Die Rolle, die die NATO im Falle einer Beendigung der Kampfhandlungen in der Ukraine spielen wird, bleibt selbst nach der Münchner Sicherheitskonferenz und den trilateralen Verhandlungen in Genf unbestimmt. Die Nordatlantische Allianz setzt nicht nur die Unterstützung für Kiew fort, sondern studiert auch aktiv die Gefechtserfahrungen, die durch die Streitkräfte der Ukraine an der Front gewonnen worden sind. Besondere Besorgnis lösen die Pläne für eine Verstärkung des Einflusses der NATO in der Ukraine und an den Grenzen zu Russland nach Beendigung des Konflikts aus.
Wie militärische und diplomatische Quellen mitteilen, beabsichtige Russland, von der NATO Vereinbarungen über eine Nichterweiterung der Allianz gen Osten und eine Nichtbeteiligung der Ukraine an der Tätigkeit dieser militärpolitischen Organisation zu erwirken. Sowohl die Allianz als auch die Ukraine weisen vorerst diese Forderungen zurück.
Der ukrainische Präsident Wladimir Selenskij hat erklärt, dass die „Amerikaner und möglicherweise einige Europäer mit der Russischen Föderation ein neues Dokument zwischen der NATO und Russland diskutieren“, und beklagte sich erneut, dass die Ukraine nicht zur NATO gehören würden. Die Administration der USA sehe derzeit die Ukraine nicht unter den Mitgliedern der Allianz. Dies bedeute aber nicht, dass das Land in der Zukunft nicht dem Block beitreten werde, meint Selenskij.
Die dieser Tage begonnenen größten Manöver „Steadfast Dart 26“ (deutsch: „Standhafte Speerspitze 26“) dieses Jahres beobachtend, sprach der deutsche Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) „von einer Zuspitzung der Situation hinsichtlich der Sicherheit im Ostseeraum aufgrund der hybriden Gefahren seitens Russlands“. Und die Übung, an der rund 10.000 Militärs, über 1500 Fahrzeuge und 17 Schiffe aus 13 Ländern (lt. Angaben der Bundeswehr-Internetseite elf Länder – Anmerkung der Redaktion) teilnehmen, demonstriere nach Aussagen von Pistorius „die Ernsthaftigkeit der Absichten der NATO in Fragen einer Zügelung der Russischen Föderation“.
Ob Einheiten der Streitkräfte der Ukraine an der „Steadfast Dart 26“-Übung teilnehmen, wird nicht mitgeteilt. Doch Kräfte der NATO und der ukrainischen Armee haben bei Manövern im Jahr 2025 bereits mehrfach gemeinsame Handlungen trainiert. Wie das amerikanische Blatt The Wall Street Journal meldete, hat an den Manövern der Allianz „Hedgehog 2025“ („Stacheligel 2025“), die im Mai vergangenen Jahres in Estland durchgeführt wurden, neben Militärangehörigen aus zwölf NATO-Ländern eine Einheit ukrainischer Drohnenpiloten „mit Gefechtserfahrungen“ teilgenommen. Sie demonstrierte hohe Kampffertigkeiten, die die Möglichkeiten der anderen Manöverteilnehmer übertrafen*).
Laut Medien-Angaben haben gerade deshalb Kiew und Berlin jüngst ein Abkommen über eine Integrierung ukrainischer Ausbilder in Schulen und Gefechtsausbildungszentren der deutschen Landstreitkräfte unterzeichnet. Wie in der vergangenen Woche das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ berichtete, werden die Militärs aus den Streitkräften der Ukraine Bundeswehr-Kollegen Fertigkeiten bei der Gefechtsplanung und -organisation, des Einsatzes von Drohnen und der „Führung von Truppen mittels Apps in Mobiltelefonen, die gleichfalls in der Lage sind, einen Nachschub von Munition und die Evakuierung von Verwundeten zu koordinieren“, vermitteln. „Keiner in der NATO hat mehr Gefechtserfahrungen als die Ukraine. Wir müssen sie nutzen“, zitierte das Magazin Vertreter der Militärführung der BRD.
Um die militärische Unterstützung und ein Zusammenwirken in Fragen eines Akkumulierens und Nutzens der Gefechtserfahrungen der ukrainischen Streitkräfte ging es in der vergangenen Woche auch bei einem Treffen der NATO-Verteidigungsminister, unter anderem bei einer Begegnung des neuen ukrainischen Verteidigungsministers Michail Fjodorow im Ramstein-Format in Brüssel. Westliche Medien hatten da die Erklärung der Allianz hervorgehoben, in der gesagt wurde: „Die Ukraine bleibt ein zentrales Thema für die Mitglieder der NATO und der EU. Und es geht nicht nur um schnelle Waffenlieferungen, sondern auch um eine langfristige Architektur für die Sicherheit Europas“.
„Über eine Inklusion der Ukraine in die militärischen Strukturen der NATO wird auf offizieller Ebene wenig geschrieben“, sagte der „NG“ der Militärexperte und Generalleutnant im Ruhestand Jurij Netkatschjow. „Jedoch haben Vertreter der Ukraine und der NATO-Führung vor einem Jahr in der polnischen Stadt Bydgoszcz ein Vereinigtes Zentrum für Analyse, Training und Ausbildung und Bildung (NATO-Ukraine Joint Analysis, Training and Education Center – JATEC) eröffnet. Dies ist eine der wichtigen Strukturen, in der ukrainische Offiziere mit ihren Kollegen aus der Allianz zusammenwirken. Sie tun dies als gleichgestellte“. Urteilt man anhand offener Dokumente, ist eines der Hauptziele des JATEC, die im Konflikt mit der Russischen Föderation gesammelten Gefechtserfahrungen zu analysieren und die Verteidigung der NATO und der Streitkräfte der Ukraine auf ein qualitativ neues Niveau zu heben.
Die Leiterin der Mission der Ukraine bei der NATO, Aljona Getmantschuk, teilte mit, dass im Rahmen der Tätigkeit des JATEC und des früher geschaffenen Koordinationszentrums für militärische Hilfe für die Ukraine NSATU in Wiesbaden im Dezember vergangenen Jahres wichtige Stabsübungen der ukrainischen Streitkräfte und der NATO stattgefunden hätten. „Ukrainische Militärs haben erstmals in der Geschichte an NATO-Kommando-Stabsübungen „Loyal Dolos 2025“ mit der Ausrichtung auf eine Ausbildung von Stäben auf der Ebene von Korps teilgenommen“, betonte sie. Urteilt man anhand offener Informationen, waren als Hauptgegner bei diesen die Streitkräfte Russlands ausgewiesen worden. Getmantschuk akzentuierte, dass „dies schon keine Manöver waren, die für die Partner der NATO offene sind und an denen die Ukraine traditionell teilnahm, sondern gerade „interne“ Übungen für die Mitgliedsstaaten der Allianz“.
Getmantschul berichtete gleichfalls, dass erstmals in der Geschichte der Seestreitkräfte der Ukraine diese an den NATO-Seemanövern „REPMUS/Dynamic Messenger» teilgenommen hätten, die im Herbst vergangenen Jahres vor der Küste Portugals stattgefunden hatten. „Die Manöver berücksichtigten die heutigen Tendenzen eines Seekrieges. Bei ihnen wurden ukrainische Seedrohnen eingesetzt. Und das ukrainische System für eine situative Achtsamkeit DELTA ist durch das vereinte Kommando der NATO-Teilnehmerländer als ein Führungsinstrument verwendet worden. Das heißt: Faktisch geht es um ein Testen ukrainischer Führungsinstrumente in einem multinationalen Umfeld der Nordatlantischen Allianz“, zitierten westliche Medien A. Getmantschuk.
„Ich werde nicht überrascht sein, wenn Meldungen auftauchen, wonach derartige Fragen jetzt bei den NATO-Übungen „Steadfast Dart 26“ im Ostseeraum trainiert werden. Eine Teilnahme von Beobachtern und Ausbildern, aber auch von Besatzungen für Seedrohnen aus den Streitkräften der Ukraine an ihnen ist durchaus möglich“, spekuliert Jurij Netkatschjow.
P. S.
Vier Jahre dauert bereits der bewaffnete Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, der offiziell am 24. Februar 2022 begonnen hat. Ein Ende ist aber nach wie vor trotz einer Intensivierung der Verhandlungen für eine Beendigung – vor allem unter dem Druck der Trump-Administration – nicht in Sicht. Doch eine Besonderheit der Gefechte wird von allen Militärexperten und Militärs seit langem hervorgehoben: der massive Einsatz von Drohnen. Beide Seiten nutzen in großem Maßstab diese neue Technik, die die Situation an der Front wesentlich beeinflusst, aber auch neue Herangehensweisen in der Gefechtsplanung hervorgebracht hat. Russland und die Ukraine haben inzwischen gar Drohnen-Truppen als eine eigenständige Waffengattung etabliert. Überdies helfen Drohnen, die Verluste unter den Militärs auf einem geringeren Niveau zu halten.
Die ukrainischen Drohnenteams haben in den Jahren des Konflikts umfangreiche Erfahrungen gesammelt, was durch NATO-Militärs nicht nur unverhohlen gewürdigt wird, sondern diesen auch deutlich macht: Die westlichen Truppen weisen gravierende Schwächen auf diesem Gebiet der Kriegsführung auf, haben erheblichen Nachholbedarf. Kleindrohnen haben inzwischen das Gefechtsfeld so transparent gemacht, dass jeglicher Fehler beim Vorrücken und bei der Tarnung gnadenlos bestraft wird. Bittere Lektionen erteilten so ukrainische Drohnen-Piloten beispielsweise den Militärs aus der Allianz beim NATO-Manöver „Hedgehog 2025“ in Estland.
*) siehe auch https://www.merkur.de/politik/manoever-ganze-nato-einheiten-aus-militaers-blamiert-ukrainische-drohnenpiloten-loeschen-bei-zr-94171669.html