Auf dem Territorium Abchasiens ist am 6. Februar die Arbeit der Punkte für die Ausstellung russischer Inlandspässe und Fahrerlaubnisse eingestellt worden. Jetzt ist der Erhalt dieser Dokumente für die Bürger Abchasiens nur auf dem Territorium der Russischen Föderation möglich. Außerdem müssen sie eine Gebühr von 4000 bis 6000 Rubel entrichten.
Ungewöhnlich sieht nicht so sehr der „Schritt zurück“ als vielmehr der Begründungsteil aus. Wie auf der Internetseite der Botschaft Russlands in Abchasien mitgeteilt wird, sei zum Grund für eine derartige Entscheidung die Meinung abchasischer Parlamentarier geworden: „Am 4. Februar hatten bei einer Sitzung des Parlamentsausschusses für Verteidigung und nationale Sicherheit eine Reihe von Abgeordneten, unter anderem Kann Kwartschia, der dies später öffentlich kommentierte, die Rechtmäßigkeit des Aufenthalts von Spezialisten des Migrationsdienstes von Russlands Innenministerium in Abchasien angezweifelt, wobei sie dies als eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten des souveränen Staates darstellten“.
Die russische Staatsbürgerschaft besitzen laut Angaben der Botschaft zum gegenwärtigen Zeitpunkt bereits rund 190.000 Einwohner Abchasiens. (Lt. Angaben des Staatskomitees der Republik für Statistik machte die gesamte Bevölkerungszahl im Jahr 2025 243.897 Menschen aus.) Dabei haben die meisten von ihnen nur Reisepässe der Russischen Föderation, die auf dem Territorium der Republik seit Beginn der 2000er Jahre ausgestellt wurden. Inlandspässe sind, wie in einem Kommentar des russischen Botschafters in Abchasien, Michail Schurgalin, „auf der Grundlage einer Entscheidung des Präsidenten Russlands und in Abstimmung mit dem Präsidenten Abchasiens und den abchasischen Behörden“ kostenlos ausgestellt worden. Und dies mit dem Ziel, „für die Einwohner Abchasiens maximal komfortable Bedingungen zu schaffen“.
Wie der erwähnte Abgeordnete Kwartschia in seinem Videoauftritt vom 7. Februar erklärte, sei die Sitzung des Komitees, von der im Auftritt Schurgalins die Rede ist, eine geschlossene gewesen, und die Informationen über die Diskussionen sollten zu einem Gut der Öffentlichkeit werden (nach Aussagen des Abgeordneten, die wahrscheinlich „zweibeinige Wanzen breitgetreten haben“). Dabei seien die abchasischen Parlamentarier nach Aussagen von Kwartschia ganz und gar nicht gegen die Ausstellung russischer Pässe auf dem Territorium des Landes gewesen. Sie hätten lediglich die Frage nach der gesetzgeberischen Basis und der Notwendigkeit des Abschlusses eines entsprechenden zwischenstaatlichen Abkommens zwischen Abchasien und Russland aufgeworfen. „Das Parlament hat keinerlei offizielle Erklärungen abgegeben“, unterstrich Kwartschia.
Das, was geschehen ist, kann man in keiner Weise als einen Erfolg der russischen Politik in der abchasischen Richtung bezeichnen. Die Frage besteht nur darin, was für ein Ziel in diesem Fall die russischen Beamten verfolgten. Und die beschäftigt gleichermaßen sowohl abchasische als auch russische Beobachter.
Die Irritation seitens der Bevölkerung der Republik sieht als eine durchaus natürliche aus. Jetzt sind die Einwohner Abchasiens gezwungen, wegen Pässe nach Sotschi zu fahren, drei Stunden an der Grenze zu stehen und überdies auch noch Gebühren zu zahlen (die abchasischen Durchschnittslöhne sind dabei mit den russischen unvergleichbar). Es wirkte gleichfalls die Kraft der horizontalen Verbindungen sowohl in der abchasischen Gesellschaft als auch die innerabchasische Solidarität: Dass einem konkreten Abgeordneten alle Unglücke des Volks angelastet werden – „aufgrund von Kann Kwartschia haben Sie doch all ihre Schwierigkeiten!“ -, wird von den Einheimischen als ein zielgerichteter Versuch der Moskau aufgefasst, „die Abchasen gegeneinander aufzubringen“.
Ein gesonderter Aspekt ist die Haltung der heutigen Abchasen zu Dokumenten und überhaupt zum Wort „Pass“. Man muss da die historischen Traumata der Sowjetzeit berücksichtigen, als die Abchasen gezwungen gewesen waren, Pässe mit einer Seite, die in der fremden und für die meisten von ihnen unverständlichen georgischen Sprache ausgestellt war, anzunehmen. Mit dem Beginn des georgisch-abchasischen Konflikts begannen viele Abchasen, diese Seite aus ihrem Pass herauszureißen. Im Ergebnis dessen blieben viele ohne gültige Dokumente. Übrigens, vor etwa vier Wochen strahlte der abchasischen Fernsehkanal Abaza-TV den Dokumentarfilm „Das Projekt: abchasischer Pass“ aus, der dem 20. Jahrestag der Ausstellung von Pässen für die Bevölkerung in der Republik gewidmet war. Wie die Helden des Films, abchasische Politiker und Vertreter des öffentlichen Lebens, die an der Ausarbeitung und Herstellung der ersten Serie von nationalen Personaldokumenten teilgenommen hatten, unterstreichen, sei gerade der grüne Pass ein reales Symbol der abchasischen Unabhängigkeit („denn, wenn wir uns selbst nicht anerkennen, wird uns keiner anerkennen“). In diesem Sinne wird die russische Entscheidung vom 6. Februar jetzt als eine Rache angesehen: Ihr wollt keine russischen Pässe, na dann bleibt allein mit den abchasischen, die keiner in der Welt anerkennt.
Schließlich wird das Entgegenstellen der Worte abchasischer Abgeordnete dem Wille des russischen Präsidenten von vielen in Abchasien als eine direkte Beleidigung aufgefasst: Mehr Fans Putins als die Einwohner von Abchasien und Südossetien sind schwer zu finden. „Putin ist für uns wie Lenin“, sagt man in Suchumi. Den Grad der prosowjetischen Stimmungen und Nostalgie hinsichtlich der Zeiten der UdSSR in Abchasien unterschätzt Moskau allem nach zu urteilen auch.
Die Versuche anonymer Telegram-Kanäle, die Situation zu glätten und die russische Entscheidung durch die Stimmen virtueller „Abchasen“ zu rechtfertigen, haben die Situation nur verschlimmert. In dem kleinen Abchasien erfährt man Nachrichten nicht aus den sozialen Netzwerken, sondern im Café an der Uferstraße: „Gehen Sie in die Stadt, und Sie erfahren die öffentliche Meinung“. Die Vorwürfe gegen oppositionelle Abgeordnete seitens des Präsidentschaftsberaters Sergej Schamba („man muss dennoch an die Menschen denken“) und seitens des Vorsitzenden der Partei „Einiges Abchasien“, Alchas Barsanija („dies trifft die ungeschützten Schichten unserer Bevölkerung“) wurden – allem nach zu urteilen – erneut als „Worte für den Export“ wahrgenommen. Das heißt als ein für alle bereits gewohnten Informationsrummel und als neue Versuche einzelner Politiker Abchasiens, den Schlag abzuschwächen.
Zur gleichen Zeit konnte man die Reaktion der Abchasen auf die „Kehrtwende“ mit den russischen Pässen ganz einfach unter Berücksichtigung des Kontexts der russisch-abchasischen Beziehungen der letzten Jahre prognostizieren. Er ist nicht der günstigste. Wie oft wiederholt man heute in Suchumi: „Die bonbonsüße und Blumenzeit ist vorbei“. Die russische Präsenz in Abchasien, die auf der Welle der diplomatischen Anerkennung im Jahr 2008 so begeistert aufgenommen wurde, löst heute bei den Abchasiern immer häufiger ein gequältes Lächeln aus. Nur die kühnsten der einheimischen Oppositionellen und Veteranen des Krieges von 1992-1993 entschließen sich, mit einem offenen Protest gegen das Eingreifen russischer Bürokraten und Geschäftsleute in die inneren Angelegenheiten ihres Landes aufzutreten. Die übrigen aber urteilen mit Besorgnis und halblaut: „Gut, wir verzichten auf die russische Hilfe… Wie viele Tage werden wir dann allein durchhalten?“. Ja, aber dies fügt den russisch-abchasischen Beziehungen nur keine Freude und Herzlichkeit hinzu. Und die Menschen, die in die Enge getrieben worden sind, werden sich kaum als unsere Verbündeten und Freunde empfinden.
Insgesamt bewerten die Einheimischen die von den russischen Offiziellen getroffene Entscheidung nach Aussagen der angesehenen Gesprächspartner der „NG“ in Abchasien nicht als einen „Beleg von Stärke“, sondern als „das Unvermögen sich zu einigen“. Anders gesagt: als emotionale Reaktion und Unfähigkeit, Beziehungen mit den Kaukasiern zu gestalten. Es besteht die Meinung, dass man in diesem Fall, anstatt überstürzt zu handeln und die einfachen Bürger Abchasiens zu bestrafen, die juristischen Verstöße in dem Prozedere hätte beseitigen können (zum Beispiel durch eine Übergabe der Funktion des Ausstellens von Pässen an die Konsulatsdienste). Übrigens, in den abchasischen Traditionen gilt die Regel: Bevor man „schießt“, muss man „reden“.