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Die „Dorfprosa“ in der Epoche des technischen Fortschritts


Valentin Rasputin (1937-2015) veröffentlichte „Abschied von Matjora“ vor 50 Jahren, 1976. Er war bereits ein reifer Schriftsteller. Zu jener Zeit waren beispielsweise bereits seine berühmten „Französischstunden“ erschienen. In „Abschied von Matjora“ erklingt mit voller Kraft eben jene Autoren-„Stimme, die … buchstäblich wie eine auf besondere Manier magnetisierte Saite selbst die für ein vollständiges und genaues Erklingen notwendigen Worten anzog“. Diese, den letzten Monaten des (Insel-) Dorfs Matjora (in dem Namen, in dem die Wörter „Mutter“ und „eingefleischt“, das heißt „mächtig“, „einstig“, „bewährt“ miteinander verschmolzen, ist deutlich ein Urbild der Heimat der Vorfahren auszumachen) gewidmete Erzählung ist sowohl ein Requiem für das verschwindende bäuerliche Russland als auch ein klassisches Beispiel der „Dorfprosa“ — einer der bedeutendsten Richtungen der einheimischen Literatur beginnend ab den 1960er Jahren, deren markantesten Vertreter Wassilij Schukschin (1929-1974), Viktor Astafjew (1924-2001), Wassilij Below (1932-2012), Fjodor Abramow (1920-1983), Wladimir Solouchin (1924-1997), Wladimir Krupin (1941) und andere sind.

In „Abschied von Matjora“ spiegelte sich alles Wichtige, alles Wertvolle wieder, was die „Dorfprosa“ ihren Lesern schenkte und schenkt. Nicht zuletzt ist dies eine lebendige, bildhafte und pralle Sprache. Die Natur und die Menschen sind hier mit jener Genauigkeit dargestellt worden, die nur ein schriftstellerischer Professionalismus und die Liebe dafür, worüber du erzählst, vermitteln können. „Dort, wo der Verlauf ein reiner war, versank der hohe strahlende Himmel tief im Wasser. Und die Angara, die einen rief, schien in der Luft zu fliegen“. Charakteristisch für diese Sprache sind auch die Worte, die solch ein Meister wie Rasputin nicht missbraucht und deren Bedeutung der nicht aus einem Dorf kommende Leser nur anhand des Kontexts zu erraten vermag: „Diwlja“ (deutsch: „Wunder“), „Kukowanje“ (deutsch: „Kuckucksruf“), „Krosna“ (deutsch: „Handwebstuhl“) oder beispielsweise „Saparnik“ – kein böser Chef, der den Unterstellten „einheizt“, wie man denken könnte, sondern ein Kocher zum Aufbrühen von Tee. Diese Worte, für das Ohr eines Stadtbewohners ungewohnte sind, sind sowohl musikalisch als auch angebracht. Und versetzen jedes Mal aufgrund der Möglichkeiten der russischen Sprache als ein universelles Instrument in konkreten Lagen – mit Blick auf den Ort, die Menschen und Situation – in Erstaunen.

Mit diesen Worten werden auch mit einer entwaffnenden Direktheit die Mängel der „städtischen“, der „großen“ Welt beschrieben. Wo der Mensch „als solcher nicht lebt, sondern die ganze Zeit sich zu verstellen versucht“ und „da ständig herumspringt, herumflitzt… Wo man dahinschreiten kann, rennt er“. Natürlich, aus der „großen“ Welt kommen Technik und Technologien. „Die Maschinen arbeiten für euch. Ja, aber. Schon lange arbeiten sie nicht für euch, sondern ihr arbeitet für sie… Da bleibt schon keine Zeit für dich, das ist nicht für den Menschen… Euch ist da eine große Kraft beschert worden. Ach, was für eine große!… Ja, wie sehr sie gegen euch nicht kämpfen mag, dies ist doch eine Kraft… Sie ist doch eine große, ihr aber so wie ihr kleine gewesen wart, so seid ihr sie auch geblieben“.

Als Gegengewicht dazu ist umfangreich die ländliche Lebensweise als eine maximale, durch Jahrhunderte geprägte Anpassung des Existierens des Menschen an seine psychologische, physiologische und andere Organisation dargestellt worden. Wo sich sowohl das Dorf als auch jeder dessen Einwohner von der Geburt bis zum Tod „innerhalb der sich in der Natur vollziehenden Veränderungen“ befindet, „wobei er nicht zurückbleibt und nicht jedem Tag vorauseilt“. Vor diesem Hintergrund ist nicht einmal die Naivität, die „Rückständigkeit“ der Dorfbewohner bedeutsam, die mitunter komische Nuancen erlangt. In „Abschied von Matjora“ können es beispielsweise die Freundinnen der betagten Sima nicht fassen, wie sie „Moskau sehen konnte, während keiner von ihnen es gesehen hatte? Ja, na und? Wenn sie nebenan gelebt hatte? Nach Moskau – schau nur – lässt man auch nicht alle fortlaufend“.

Und die Vertreter der „Dorfprosa“ hatte es bereits damals nicht gefürchtet, das Schlüsselproblem der nichtdörflichen Welt – das Vergessen der Gottesgebote – zu benennen, in der sowjetischen, der „nichtreligiösen“, in Vielem „antireligiösen“ Zeit. In „Abschied von Matjora“ spricht darüber die feinfühlige gerechte Darja, die zentrale Figur der Erzählung: „Die Menschen haben ihren Ort unter dem Herrn vergessen… Wir sind nicht besser als die anderen, die vor uns gelebt hatten… Belade das Fuhrwerk mit so viel, wie der Gaul ziehen kann, sonst werden wir (später) gar nichts mehr transportieren“. Im Unterschied zur „städtischen“, der vollgestopften und gefährlichen Welt bilden die Grundlage der geistigen Welt der meisten Helden der „Dorfprosa“ die intuitive oder bewusste Nähe zu Gott (obgleich man in „Abschied von Matjora“ die Kirche „als ein Lagerhaus angepasst hatte“, betet eben jene Darja innigst, und die teuerste Definition für sie, die Kirche, ist „die des lieben Christus“) und das tiefe Gefühl des Geschlechts, der Verbindung der Generationen.

Überhaupt handelt die ganze „Dorfprosa“, selbst jene brisanten journalistischen Essays, mit denen sie in den 1950ern begonnen hatte, nicht von der Aktualität an und für sich, sondern vom Preis, der Würde des heutigen Tages als ein Fragment der Ewigkeit, des Bindegliedes, das die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet. Und „Abschied von Matjora“ Rasputins ist natürlich keine Ausnahme. Unter den Schlüsselepisoden der Erzählung sind die Überlegungen von Darja über ihre Verantwortung (und das ist auch der Grund dafür, dass die Herangehensweise „und wie hätte sie, eine ungebildete Alte, die Entscheidung über den Bau des Wasserkraftwerkes beeinflussen können? An diese Heldin nicht anwendbar ist) für das Geschehen. Die Verantwortung sowohl vor Gott als auch vor der Gemeinschaft. „Wie viele hatte es von ihnen gegeben, bevor die sie erreichte? Und wie viele wird es nach ihr geben! … Was muss ein Mensch fühlen, für den viele Generationen gelebt haben?…“

In der Erzählung antworten auf diese Frage alle auf einmal – sowohl die gegenwärtigen als auch die vergangenen: „Was soll man denn fragen? Dies ist nur für euch unverständlich. Hier aber ist alles bis ins Kleinste klar. Wir sehen jeden von euch und werden von jedem Rechenschaft fordern. Fordern und fordern. Ihr seid wie auf einer Ausstellung vor uns. Wir werden auch allen in die Augen schauen, gucken, wer was macht, wer sich wessen erinnert. Die Wahrliegt liegt in den Erinnerungen… Wer keine Erinnerungen hat, der hat kein Leben“.

In einem bekannten Sinne löst eben diese Aufgabe sowohl der Autor von „Abschied von Matjora“ als auch insgesamt die „Dorfprosa“: Sie zeigt dem Leser, welche Etappe der Industrialisierung er auch immer zurückgelegt haben mag, jenes Land, jenen Boden, das bzw. der ihn großgezogen hat, wo seine Wurzeln sind. Das Dorf war die Grundlage Russlands – sowohl des zaristischen als auch des sowjetischen. Die Vorkriegsindustrialisierung, der Große Vaterländische Krieg, der Wiederaufbau nach dem Krieg – all dies wurde vor allem auch dank der Kräfte der Bauernschaft gemeistert, oft außerhalb der Grenzen dieser Kräfte (wovon zum Beispiel „Sind wir ja gewohnt“ von Wassilij Below handelt). Ja, und auch heute wird das Brot, das wir essen, nicht durch eine künstliche Intelligenz auf abgelegenen Servern hergestellt.

Das Dorf in der „Dorfprosa“ – dies ist nicht über eine ländliche Exotik: ein geregeltes Leben, frische Luft und frisch gemolkene Milch am Morgen. Die Haupttrauer der Vertreter der „Dorfprosa“ besteht darin, dass in den Menschen vieles verschwindet, was die moralische Grundlage der Dorfgemeinschaft gebildet hatte – Offenheit, Gutmütigkeit, Redlichkeit und Einfachheit. Und dies ist schon keine Traurigkeit um die Vergangenheit, sondern eine Besorgnis um das Neue. Das nie Fuß fassen wird – nun nicht ohne das Alte, aber ohne jenem Besten, Ehrlichen und Zuverlässigen, das es in ihm gegeben hatte. In dieser Besorgnis sind die Vertreter der „Dorfprosa“ weitaus moderner, sprich aktueller als jegliche ultramodernsten Strömungen – darunter der literarischen.