vom Beginn der 2000er. Das heißt: Alle „alten“ Parteien und ihre unabsetzbaren Führer erinnern sich sowohl der Zeitungen als auch der Plakate und Faltblätter. Sie sind mit solch einer „analogen“ Agitation vertraut und können durchaus mit diesen Methoden handeln. Und obgleich in den letzten Jahren die Rolle des Internets in der Agitation zugenommen hat, erfolgt gegenwärtig einfach eine Rückkehr zur Klassik – zu einer bewährten, verständlichen und bequemen“. Kalatschjow unterstrich, dass Vieles gleichfalls von der Realisierung der Agitationskonzeption und von den Instrumenten der Zustellung der Agitationsmaterialien abhängen werde. Allerdings werde nach seiner Meinung die „Post Russlands“ mit Vergnügen für die Systemparteien arbeiten. Doch außer ihr gibt es auch noch die Verteilung von Zeitungen durch Aktivisten der Regionalabteilungen auf den Straßen“.

Dabei arbeite auch die von der LDPR angewandte Technologie für die Popularität der Partei: „Die Menschen wollen auf jeden Fall angehört werden, wobei es nicht obligatorisch ist, dass das Problem sofort gelöst wird. Obgleich die Wirkung des „Kommens eines bekannten Menschen“ für den Ankunftsort eine unterschiedliche sein wird. Die eine Sache sind die Einwohner von großen Städten, und eine ganz andere sind die kleinen und mittleren Städte und umso mehr die Kreiszentren. Dort werden sich auch die Spitzenreiter der öffentlichen Meinung sehr über das Feedback mit den politischen Parteien freuen“. Wichtig sei aber auch das, meint Kalatschjow, wer und wie die Aufnahmen in den „auswärtigen Empfangszimmern von Sluzkij“ organisiert. „Es ist eine Sache, wenn der LDPR-Chef selbst kommt oder zumindest Abgeordnete der Staatsduma. Es ist aber eine ganz andere, wenn den Empfang ein einheimischer LDPR-Abgeordneter aus dem Stadt- oder Gebietsparlament durchführt. Genauso, wie immer man es auch richten mag, wird eine Erfolgsgeschichte gebraucht, Beispiele für erfolgreich gelöste Probleme. Und natürlich ist eine sich überkreuzende Agitation notwendig: Der Parteichef hat ein Treffen mit der Bevölkerung durchgeführt. Solche und solche Fragen sind geklärt worden. Und darüber ist etwas in der Zeitung gedruckt und im Internet geschrieben worden“, unterstrich Kalatschjow. Er erinnerte daran, dass zu Zeiten der früheren LDPR ihre Vorsitzender Geld an Rentner bei solchen Treffen verteilt hatte. Und die Agitationsbrigade der LDPR verteilte nützliche Sachen wie T-Shirts, Basecaps, Kugelschreiber usw. Nach seiner Meinung hätten die Parteien, die aktiv klassische Agitationsmethoden nutzen, alle Chancen, nicht nur ihre, sondern auch zweifelnde, schwankende Wähler zu gewinnen. „Derzeit spielen den Parteien die Zunahme des sozialen Unmuts und die zunehmende sozial-ökonomische Krise in die Hände. Und die (Kremlpartei) „Einiges Russland“ diente stets als Blitzableiter. Daher suchen viele, die gestern noch bereit waren, für die regierende Partei zu stimmen, und plötzlich mit irgendwelchen Problemen konfrontiert wurden, nach einer Partei der zweiten Wahl. Und wenn sie unzureichend radikal eingestellt sind, um für „Jabloko“ zu stimmen, so können sie durchaus eine der Parteien der Duma-Opposition unterstützen. Das heißt, eine kluge Agitation kann nicht nur Rentner, sondern auch diejenigen, die beispielsweise aufgrund sozial-ökonomischer Probleme, der Verlangsamung des Internets usw. unzufrieden sind, anziehen“, konstatierte Kalatschjow.