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Die gescheiterte „Bussifizierung“ und der Mangel an Munition verursachen für die Ukraine neue Probleme


Russland hat die „Energie-Feuerpause“ unterbrochen und in der Nacht zum Dienstag einen massiven Schlag gegen die kritische Infrastruktur der Ukraine geführt. Nach Einschätzungen von Experten habe dies der ukrainischen Rüstungsindustrie Schaden zugefügt. Der Westen ist aber bereit, die Streitkräfte der Ukraine mit neuen Waffen zu versorgen, die bald im Land eintreffen sollen. Nach Aussagen von NATO-Generalsekretär Mark Rutte, der am 3. Februar in Kiew weilte, werde die das Verteidigungspotenzial der Ukraine verstärken. Und wenn die Friedensverhandlungen scheitern, werde dies die Fähigkeit der ukrainischen Streitkräfte sichern, die Kampfhandlungen zumindest bis zum Frühjahr fortzusetzen.

Das Verteidigungsministerium der Russischen Föderation vermeldete am Dienstag, dass „ein massiver Schlag mit hochpräzisen Waffen großer Reichweite gegen Unternehmen des Rüstungsindustrie der Ukraine und gegen Energieobjekte, die für ihre Interessen genutzt werden“, als eine Antwort auf die Attacken der Streitkräfte der Ukraine geführt worden sei. Von einer schwierigen Situation im Grenzgebiet des Verwaltungsgebietes Belgorod im Zusammenhang mit massenhaften Schlägen der ukrainischen Streitkräfte gegen friedliche Ziele hatte dessen Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow berichtet. Seit Anfang dieses Jahres sind laut Angaben des Beamten in der Region 21 Zivilisten ums Leben gekommen, 98 Menschen wurden verwundet, wobei die Zahl der Toten um das 10fache im Vergleich zum Jahr 2025 zugenommen habe. Eine analoge Situation beschreiben die Offiziellen des Donbass sowie der Verwaltungsregionen Cherson, Saporoschje, Kursk und Belgorod.

Die zusammengefasste Statistik der Schläge der Streitkräfte der Ukraine gegen die Regionen Russlands in der vergangenen Woche (vom 26. Januar bis einschließlich 2. Februar) belegt, dass durch den Beschuss 75 Zivilisten betroffen wurden“, erklärte der „NG“ der Militärexperte und Oberst im Ruhestand Nikolaj Schulgin. „Von ihnen wurden 63 Menschen verwundet, ums Leben gekommen sind zwölf. Und im vergangenen Monat sind in Russland über 500 Zivilisten ums Leben gekommen und wurden verwundet. Die Berechnung zeigt gleichfalls, dass im Januar des Jahres 2026 etwa zwei Millionen Zivilisten der russischen Regionen mit Störungen der Stromversorgung im Zusammenhang mit den Schlägen der ukrainischen Streitkräfte gegen die zivile Energie-Infrastruktur der Russischen Föderation konfrontiert wurden. Dieser Wert ist gleichfalls höher als im Januar des Jahres 2025“. Dabei beeinflussen die Schläge der Streitkräfte der Ukraine gegen Ziele in den Grenzregionen und in der Tiefe des Territoriums der Russischen Föderation in keiner Weise die Situation an der Front, wo die russischen Streitkräfte in allen Richtungen vorrücken.

Am Vorabend des Kiew-Besuchs von Mark Rutte hatte der Präsident der Ukraine, Wladimir Selenskij, von der Notwendigkeit einer neuen militärischen Unterstützung von den Partnern aus der NATO gesprochen. Er rief sie auf, den Druck auf Russland zu verstärken, und betonte, dass ohne den die Kampfhandlungen nicht aufhören würden. „Eine rechtzeitige Lieferung von Raketen für die Luftabwehrsysteme und der Schutz eines normalen Lebens sind unsere Priorität“, sagte er.

Rutte gab bei seinem Auftritt in der Werchowna Rada (das ukrainische Parlament – Anmerkung der Redaktion) zu verstehen, dass die Appelle Selenskijs in der NATO vernommen worden seien. Der Generalsekretär der Allianz betonte, dass die Partner weiterhin Druck auf Russland ausüben und die Ukraine unterstützen würden, und unterstrich, dass die westlichen Verbündeten genauso wie auch die Ukrainer kein zweites Budapester Memorandum oder noch ein analoges Dokument zu den Minsker Abkommen wünschen würden: „Die NATO sind zusammen mit der Ukraine für Jahre im Voraus! Ihre Sicherheit ist unsere Sicherheit, Ihr Frieden ist unser Frieden“. Vor dem Hintergrund des Kollaps im Energiesektor (vor allem durch russische Angriffe gegen ukrainische Energieobjekte — Anmerkung der Redaktion) versuchte Rutte, die Bevölkerung der Ukraine aufzumuntern: „Der Winter ist ein sehr langer, doch der Frühling wird kommen. Ukrainer, bleibt starke. Ich weiß, dass Ihr starke seid“, betonte er. In seinem Auftritt vor den Abgeordneten erklärte der Chef der Allianz gleichfalls, dass das Programm für Waffeneinkäufe PURL (Prioritized Ukraine Requirements List) gegenwärtig 90 Prozent der Luftverteidigung der Ukraine absichere.

Dies sei aber unzureichend, meint Selenskij. Vor einigen Tagen umriss er für die neue Führung des Verteidigungsministeriums drei Hauptaufgaben — „den Himmel zu schließen, Klarheit hinsichtlich der Fragen der „Bussifikation“*) und eine Armee von Vertragsmilitärs zu schaffen“.

„Das Problem des Mangels an Militärs in den Verbänden der Streitkräfte der Ukraine zusammen mit dem Problem der Schwäche der Luftabwehr rücken in den Vordergrund. Gerade sie sind nach Einschätzungen von Experten die Hauptursachen für das Treffen wichtiger Objekte in der Ukraine (durch russische Attacken – Anmerkung der Redaktion) und der Niederlagen an der Front“, meint Nikolaj Schulgin.

Medien zitierten des Leiter der Kommunikationsverwaltung des Kommandos der Luftstreitkräfte der ukrainischen Armee, Jurij Ignat, der erklärte, dass Russland seit dem Jahr 2025 begonnen hätte, bei kombinierten Schlägen mehr ballistische Raketen und weitreichende Drohnen des Typs „Geranie“ einzusetzen. Er betonte die Effektivität dieser Waffen und verband dies nicht nur mit der Verbesserung ihrer taktisch-technischen Parameter, sondern auch mit dem entstandenen Mangel an „Patriot“-Fla-Raketen-Komplexen in den Streitkräften der Ukraine. „Russlands Schläge werden aufgrund des Mangels an Luftabwehrraketen für ein Abfangen von Luftzielen zu immer schmerzhafteren. Und mitunter stehen einige Systeme während des Wartens auf eine neue russische Attacke leer da“, gestand er ein. Ignat unterstrich, dass es mithilfe der „Patriot“-Systeme schwierig sei, die Flugbahn der ballistischen „Iskander-M“-Raketen aufgrund ihrer Manövrierfähigkeit und Geschwindigkeit zu berechnen. Und der Schlag mit einem „Oreschnik“-Raketenkomplex gegen Lwiw sei nach seiner Meinung ein Signal für die Länder des Westens, dass Russland eine wirksame und präzise Waffe hat, die „man nicht abschießen kann“.

Zumal die Zwangsmobilmachung in der Ukraine gescheitert ist. Über die Probleme der personellen Auffüllung der ukrainischen Armee schrieb beispielsweise das amerikanische Blatt „The New York Times“. „Die Streitkräfte der Ukraine leiden unter einem Mangel an Truppen für das Halten eines jeden Frontabschnitts, was Lücken in der Verteidigung reißt, die das Vorrücken der russischen Truppen erleichtern. Zu einem solcher Beispiele wurde der rasante Verlust der Kleinstadt Guljaipolje“, merkte die Zeitung an.

P. S.

Derweil hat Kremlsprecher Dmitrij Peskow am Mittwoch den Beschuss ukrainischer Energieobjekte durch russische Truppen bestätigt und gebilligt, wobei er erklärte, dass „unsere Militärs jene Ziele vernichten, die sie als mit dem Militärkomplex des Kiewer Regimes für assoziierte ansehen“. Dabei ließ er die Frage offen, ob damit ein Unmut der ukrainischen Bevölkerung ausgelöst werden solle, um Druck auf Kiew auszuüben.

*) „Bussifizierung“ (ukrainisch Бусифікація) ist ein ironisches Neuwort im ukrainischen Sprachgebrauch, das das gewaltsame Vorgehen gegen Männer im wehrpflichtigen Alter im Rahmen einer Zwangsmobilmachung beschreibt, die oft auf der Straße aufgegriffen und in Kleinbusse, die sogenannten „Bussiki“, für einen Transport zu Einberufungszentren verfrachtet werden.